Marta Karlweis: Schwindel. Geschichte einer Realität 

Wenn Gemeinheit auf Wirklichkeit trifft

In ihrem 1931 erschienenen Roman „Schwindel. Geschichte einer Realität“, ihrem letzten literarischen Werk,  zeichnet  Marta Karlweis das schonungslose Bild einer kleinbürgerlichen Familie. Der Wiener Stadt- und Familienroman  in  22 Kapiteln spielt vor und während des ersten Weltkrieges, in der Zwischenkriegszeit, im Österreich der Ersten Republik. Gezeigt wird keine walzerselige Wiener Gemütlichkeit, sondern die Menschen verelenden durch den Krieg, stöhnen unter der galoppierenden Inflation, stürzen ökonomisch ab.

Gleich das erste Kapitel  "Die menschliche Gemeinheit" konfrontiert mit der Realität. Die Großmutter der Familie Gaudenz sitzt am Tag der Beisetzung ihres "freundlichen" Sohnes schweigend da, die Hände auf dem schwarzen Rock. Acht Kinder hat sie zur Welt gebracht, von denen zwei bereits als Säuglinge sterben. Halbblind, fast taub ist sie inzwischen, in ihrem ganzen Leben nie müßig gewesen. Zwischen den Geschwistern herrscht Hass und Neid. Der ältere Sohn Franz nebst Gattin, von der Erzählerin ironisch als "das angenehme Ehepaar" tituliert,  macht der Mutter schreiend Vorhaltungen, da sein teurer Kranz mit Schleife falsch am Grab platziert und so kaum zu sehen gewesen sei.

Die Anwesenheit der kleinen verwaisten Nichte berührt ihn nicht. Die Erzählerin kommentiert: "Tief innig fühlte es (das Kind), was das ist, menschliche Gemeinheit." Dem Kind wird so eine Lektion fürs Leben erteilt. Überall lauert die Gemeinheit, die nicht einmal hinter schönen Redensarten verborgen werden muss. Franz Gaudenz, ein erfolgloser Chemiker, der immer Geld braucht, ist es auch, der aus angeblicher Sorge um das kleine verbliebene Vermögen  der Mutter so lange auf sie einredet, bis sie ihm die Vollmacht gibt, als Kapitalanlage ein "Zinshaus" zu kaufen. Brutal setzt er seine eigenen Interessen durch. Das Haus, unverkäuflich, in einem "menschenunwürdigen, polizeiwidrigen Bauzustand", gehört seiner Mesalliance, über einen Strohmann verkauft er es an die Mutter. Nie wird sie erfahren, dass sie betrogen worden ist. 

Überall nur Lug und Trug

Max, der jüngere Sohn, ein berühmter Schriftsteller und Beamter, hält sich aus allem heraus. Ohne jegliche Ironie, aber mit viel Sympathie stellt Marta Kalweis die "Ahnin", die Großmutter, dar. Eine  Frau mit "Würde, Anstand und Moral", gleichwohl zum Jähzorn neigend. Das ganze 19. Jahrhundert überblickt sie. Und ist zugleich "über alles hinweg".  Am Anfang ihres bewegten Lebens noch mit der Postkutsche unterwegs, wird sie am Ende mit dem Krankenwagen zur Klinik gebracht. Obgleich halbblind, liest sie unentwegt, ist politisch wie kulturell informiert und interessiert.

Die Tochter Johanna, in prekären Verhältnissen lebend, kleinwüchsig und beschränkt, mit "Augen eines ängstlichen Kaninchens", hat sechs Kinder zu versorgen. Von August Schnabel, ihrem verstorbenen Mann,  heißt es, er sei "halb Lump, halb Phantast" gewesen. Alle Schnabels seien Menschen zweiter Klasse, wissen die Verwandten. Die dünkelhafte Karoline, verheiratet mit einem General, deshalb "Generalstäblerin",  verachtet und demütigt ihre Schwester Johanna samt Kindern. Deren Schicksale stehen exemplarisch im Mittelpunkt des Romans, fügen sich kaleidoskopartig zu einem bedrückenden Bild.

Olga Schnabel, Johannas Tochter,  die "üppige, kleine Frucht", beginnt mit 14 eine Lehre als Schneiderin, wird bald von Robert Geßl, einem Musiker und "bösartigem Narren",  schwanger. Sie ist wie "eine Besessene vom ersten Kuss an", sein "Jagdhund". Johanna ist nicht nur Opfer, bereitwillig lässt sie sich erniedrigen. In Monologen offenbart die spöttisch distanzierte Erzählerin Olgas Innenleben: "O Robert! Sie denkt den Namen, sie flüstert ihn, sie schreit ihn, ihr Hirn ist Robert, ihr Herz ist Robert, Ihr Elend ist Robert, ihre Verzweiflung ist Robert." Die Familie erzwingt eine Heirat, Geßl, ein Psychopath, der sich schließlich das Leben nimmt, verlangt von Johanna, den neugeborenen Josef wegzugeben. 

"Das Leben ist ein finsteres Loch, von Stacheldraht umstrickt." 

Das sechste Kapitel ist Malwine, der ältesten Schnabeltochter, gewidmet, welche ein freudloses Dasein  als Gesellschafterin einer Generalin fristet. Zum Glück stirbt die Generalin, bevor sie Malwine ins Irrenhaus gebracht hat, so die Erzählerin. "Malwine war ein unfreies Geschöpf"  stellt die  Autorin gleich mit der Überschrift fest. Tante Proch, die Generalstäblerin, lässt Malwine den gleichen Posten - ohne Bezahlung -  bei der eigenen Großmutter übernehmen. "Abhängiger als ein Dienstmädchen, das seinen gesetzlich garantierten Ausgang hat." Malwine stirbt früh am gebrochenen Herzen.  Ihr Schicksal: "Gefangene und Geliebte". Dauerverlobt mit einem "klassisch gebildeten Mann", einem "schönen Philologen"  lässt der sie sitzen, "rutscht ins Brautbett" einer Prochtochter, der lukrativen Mitgift wegen. Gegen Ende des Romans taucht er  nun deklassiert wieder auf, wird zum Objekt der Begierde  der jüngsten Schnabeltochter Fritzi.

Dann Leo Schnabel, der älteste windige Schnabelsohn, macht Schulden, nimmt  auf sein Erbteil  (nur ein Achtzehntel der Bruchbude) zu Lebzeiten der Großmutter eine Hypothek auf. Er flieht, stirbt  verelendet in Amerika. Als Retter, der die Affäre regelt, tritt der Zigarettenfabrikant Seyfferth auf, der reiche Verwandte aus Hannover, verheiratet mit einer Cousine des Generals Proch. Die vermeintlich großmütige Tat ist für ihn Geschäft. Die männlichen Schnabelgeschwister müssen ratenweise die Summe zurückerstatten. Hinter der  Fassade brodelt es noch anderweitig gewaltig: auf stattliche sieben uneheliche Kinder hat es der als "triebhaft" charakterisierte Seyfferth gebracht.

"Das Leben ist ein finsteres Loch, von Stacheldraht umstrickt", beschreibt Ernst Schnabel, in seinem  Gehetztsein an Georg Büchners "Woyzeck" erinnernd, seine Sicht aufs Leben. Am Ende zerbricht er. Fritzi Schnabel, das jüngste Schnabelkind, "eine wehrhafte, bissige Person", von den übrigen Geschwistern von klein auf lächerlich gemacht, ist nahezu drei Jahrzehnte erfolgreich als Angestellte einer Bank tätig.  Dennoch lebt sie mit der Mutter, für die sie sich zuständig fühlt, nach dem Krieg in elendesten Verhältnissen. Um der Mutter Johanna, die "so viel gelitten hat",  ein angenehmes Leben, ein "Paradies",  zu bereiten, beginnt Fritzi  Geld zu unterschlagen. Gleichzeitig errichtet sie um die Mutter herum ein "Lügengebäude", gaukelt Wohlstand vor, malt die traurige Wirklichkeit schön, erfindet die Familiengeschichte neu. Den Schnabelkindern dichtet sie ein gelungenes Leben an. Sohn Ernst sei als Soldat den Heldentod gestorben. Leo lebe erfolgreich in Amerika, Olga beziehe ein gute Witwenrente, sie selbst sei  rundum glücklich. Mit dem unterschlagenen Geld  unterstützt Fritzi Schnabel sogar die inzwischen verarmten Prochs, die Seyfferths. Ihr Handeln betrachtet sie nicht als "Schwindel", sondern als Wiedergutmachung, als Korrektur der erlittenen Ungerechtigkeit. "Mein ganzes Leben ist Wiedergutmachung", sagt sie zu Olga.  Und: "Alles ist vor die Hunde gegangen um mich herum. Ich nicht. Ich hab die Zähne zusammengebissen und mir zugeschworen: an mir wird alles reell sein." 

Das Leben dreier Generationen seziert

Ein Selbstbetrug! Was sie wohl weiß. Fritzi zeigt Anzeichen einer Gemütsstörung,  erinnert an Büchners "Lenz", der geschädigt durch Kindheit und Familienverhältnisse wahnsinnig wird. Ähnlich Fritzi. Vernunft und Wahnsinn, Innenwelt -und Außenwelt zerfließen. Der Mediziner Büchner attestiert  seinem Lenz "eine namenlose Angst in diesem Nichts". Unfreiwillige Armut mache so ängstlich, als müsste man auf einer schmalen, hohen Mauer voller Glasscherben vorankommen, erklärt Marta Karlweis, die von Hause aus Psychologin ist, einfühlsam. Fritzi rückt dem Abgrund immer näher. Als ihre Machenschaften auffliegen, erschießt sie sich. Olga wird nun bei der Mutter  Fritzis Rolle einnehmen,  das "Lügengebäude" aus Barmherzigkeit stützen. Der Mutter erzählt sie, Fritzi befinde sich auf einer Reise. Zudem übernimmt sie die Verantwortung für ihr mutterloses Enkelkind. Zu Olgas Sohn Josef hat Fritzi immer Kontakt gehalten. Ein versöhnlicher Schluss mit bitterem Beigeschmack.

 

Beispielhaft entfaltet die Autorin das Leben von drei Generationen über viele Jahre hinweg. Ihre  Reflexionen zur Natur des Menschen, ihre Art zu schreiben, erinnern nicht nur an Büchner, sondern auch an zeitgenössische Schriftstellerkollegen wie Ödon von Horvath oder Marie Luise Fleißer,  die ebenso kritisch die Welt beobachten. Gerade die männlichen Figuren stellt Marta Karlweis oft holzschnittartig dar, überzeichnet sie satirisch-grotesk, während sich die Frauen entwickeln, durchaus - wie Fritzi - einen Ansatz zur Tragik zeigen. Die Zeitromane spiegeln die Zukurzgekommenen, entlarven mithilfe alltäglicher Verhaltensweisen die gesellschaftlichen Verhältnisse. Kühl, sachlich und unbestechlich beobachtet die  Schriftstellerin das Dasein, seziert Personen, Gespräche, die ökonomische Realität. Satire und Realismus verbinden sich bei Marta Karlweis virtuos. Keineswegs diffamierend, spürbar ist vielmehr eine enttäuschte Liebe zum Menschen. Ihre Protagonisten, oft naiv und beschränkt, sprechen Hochdeutsch mit österreichisch eingefärbten Dialektwörtern. Selbst die Familienmitglieder  kennen kaum Solidarität, sind ichbezogen und einsam, instrumentalisieren skrupellos einander. Lug und Trug als grundsätzliches Verhaltensmuster.

 

Zur Autorin

Im Anhang des Buches stellt Professor Dr. Johann Sonnleitner, Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Wien, ausführlich und informativ Biographie und literarische Arbeiten von Marta Karlweis vor. Ebenso aufschlussreiche Erläuterungen zum Verständnis des Romans "Schwindel".

 

Marta Karlweis (1889-1965) ist die Tochter des Wiener Komödiendichters Carl Karlweis, Frau des Erfolgsschriftstellers Jakob Wassermann und Mutter des ehemals bekannten Journalisten Charles Wassermann. Nach dem Abitur studiert sie Psychologie, bricht aber rasch ab, um den Industriellen Walter Stross zu heiraten. Aus dieser Ehe gehen zwei Töchter hervor. Zu jener Zeit beginnt sie sich bereits einen Namen als Schriftstellerin zu machen. 1915 lernt sie Jakob Wassermann kennen, den sie  nach dessen Scheidung 1926 heiratet.1924 kommt ihr Sohn Carl Ulrich (Charles) zur Welt. Nach Jakob Wassermanns Tod 1934 emigriert sie wegen des Nationalsozialismus in die Schweiz und nimmt bei C.G.Jung ihr Studium der Psychologie wieder auf. 1939 geht sie ins Exil nach Kanada, wo sie einen Lehrauftrag an der Mc-Gill Universität in Montreal übernimmt. Bis zu ihrem Tod arbeitet sie in ihrer psychiatrischen Praxis in Ottawa. Am 2. November 1965 stirbt Marta Karlweis auf einer Reise in der Schweiz.

Ihr schriftstellerisches Werk gerät ab 1945 in Vergessenheit. Dem Wiener Verlag "Das vergessene Buch", bei dem auch 2015 ihr vorletzter Roman "Ein österreichischer Don Juan" (1929) erneut erscheint, ist ihre Wiederentdeckung zu verdanken.

 

Marta Karlweis

Schwindel

DVB Verlag (Das vergessene Buch)

ISBN 978-3-9504158-4-1

 

 

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Aalener Kulturjournal