Marie Benedict: "Einsteins Frau"

Die unbekannte Mutter der Relativitätstheorie?  

(AK) Vorab gesagt: Der Roman "Einsteins Frau" der US-Schriftstellerin Marie Benedict ist keine Biographie. Obwohl Mileva Einsteins Leben im Mittelpunkt steht. Die Geschichte beginnt mit dem Jahr 1896 und endet 1948 in Zürich, umrahmt so die fiktive Spurensuche der ersten Ehefrau des Nobelpreisträgers Albert Einstein. Die Autorin lässt Milena als Ich-Erzählerin rückblickend der Frage nachgehen, wie ihr das Leben abhanden gekommen ist.

Daten, Orte  Figuren, erklärt die Autorin im Nachspann, entsprechen im  Wesentlichen  der Realität, während die Leerstellen mit Fiktion und Imagination gefüllt sind. 1896 beginnt Mileva Maric in Zürich am Polytechnikum als eine der ersten Frauen  Mathematik und Physik zu studieren.  Im 19. Jahrhundert wird Frauen eine höhere Bildung noch weitgehend verwehrt. Allerdings sind in der Schweiz seit den 1860er und 1870er Jahren Frauen an einigen Universitäten zu Studium und Examen zugelassen. Häufig von Professoren und männlichen Kommilitonen nicht gern gesehen. Aufgewachsen ist Mileva in Serbien. Ihr Vater, der sich hoch gearbeitet hat vom Bauersohn zum  höheren Beamten am Obersten Gerichtshof in Zagreb, erkennt und fördert gegen alle Vorurteile und Widerstände ihre außergewöhnliche Begabung. 

Mileva Maric, hochmotiviert und hochintelligent, ist rasch die Beste ihres Faches. Albert Einstein (1879-1955), der  sie beharrlich umwirbt, ist ihr Kommilitone. Die Beiden verlieben sich. „Wie glücklich bin ich, in Dir ein gleichberechtigtes Wesen gefunden zu haben, das genauso stark und unabhängig ist wie ich“, schreibt Albert ihr, verspricht eine intellektuelle Partnerschaft auf Augenhöhe. Mileva beschäftigt sich wie Albert Einstein mit den neuesten Forschungen. Eine Frau könne genauso Karriere machen wie ein Mann, ein ebenso guter Physiker sein wie die männlichen Kollegen, vertritt sie selbstbewusst. Im Sommer 1901 kommt sie jedoch völlig 

aus dem Tritt. Der Grund: Mileva erwartet ein uneheliches Kind von Albert Einstein, fällt durch die letzte Prüfung. Uneheliche Mutterschaft gilt damals als Schande. In Serbien versteckt sie sich bei ihren Eltern, bringt 1902 die Tochter Lieserl zur Welt. Albert Einstein lässt beide im Stich; zu jener Zeit ist ein uneheliches Kind - auch für einen Mann - nicht gerade karrierefördernd. So weit geht die Rebellion gegen bürgerliche Konventionen nicht. Vieles deutet darauf hin, dass es ihm lieb gewesen wäre, Mileva wäre aus seinem Leben verschwunden. Das kleine Mädchen stirbt wohl an Scharlach, Marie Benedict präferiert im Roman diese Variante. Die fiktive Milena quält sich ein Leben lang mit Schuldgefühlen; "Lieserl", ist das letzte Wort der Ich-Erzählerin. Tatsächlich weiß man nicht, wie die Mutter den Verlust verarbeitet hat.

Gemeinsam eine wichtige Arbeit vollendet

Nach der Heirat werden noch zwei Söhne geboren, von denen der jüngere an Schizophrenie erkrankt. Mileva ordnet sich unter, arbeitet wissenschaftlich ihrem Albert zu, der immer berühmter wird und der sie in den Veröffentlichungen nicht einmal mit einer Fußnote erwähnt. Was Fakt ist. Stationen seiner wissenschaftlichen Karriere folgen: Zürich, Prag, Berlin. Ständig hat Einstein Affären mit anderen Frauen. Im Schatten des  Genies wird Mileva depressiv. Wofür Albert Einstein von seinen Biographen  bedauert wird.

Kontrovers diskutiert wird in der Forschung, welche Bedeutung Mileva bei der Entwicklung der Relativitätstheorie zukommt. "Wir haben eine wichtige Arbeit vollendet, die meinen Mann weltberühmt machen wird", teilt Mileva einer Freundin mit. Auf jeden Fall ist sie "in jener entscheidenden Zeit eine wichtige emotionale und intellektuelle Stütze", so die übereinstimmende Meinung. Briefe Alberts, in denen er von „unserer“ Theorie und „unserer“ Arbeit spricht, untermauern dies. Er sagt selbst: „Ich brauche meine Frau. Sie löst alle meine mathematischen Probleme.“ Manche Forscher nehmen gar an, dass  nicht Einstein, sondern 

seine Frau die Relativitätstheorie entdeckt habe. Marie Benedicts Position im Roman!

1919 kommt es zur Scheidung. Mileva fordert das Preisgeld des Nobelpreises, denn sie ist überzeugt, dass er diesen erhalten wird. Und bekommt 1921 wirklich die Summe. Ein Eingeständnis von seiner Seite aus?  Eine Frage, welche nicht zu beantworten ist. 1933 muss Albert Einstein vor der NS-Diktatur in die Vereinigten Staaten nach Princeton (New Jersey) fliehen, wird dort mit offenen Armen empfangen. Während Milena vereinsamt 1948 in Zürich stirbt.

Nur ein gewöhnlicher Chauvinist, kein wirklicher Rebell.

"Natürlich ist  ein  großer Teil der in `Frau Einstein´ erzählten Geschichte reine Spekulation - das Buch ist und bleibt ein Roman und somit Fiktion", so die Autorin, die betont, dass Einsteins Verdienste als Wissenschaftler dadurch nicht geschmälert werden sollen. Doch was ist nun an der Geschichte einer "Frau Einstein" so bewegend wie bedrückend? 

Eine begabte junge Wissenschaftlerin opfert sich für Familie und Ehemann auf, verzichtet auf ihre Ambitionen, wird am Ende zurückgelassen, verlassen. Eine Geschichte, die gar nicht so selten ist. Wissenschaftlerinnen als Sekretärinnen, als Ko-Autorinnen, die unter den Tisch fallen, um den Ruhm des "Genies" nicht zu schmälern. Die nur noch "Frau XY" sind.

Einstein, das Genie, der Friedensaktivist, der antiautoritäre Rebell, die Pop-Ikone, der Unangepasste, in späteren Jahren als Zausel mit Schlabber-Pullover und Schuhen ohne Socken, war im Umgang mit Frauen, die ihm zur Bürde werden, ganz und gar nicht 

unkonventionell, sondern ein unaufrichtiger, schlicht gemeiner Chauvinist. Seine Ehefrau sei "eine Angestellte, die ich nicht feuern kann" und "von ungewöhnlicher Hässlichkeit", sagt er zu einer Geliebten.

Im Roman begegnen sich Mileva und Marie Curie. Die in Warschau geborene Wissenschaftlerin, Physikerin und Mathematikerin, hat als erste Frau überhaupt einen Nobelpreis erhalten. Und sie erhält ihn  sogar noch ein zweites Mal. Für Physik und Chemie. Verheiratet ist sie mit dem französischen Physiker Pierre Curie, hat zwei Töchter. Das Paar arbeitet wissenschaftlich tatsächlich auf Augenhöhe. Ein anderes Leben ist also durchaus  möglich - damals wie heute. Ein nachdenkliches Buch, welches auch für das Hier und Jetzt viel zu sagen hat.

 

INFO

Marie Benedict

Frau Einstein

Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger

Kiepenheuer & Witsch

ISBN 978-3-462-04981-7

20 Euro

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Aalener Kulturjournal