Marta Karlweis

Das Gastmahl auf Dubrowitza 

(AK) Nach den Romanen "Ein österreichischer Don Juan" beziehungsweise "Schwindel. Geschichte einer Realität" (siehe: Aalener Kulturjournal/Literatur ), der  einstmals  bekannten Autorin Marta Karlweis überrascht nun der  österreichische Verlag "Das vergessene Buch" mit einem weiteren Kleinod, dem einzigen historischen Roman der  Schriftstellerin: "Das Gastmahl auf Dubrowitza". 1921 erschienen im renommierten Verlag S. Fischer in Berlin. Erzählt wird von der Inspektionsfahrt der russischen Zarin Katharina der Großen durch ihre südrussischen Provinzen. Gründliche historische Quellenstudien, die zu einem "beeindruckenden Detailwissen" führen,  bilden die Basis für das außergewöhnliche Werk. Nachzulesen in dem informativen Nachwort des Herausgebers Professor Sonnleitner, einem anerkannten Experten für  die Literatur der österreichischen Zwischenkriegszeit.

"Die Kaiserin reist in die Krim", erfährt die "Marschallin" Jelena Wasiliewna Tschernitschewa. "Die Gräfin Tschernitschewa wurde ersucht, Ihrer Majestät auf der Reise nach Taurien am 26 Januar des Jahres 1787 Nachtlager in  ihrem Haus zu gewähren."  Jelena Wasiliewna Tschernitschewa, verwitwet,  lebt verbittert nach dem frühen Tod ihres Mannes, eines Marschalls, auf ihrem Gut. Ein strenges Regiment führend über ihre Leibeigenen, erscheint sie anfangs als Menschenfeindin. Jedoch ist sie es, die der Zarin die Augen öffnen wird über das menschenverachtende Treiben ihrer Höflinge. 

Eine Farce. "Potemkinsche Dörfer" eben

Die Stadt Tschertschensk, in einer  gottverlassenen Gegend gelegen. muss sich in Erwartung der Kaiserin herausputzen. Frisch gestrichene Häuser, festlich gekleidete Menschen sollen Wohlstand vortäuschen. Bäume verkleiden hässliche Winkel, Brücken über Flüsse täuschen Handelswege vor. "Der Weg der Kaiserin strahlte jeden Abend von Petersburg bis Kiew wie eine irdische Milchstraße durch das unermeßliche Reich." Ihr voraus reist der zwielichtige Abenteurer Phalajew, "ein Ungeheuer ohne Grenzen", der im Auftrag des Fürsten Potemkin  diese Luftschlösser baut.

"Wenn Gott es nicht scheinen ließ, sorgte Phalajew dafür." Hinter der Zarin abgebrochen, immer wieder aufs Neue aufgebaut für die nächste Etappe der Reise. Eine Farce. "Potemkinsche Dörfer" eben - seit zwei  Jahrhunderten Sinnbild für Lug und Trug. Die "allerdings sind  - so inzwischen die Geschichtsschreibung - eine Erfindung der Neider des Fürsten. Die neue historische Forschung zeichnet ein  anderes Bild. Der Gouverneur Grigori Alexandrowitsch Potemkin, bis 1776 Geliebter der Zarin, war  kein Hochstapler, sondern ein Verwaltungsgenie und Militärreformer, der nach der Trennung von der Zarin für die Entwicklung Neurusslands zuständig war. 

So bekamen die an der Reise teilnehmenden ausländischen Gesandten - einige kommen auch im Roman vor -   keine Scheinwelt  präsentiert, sondern beeindruckende Bauwerke wie Paläste, Kirchen und Verteidigungsanlagen. Heute übrigens noch zu besichtigen. Die Handlung des Romans "Das Gastmahl auf Dubrowitza" folgt der Version des anonym veröffentlichten Buches "Taurische Reise der Kaiserin von Rußland Katharina II."; als Urheber  der Verleumdung  gilt der sächsische Diplomat Adolf Wilhelm von Helbig, wie das Nachwort Professor Sonnleitners ausführlich zeigt. 

Marta Karlweis zeichnet drastische Bilder

Belegt sind  allerdings Potemkins Brutalität, Exzentrik und Habgier. 

 Die Gräfin Tschernitschewa und die Zarin Katharina, zwei grundverschiedene Frauen, begegnen sich.  "Indessen entstieg vor der Rampe des Hauses Tschernistscheff ihrem zwölfspännigen goldumborteten Schlitten Katharina, eine stattliche Frau, gepflegt und rosig in ihrer matronenhaften Fülle, im grünen, russischen Kostüm."  Jubel, Fanfaren, viele werfen sich in den Schnee. Jelena Wasiliewnas  Abneigung verfliegt.

Prachtentfaltung,  Ausschweifungen  des Adels, dessen Willkür gegenüber dem Volk, Übergriffe auf Frauen, auf Bauern vermischen sich im Roman zu einer schillernden wie barbarischen Welt.  Mit  drastischen Bildern von Marta Karlweis veranschaulicht.

Der Roman zeigt die Zarin auf dem Höhepunkt ihrer Macht. In einem Dialog mit ihrem Günstling Potemkin erklärt  Katharina bitter:  "Die Arbeit meines Lebens hat darin bestanden, jedem meiner Untertanen ein gesundes Maß von Recht  vor meinem Throne einzuräumen." Und: "Wer der Geringsten einen von mir verachtet, fügt mir Schmerz zu, denn er versteht mein Leben falsch, und wer will Missverständnis und schiefes Urteil freiwillig ertragen?"

 

Für Voltaire ist die Zarin eine „Philosophin auf dem Thron“

Die am 2. Mai 1729 in Stettin geborene Sophie Friederike Auguste von Anhalt-Zerbst, wird durch Konversion zum orthodoxen Glauben Jekaterina Alexejewna, als sie den russischen Thronfolger heiratet. 1762 nach einem Staatsstreich gegen ihren wohl debilen Mann Peter III, dessen Ermordung sie billigt,  Zarin und Autokratin von Russland, regiert sie 34 Jahre lang.   

Die Herrscherin  begreift sich als aufgeklärte Absolutistin, verehrt von Voltaire als „Philosophin auf dem Thron“.  Sie fördert die Wissenschaften, reformiert Verwaltung, Rechtsprechung, Bildungssystem, führt eine Armenfürsorge ein und macht Russland  zur europäischen Großmacht. Die Leibeigenschaft - nebenbei erwähnt erst 1861 aufgehoben - sieht sie zwar kritisch, verbessert aber nicht die Stellung der Bauern, die der Sklaverei nahekommt, da der Adel davon profitiert. Einen Bauernaufstand  in der Ukraine lässt sie blutig niederschlagen. Die sozialen Verhältnisse  bleiben mittelalterlich.

Die absolutistischen Herrscher sind bekannt für ihre Mätressenherrschaft. Die historische wie fiktive Zarin Katharina, eine leidenschaftliche wie machtbewusste Frau mit zahlreichen Liebhabern,  nimmt sich dieselben Rechte heraus wie die männlichen Kollegen. Die herrschende doppelte Moral diffamiert sie dafür als Cleopatra, als Agrippina.

Bald nachdem die Zarin samt Gefolge das Gut der Gräfin Tschernitschewa verlassen hat, brennt dieses vollständig nieder. Auf "jämmerlichen Straßen" in einem schäbigen Gefährt, gezeichnet vom  Brand, rast sie  dem glanzvollen Zug der Zarin nach, vorbei an "verlassenen Hütten", an zerbrochenen  Brücken".  Um dieser  das Gut Dubrowitza nahe Moskau  für den Wiederaufbau des zerstörten zu verkaufen.

Eine groß angelegte Rufmordkampagne

Die Feldmarschallin sieht, "was keiner gesehen haben durfte".  Apokalyptische Höllenbilder.  Verendendes Vieh,  an Erschöpfung gestorbene Menschen  auf den Straßen. Aus zerstörten Dörfern zusammengetrieben, angeblich auf Befehl der Kaiserin, um ihr zu huldigen. In Wirklichkeit Folge der von Phalajew inszenierten Farce. Marta Karlweis sei einer Mär aufgesessen, betont Professor Sonnleitner. Dessen muss man sich bei der Lektüre immer bewusst sein. Diese Mär gestaltet die sprachgewaltige Autorin allerdings zu einem in sich stimmigen beeindruckenden Bild. Ein erdachtes Gebilde, jedoch vorstellbar angesichts des inneren  gesellschaftlichen Zustandes des russischen Riesenreiches. Auf der einen Seite Zynismus, Menschenverachtung gepaart mit ungeheurer Machtgier, auf der anderen Seite  das abgrundtiefe Elend des ausgebeuteten Volkes. Sicher  mit ein Grund, warum die Legende von den "Potemkinschen Dörfern" sich so lange hat halten können.

Im Roman lässt die Zarin Katharina sich täuschen von Potemkin, erscheint schwach, die Höflinge hingegen durchschauen das Spiel. Eine merkwürdige Naivität, die so gar nicht zu der machtbewussten realen Herrscherin passen will. Die Rufmordkampagne gegen Potemkin sollte wohl auch vermitteln, dass  Frauen mit dem Regieren überfordert wären, denn zu leicht ließen sie sich den Kopf vernebeln durch irgendwelche Liebhaber.

1921 ist der Roman erschienen, wenige Jahre nach der russischen Oktoberrevolution. Die Autorin  Marta Karlweis enthält sich wohltuend jeglicher Ideologisierung.  "Wehe denen, die mit einer einzigen armen Wahrheit dereinst vor Gottes Thron treten, der Herr wird sie des Paradieses verweisen wie Adam, der die Wahrheit seines armseligen nackten Leibes erkannt hat", sagt die Gräfin Tschernitschewa gegen Ende des Romans. Eine der Schlüsselstellen. Insofern lässt sich dieser als großartige Metapher lesen, losgelöst von der Historie. Zeitlos eben!

Die Autorin

Marta Karlweis (1889-1965) ist die Tochter des Wiener Komödiendichters Carl Karlweis, Frau des Erfolgsschriftstellers Jakob Wassermann und Mutter des ehemals bekannten Journalisten Charles Wassermann. Nach dem Abitur studiert sie Psychologie, bricht aber rasch ab, um den Industriellen Walter Stross zu heiraten. Aus dieser Ehe gehen zwei Töchter hervor. Zu jener Zeit beginnt sie sich bereits einen Namen als Schriftstellerin zu machen. 1915 lernt sie Jakob Wassermann kennen, den sie  nach dessen Scheidung 1926 heiratet.1924 kommt ihr Sohn Carl Ulrich (Charles) zur Welt.

Nach Jakob Wassermanns Tod 1934 emigriert sie wegen des Nationalsozialismus in die Schweiz und nimmt bei C.G.Jung ihr Studium der Psychologie wieder auf. 1939 geht sie ins Exil nach Kanada, wo sie einen Lehrauftrag an der Mc-Gill Universität in Montreal übernimmt. Bis zu ihrem Tod arbeitet sie in ihrer psychiatrischen Praxis in Ottawa. Am 2. November 1965 stirbt Marta Karlweis auf einer Reise in der Schweiz.

Ihr schriftstellerisches Werk gerät ab 1945 in Vergessenheit. Dem Wiener Verlag "Das vergessene Buch" ist ihre Wiederentdeckung zu verdanken.

Im Anhang des Buches stellt Professor Dr. Johann Sonnleitner, Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Wien, liefert aufschlussreiche Erläuterungen zum Verständnis des Romans  "Das Gastmahl auf Dubrowitza".

 

Marta Karlweis,

"Das Gastmahl auf Dubrowitza"

Verlag "Das vergessene Buch"

ISBN 978-3-95041548-7-2

 

 

 

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