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Marie Benedict: "Lady Churchill"

Die starke Frau hinter Winston Churchill

Lady Clementine Churchill (1885 -  1977). Die Frau an Winston Churchills Seite. Tochter von Sir Henry Montague Hozier und seiner  Ehefrau Lady Blanche Henrietta Ogilvy.  Eine intelligente, loyale,     unkonventionelle Frau, wie Marie Benedict in ihrem neuen Romans „Lady Churchill“  diese charakterisiert.  

Die Handlung des Romans setzt am 2. September 1908 ein mit der Hochzeit des Paares. Eine Ehe im Schatten der Politik beginnt, welche bis  zum Tod Churchills im Jahre 1965 dauern sollte. Wobei der Roman selbst am 12. Mai 1945 endet. Den Rahmen bilden das politische Engagement Churchills,  der Erste, der Zweite Weltkrieg, der Kampf gegen die NS-Diktatur. Rückblickend erinnert sich die im Mittelpunkt stehende Ich-Erzählerin Clementine, aus deren  Perspektive das Geschehen konsequent dargestellt wird, an ihr Leben in seiner ganzen Bandbreite. Geistes- und Seelenverwandte seien sie und  Winston Churchill von Anfang an gewesen, sofort sich zueinander hingezogen fühlend.

Erzogen an der traditionsreichen Berkhamsted School für Mädchen,  studiert Clementine  – höchst ungewöhnlich für die damalige Zeit – in Paris an der Sorbonne. Der aus der britischen Hocharistokratie stammende Churchill ist ein aussichtsreicher Jungpolitiker,  der im Jahr 1900 als  25-Jähriger zum ersten Mal ins britische Unterhaus gewählt wird, um über sechzig Jahre dem Parlament anzugehören. 1904 wechselt er von den Konservativen zu den Liberalen, 1924 wieder zu den Konservativen. Ehrgeizig und begabt klettert er die Karriereleiter hoch, unter anderem ist er Innenminister, Erster Lord der Admiralität, Schatzkanzler und britischer Kriegspremier. Über die totalitären Bewegungen jener Zeit macht sich Churchill keine Illusionen. Lenin und Trotzki nennt er  „tödliche Giftschlangen“, seine frühen Warnungen vor Hitler, vor der aggressiven Politik Nazi-Deutschlands verhallen. Siege und Niederlagen, das Auf und Ab seiner politischen Karriere  des polarisierenden Politikers meistert das Ehepaar gemeinsam.

 

Clementine bleibt immer loyal an seiner Seite, ohne jedoch Staffage zu sein.

 

Über Seiten hinweg lässt die Autorin das fiktive Ehepaar Churchill sich austauschen über die Geschehnisse. Der Konsens des Paares lautet von Anfang an: Clementine, die unverhohlen mit der Frauenrechtsbewegung sympathisiert, solle eine feste Rolle einnehmen als „politische Vertraute und persönliche Gefährtin“. Eine Aufgabe, für die sie sich begeistert. Allerdings zum Missfallen nicht nur der männlichen Zeitgenossen. „Das schickt sich nicht.“ Attestiert wird ihr gar Unweiblichkeit. Bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit geht Clementine. Sie  arbeitet sich ein in politische Themen, um als kompetente Ratgeberin zu fungieren, unterstützt ihren Mann bei Wahlkämpfen, begleitet ihn auf Dienstreisen, ist während des Zweiten Weltkrieges besser informiert über Staatsgeheimnisse als viele Minister. Und beteiligt sich aktiv beim Schmieden einer Allianz gegen Nazi-Deutschland. Darüber hinaus setzt sie in Abstimmung mit ihrem Mann  eigene Schwerpunkte: Zum Beispiel ist ihr ein besonderes Anliegen der Schutz der Bevölkerung während der verheerenden Bombenangriffe auf London 1940/41 durch die Deutschen. Wie sie auch mit  Beginn des Zweiten Weltkriegs die  "Rotkreuzstiftung für die Russische Hilfe"  ins Leben ruft und leitet, dafür erhält sie von Stalin den Orden vom Roten Banner.

Nebenbei organisiert sie den aufwendigen Haushalt, bringt fünf Kinder zur Welt: Diana, Randolph, Sarah, Marigold und Mary. Marygold stirbt als Dreijährige an einer Krankheit. Nicht einfach für die fiktive wie die  reale Clementine, wenngleich  - wie in der Upper Class üblich - von Personal unterstützt. Obwohl das Geld knapp ist, pflegt Churchill, der mit dem Schreiben von Artikeln und Büchern das Einkommen aufbessert, einen luxuriösen Lebensstil. Belastend wirken seine Depressionen, von ihm der „schwarze Hund“ genannt. Clementine hadert durchaus mit ihrem Dasein, zweifelt an ihrer Mütterlichkeit, da ihr die politische Arbeit mehr bedeutet als die Beschäftigung mit den Kindern, denkt auch an Trennung, um sich dann doch anders zu entscheiden. Wochenlange Auszeiten nimmt sie sich, um sich von den Belastungen  zu erholen.

Sorgfältig und umfassend hat die Autorin Marie Benedict  für das Buch recherchiert, um die Lebensgeschichte ihrer Protagonistin, in der Privates und Zeitgeschichte sich unlösbar verknüpfen, lebendig werden zu lassen, durchweg sich spiegelnd in den  Gedanken und Gefühlen der fiktiven Clementine. 

 

Wie eine Illustration zu „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau“ 

 

Im Nachwort betont die Autorin ausdrücklich, dass der Roman eine von ihr „erdachte Welt“ sei,  um auf verschiedene Dokumentationen hinzuweisen, welche sich mit der realen Clementine Churchill befassen. Ohne die Winston Churchill vielleicht nicht zu einem der bedeutendsten britischen Staatsmänner des 20. Jahrhunderts geworden wäre. Das ist Fakt, von  Winston Churchill selbst bestätigt.  Als 1953 Winston Churchill  den Literaturnobelpreis für sein Werk über die Geschichte des Zweiten Weltkrieges erhält, nimmt seine Frau diesen für ihn in Empfang, da er gesundheitlich zu angeschlagen ist.

Wie eine Illustration zu der Sentenz „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau“  wirkt das Buch. Ob die reale Clemtine Churchill tatsächlich erwartet  hat, in den Geschichtsbüchern zu stehen, sei dahingestellt. Obgleich für die damalige Zeit eine ungewöhnliche Frau, ist sie geprägt von den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts.   Vor  jungen Frauen, vor allem an der Universität Oxford, hält Clementine Churchill nach dem Tod ihres Mannes Vorträge zu dem Thema "Wie man sich für ein halbes Jahrhundert nicht mit seinem Mann langweilen kann", mit der Empfehlung dem Ehemann nicht die eigene Meinung aufzudrängen, sondern mit Geduld und Sanftheit ihn positiv  zu beeinflussen.

Marie Benedict geht es indes um etwas anderes. Das Leben ihrer Protagonistin macht die Autorin zum Sinnbild einer heute noch existierenden weiblichen Rolle:  Eine Frau, die im  Schatten bleibend den staatstragenden Ehemann unterstützt. So lässt Marie Benedict den  Roman mit Clementines rhetorischer Frage  enden: „Aber werden sie sehen, dass auch meine Hand den Stift führte?“

Zwölf Jahre überlebt die reale Clementine ihren Mann, wird mit zahlreichen Ehrungen für ihr Engagement gewürdigt. Ehrenabschlüsse erhält sie der Universitäten von Glasgow, Oxford und Bristol. Bereits 1946 wird sie geadelt. 1965, nach dem Tod ihres Ehemanns, als Baroness Spencer-Churchill, of Chartwell im County of Kent zur Life Peeress erhoben und so Mitglied des House of Lords.

Deutlich wird auch  vor dem Hintergrund des Romans, was sich in den letzten Jahrzehnten geändert hat. Es gibt inzwischen in die Funktion gewählte staatstragende Frauen mit einem  Ehemann an der Seite. 

 

INFO

 

Marie Benedict

Lady Churchill

Starke Frauen im Schatten der Weltgeschichte Band 2

Verlag  Kiepenheuer & Witsch

448 Seiten         

Übersetzt von Marieke Heimburger

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Aalener Kulturjournal