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Marta Karlweis: "Der Zauberlehrling"

  Eine andere Ménage-à-trois

Marta Karlweis (1889–1965),  eine in den 1920er Jahren erfolgreiche österreichische Schriftstellerin, mit Beginn der  NS-Zeit ins Abseits gedrängt und schließlich vergessen. Seit wenigen Jahren erlebt die Autorin eine Renaissance dank des Wiener Verlags „Das vergessene Buch“. Wiedererschienen sind die Romane „Schwindel. Geschichte einer Realität“ (1931),  „Das Gastmahl auf Dubrowitza“ (1921),  "Ein österreichischer Don Juan" (1929). 

Und nun  das erzählerische Debüt der Autorin aus dem Jahr 1912. Der vorliegende Band, dem die an erster Stelle stehende Künstlernovelle „Der Zauberlehrling“, welche im Wien der Jahrhundertwende handelt, den Titel leiht, enthält die bislang bekannten Erzählungen von Marta Karlweis.

Als  Protagonist im „ Zauberlehrling“ agiert Dr. Georg Hübner, 30 Jahre alt, Jurist, jedoch nicht als solcher tätig, denn er fühlt sich zum Dichter berufen. Sein Leben spielt sich ab zwischen Burgtheater und Café Central, Treffpunkt der Wiener Bohème, der Intellektuellen und Müßiggänger, die gemeinsam an der „Unfreiheit“, an der sinnentleerten bürgerlichen Welt leiden. „Es ist kein Halt da“, sagt Hübner. „Der Zweifel hat alles aufgefressen, was Tradition hieß. Gemeinsinn entpuppt sich als Parteilichkeit und Eigennutz, Religion als Muckerei und Geschäft. Wir erschrecken. Chaos ist in uns. Wäre plötzlich Stille um uns her, müßten wir an unserem inneren Getümmel zugrunde gehen.“       Das reale Caféhaus, einst der wichtigste Ort der literarischen Kommunikation, sei eine Weltanschauung gewesen, so der Schriftsteller Alfred Polgar. Begegnen konnte man dort u.a. Alfred Adler, Sigmund Freud, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Robert Musil, Stefan Zweig. Der russische Revolutionär Leo Trotzki, mit bürgerlichem Namen Bronstein, vor dem Ersten Weltkrieg als Emigrant in Wien lebend, verbrachte in Wartestellung seine Zeit im Central mit Schachspielen. So wird der fiktive Hübner von einem russischen Anarchisten aufgefordert, ihn nach Russland zu begleiten: „Sie sollen nicht dichten von Rache und Freiheit!“ Morden und schlagen solle er, um sich Raum zu verschaffen.

 

Wenn giftige Gedanken wahr werden

 

Man diskutiert über  Kunst, Kultur und Frauen, kommentiert erschrocken den Wandel der Geschlechterrollen: „Früher waren sie – noch Frauen! Innerlich durch ein festes Gesetz beruhigt.“  Ansonsten lebt der als Schriftsteller durchaus geschätzte  Georg Hübner  in den Tag hinein,  taxiert, wenn er durch die Straßen geht,  alle Frauen, fürchtet sich jedoch zugleich vor Nähe. „Giftige Gedanken“ beherrschen ihn: Neid, Ohnmacht, galliger Zorn, welche er hinter einer hinter einer abgeklärten Fassade zu verstecken sucht.

Eine verhängnisvolle  Dreiecksgeschichte mit zwei  jungen Damen aus guter Gesellschaft entspinnt sich. Katharina Steinbach und ihre 17-jährige Schwester Elisabeth, im Wesen und Aussehen völlig verschieden, haben es Hübner angetan. Die ältere rothaarig, exaltiert, verführerisch, die jüngere dunkelhaarig, madonnenhaft, immer bereit sich aufzuopfern. Die Hure und Heilige um die Jahrhundertwende vor dem Hintergrund der Frauenbewegung ein beliebter Topos.  

An einem schwülen Sommernachmittag, damit beginnt die Erzählung,  lässt sich Katharina nach einigem Hin und Her von Georg Hübner, der sie zornig und höhnisch bedrängt, verführen. Distanziert und leicht spöttisch skizziert die Autorin die Situation. Während Hübner  aufgrund seiner  Doppelmoral Katharina als  „Dirnchen“ diffamiert,  stilisiert er Elisabeth zur Heiligen.  Als die Schwestern ihm zufällig begegnen, erklärt ihm Elisabeth scherzhaft, dass sie im Unterschied zu Schwester und Mutter, einer wohlhabenden Architektenwitwe, bei der sich die Künstlerwelt tummelt, diese nicht schätze. Er mache indes eine Ausnahme, da er noch nicht zur Zunft gehöre, sondern ein „Zauberlehrling“ sei. Aus einer Laune heraus hat ihm Elisabeth einst diesen Spitznamen verliehen. „Zauberlehrlinge“ seien „Übergangsprodukte“ in Zeiten des Umbruchs, erklärt ihm ein Schriftstellerkollege. Elisabeths Titulierung wirkt so ungewollt prophetisch, für das, was kommen sollte. Eine Anspielung auf  Goethes sich überschätzenden „Zauberlehrling“, der die Kontrolle verliert und unbeabsichtigt eine Katastrophe auslöst.

 

Das Leben kommt ins Rutschen

 

Hübner wird nicht damit fertig, wie rapide sich die Gesellschaft um die Jahrhundertwende wandelt. Traditionen zerbrechen, das Leben kommt ins Rutschen. Der moderne Mensch, der seiner Existenz  selbst Sinn verleihen muss, empfindet eine Art innere Leere. Um dies zu kompensieren, betäubt er sich durch  Vergnügungen. Nicht nur die Romanfiguren ahnen, dass das Alte seine  Gültigkeit und damit auch das die Menschen Verbindende verloren hat, finden für sich indes keine Antwort. Sie treiben dahin, klammern sich  an alte Rollen, spielen mit neuen. Gekonnt flicht die Autorin Titel aus der Literatur, bekannte Namen in das Geschehen ein, öffnet mit Goethe, Rilke, Nietzsche, Feuerbach Assoziationsräume. Zum Beispiel kostümiert sich die Gastgeberin als Philosoph Feuerbach, für den der Glaube an ein höheres Wesen ein Hirngespinst des Menschen ist.  Menschenliebe statt Gottesliebe, fordert er ein. Wohl von Feuerbach nicht so gemeint, wie  von der feierwütigen Bohème praktiziert. Auf der Straße, Hübner vergisst, dass er kostümiert ist,  wird sein  Werther-Kostüm als unmodern verlacht. Eine Erinnerung an Goethes Werther wird geweckt, an dessen „Krankheit zum Tode“, welche vor allem durch übertriebene Forderungen, unbefriedigte Leidenschaften und eingebildete Leiden bedingt sei, wie Goethe erklärt.

 Als Hübner  zaudernd  auf Wunsch der Gastgeberin das „Märchen von der Stille“, eine einzig große Chiffre seiner „gequälten Seele“, vorträgt, hinterlässt er zwar bei den Anwesenden eine „tiefe Wirkung“, erntet jedoch „halben Spott und halbe Barmherzigkeit“, um mit „leerem Blick“ das Fest zu verlassen. Außer Elisabeth, in welcher er die „neue Jugend“ zu erkennen vermeint, klüger und stärker ohne Angst vor der Stille und dem Alleinsein, begreift niemand seine große innere Not.

Zwei weitere Novellen  „Die  Uhr auf dem Fenstersims“ (1925) und „Die Geschichte einer kärnterischen Baronin“ (1935)  finden sich in dem vorliegenden Band. Im Zentrum beider Geschichten steht die Generalin von Pachofen, die sich eingerichtet hat in dem von ihr „gerecht und bündig“ regierten „Weiberstaat“. „(…)  kein männliches Wesen weit und breit, Mädchen und Weiber führten Mist, pflegten Rosen, besorgten die Pferde, ackerten das Feld“. Nur ein gutes Naturell müsse einer haben.

 

Mit dem Hang zum Morbiden künstlich verfeinert

 

Der Herausgeber Professor Johann Sonnleitner verweist in einem informativen Nachwort, welches Erläuterungen zu Werk und Leben der Autorin  Marta Karlweis beisteuert, auf das 1861 erschienene Werk „Das Mutterrecht“ des  Schweizer Rechtshistorikers und Altertumsforschers Johann Jakob Bachofen (1815-1887) hin.  „Pachofen“ und „Bachofen“ –  eine Spielerei der Autorin mit Konsonanten! Das Matriarchat sei vor der Vorherrschaft des Mannes die ursprüngliche Gesellschaftsform gewesen, bestimmt durch  mütterliche Qualitäten wie  Fürsorge, Gleichberechtigung und Schutz aller, lautet  Bachofens von Zeitgenossen verspottete These.

Die Generalin von Pachofen, pragmatisch, unkonventionell und resolut, immer bemüht Gräben nicht zu vertiefen, versammelt in Krisenzeiten wie nach dem  „Verfall des alten Reiches“ die Jugend um sich, welcher der  Krieg als „das böse Werk böser alter Männer“ erscheint und die glauben, das „heilige Reich der Jugend“ breche an.

In „Die  Uhr auf dem Fenstersims“ kümmert die  Generalin von Pachofen sich um ihre  verheiratete Nichte Luisa, die sich von einem geheimnisvollen Maler angezogen fühlt. Die von sich sagt, sie sei völlig frei und könne mit sich schalten , wie es ihr beliebe. Während „Die Geschichte einer kärnterischen Baronin“ warnend von einer jungen Frau erzählt, die zum „Opfer ihres guten Herzens“ wird, da sie aufgrund ihrer übergroßen Güte Gefahren nicht mehr einschätzen kann.

Zu  Beginn des 20. Jahrhunderts  ist Wien sowohl  der  Geburtsort der Psychoanalyse wie auch Herz der Décadence-Literatur. Man  ästhetisiert den kulturellen  Verfall  und zeigt  ein  immenses Interesse am menschlichen Seelenregungen. Die erst 23 jährige Marta Karlweis, die vor der Eheschließung mit einem Industriellen Psychologie studiert, ist  selbst Teil der porträtierten Gesellschaft. In zweiter Ehe wird sie den berühmten Schriftsteller Jakob Wassermann heiraten. Marta Karlweis verfügt über eine außerordentlich scharfsinnige  Beobachtungsgabe, welche sie aus einer geistigen Distanz heraus die wunden Punkte, das soziale Geschehen  und die  Geschlechterverhältnisse durchschauen lässt.  Tiefen Einblick gibt sie in ihren Erzählungen in die Empfindlichkeiten, Befindlichkeiten ihrer Protagonisten, in geheime unter der Oberfläche brodelnde Gefühle. Sodass unter ihrem kritischen Blick ein  Zeit- und Sittengemälde  entsteht gegossen in virtuose Prosa.

 

INFO

 

Marta Karlweis ,

„Der Zauberlehrling“ (1912)

„Die Uhr auf dem Fenstersims“ (1925)

„Die Geschichte einer kärtnerischen Baronin“ (1935)

Herausgeber und Nachwort: Professor Johann Sonnleitner

DVB Verlag, Das vergessene Buch, Wien 2021

264 Seiten

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Aalener Kulturjournal