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Mariam Kühsel-Hussaini,  "Tschudi"

Über den Kampf um die Moderne

2010 erschien Mariam Kühsel-Hussainis vielgelobtes Debüt „Gott im Reiskorn“, in 1950er-Jahren in Afghanistan spielend. Es folgen  der Roman „Abfahrt“  (2011) über einen  Unternehmensberater,  der zu viel Wagner hört,  und „Attentat auf Adam“ (2012) über die  berühmten heiligen Schriftrollen von Qumran.

Mit ihrem vierten historischen Roman "Tschudi" erzählt die 1987 in Kabul geborene und in  Deutschland aufgewachsene Autorin Mariam Kühsel-Hussaini  die Geschichte des aus altem schweizerischem Adelsgeschlecht stammenden Kunsthistorikers  Hugo von Tschudi, der  1896 bis 1909 als Direktor der preußischen Nationalgalerie in  Berlin  den Grundstock legt für eine  Sammlung bedeutender französischer Impressionisten.  „Französische Kunst im kaiserlichen Berlin.“  Als erstes Museum weltweit.

Die Autorin feiert ihren Protagonisten Hugo von Tschudi als genialen Ausnahmemenschen.  Eine auffallende charismatische Erscheinung, hochgewachsen, mit dunklen, strahlend-stechenden Augen, klassisch gebildet. Noch dazu ein liebevoller Ehemann und Vater. Sein Gesicht wird jedoch zunehmend zerfressen durch eine schwere Autoimmunerkrankung,  die „Wolfskrankheit“.  „Ich verfaule!“, bricht es aus ihm heraus.  Entstellung, Ängste, Verzweiflung verbirgt Tschudi hinter einer von  Virchow angefertigten Maske, dadurch noch geheimnisvoller wirkend.

 Bestens vernetzt ist er mit wichtigen Mäzenen, Industriellen und Politikern, welche  die Sammlung protegieren.  „Ein Meister des Widerspruchs“, so die Autorin, der selbst vor Kaiser Wilhelm,  welcher die  künstlerische Moderne ablehnt und damit auch Tschudi,  nicht einknickt, stattdessen souverän seinen Standpunkt vertritt. Was wiederum Wilhelm, ein  innerlich schwacher Mensch, welcher Kunst als nationale Inszenierung begreift,  zur Raserei treibt.

„Dieser Adlige aus der Schweiz, der Wiener Gymnasiast gewesen war, bewundert und umschwärmt von seinen Kameraden, der ständig reiste, überall hin fuhr und der so gar kein Interesse für die Romantik und den Pathos der Soldaten empfand, ja nicht begreifen konnte, wie etwas so Ausgehöhltes wie der Krieg überhaupt existenzieller Gegenstand sein konnte, Bedürfnis und Ausdruck. Dieser Mann, der nichts nötig hatte, einzig aus Lust bestand, versehen mit einem goldenen Stempel“, beschreibt ihn neiderfüllt Wilhelm von Bode,  einflussreicher Generaldirektor der staatlichen Kunstsammlungen, der  „Bismarck der Berliner Museen“. In Tschudi, den er anfangs persönlich gefördert hat,  sieht er zunehmend einen Konkurrenten.  Dessen Kunstauffassung sei „pervers“, lässt er den Kaiser wissen.

Hugo von Tschudi brennt für die Pariser Moderne: Für Manet, Cezanne, Monet,  Degas beispielsweise.  Beraten wird er von seinem Freund, dem bedeutendsten Repräsentanten des deutschen Impressionismus, Max Liebermann.

Die „Kunstfronten“ sind indes klar:  Die national gesinnten Zeitungen attackieren Tschudi.  Der bedeutende Maler von Historienbildern und Kunstpolitiker Anton von Werner, Lieblingsmaler des Kaisers Wilhelm II. intrigiert gegen ihn. Der nur 1,40 Meter große  Adolph von Menzel, der Maler Preußens, liebevoll „Kleine Eminenz“ genannt, der wegen seiner historisierenden Darstellungen aus dem Leben Friedrichs des Großen geadelt worden ist, ist ein scheuer  abweisender arbeitswütiger Mensch. Kein Intrigant.  Der auch in seinen Arbeiten den Prunk der Großbürger wie die Armut der kleinen Leute realistisch darstellt. Sein Tod Kaiser berührt Wilhelm II.  aufrichtig. 

Ein brillantes detailreiches Epochenbild vom  kaiserlichen Deutschland der Gründerzeit entfaltet Mariam Kühsel-Hussaini: So sind Wohnungen, Garderobe der Belle Époque farbig beschrieben. Automobile, die Stadtbahn fahren bereits durch Berlin. In den Salons trifft sich in Feierlaune die Hautevolee. In noblen Etablissements debattieren die Herren bei gutem Wein fachkundig über die Kunst.  Der deutsche Impressionist Max Slevogt malt 1902 wundervoll Hugo von Tschudis Frau Angela, heute ist das Bildnis Teil der Sammlung der Neuen Pinakothek in München. Der junge Max Reinhardt, der berühmte Medizinalrat Rudolf Virchow,  Cosima Wagner, die „Herrin von Bayreuth”, alle haben ihren Auftritt. Gerhard Hauptmann schreibt an Tschudi, Tschudi an die junge Käthe Kollwitz. Mit  Kenntnis und Einfühlungsvermögen porträtiert die Autorin ihre Figuren.

Mariam Kühsel-Hussainis  historischer Roman  "Tschudi" wendet sich in erster Linie an kunst- und kulturgeschichtlich Interessierte.  Stilistisch  schlägt sie einen äußerst pathetischen, blumig-schwärmerischen  Ton an. Was Geschmacksache ist. Gleichsam lässt sie so literarisch Wassily Kandinskys Urteil nach Tschudis Tod aufscheinen: „Er war nicht nur ein großer Mann, sondern auch ein Großer Mann.“

 

Mariam Kühsel-Hussaini: „Tschudi“.

Rowohlt Verlag, Hamburg, 320 Seiten

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Aalener Kulturjournal