Martin Walser: Spätdienst

Sicher nicht der letzte Walser

Das neue literarische Werk des bald 92-Jährigen Großschriftstellers vom Bodensee Martin Walser trägt den Titel „Spätdienst“. Mit dem Untertitel "Bekenntnis und Stimmung". Vom Verlag angekündigt  als "die Summe, ja, das Resultat der Poetik Martin Walsers".

Zwei Widmungen sind dem Buch vorangestellt: "Für Gegner: ein gefundenes Fressen. Für meine Leser: vielleicht ein Ausflug ins Vertraute". Sodass sofort deutlich wird: Der alte streitbare Martin Walser wirft hier seinen Hut in den Ring.

Hunderte alte und neuere Texte, "Lebensstenogramme" genannt, finden sich auf rund 200 Seiten. Gedichte, Aphorismen, Gedanken -  Lyrisches und Essayistisches - oft nur wenige Zeilen umfassend, pointiert und messerscharf. Gegossen in eine "formlose Form". Betrachtungen zu Natur, Politik, über die Vergänglichkeit. Auch teils Verwunderliches. "Unglücksglück", ein Extrakt aus Erfahrungen eines langen bewegten Lebens. Der Schriftsteller gibt viel von sich preis. Sein Tonfall meist  lakonisch wie melancholisch. Leider erfährt der Leser nicht, aus welcher Lebens- und Schaffensphase die locker gereihten Texte stammen, kann sich so kein Bild machen über einen möglichen Wandel im  Denken des Schriftstellers.

Das Wissen um das Sterbenmüssen und die mit einher gehenden Emotionen überschatten Martin Walsers Gegenwart. Mit dem Alter, der Vergänglichkeit, dem Verlust der Vitalität hadert er augenscheinlich.  "Das Leben gehört zu uns, der Tod nicht" , stellt er fest.

Leicht fällt es ihm nicht, in die zweite Reihe treten müssen, um der nächsten Generation Raum zu geben, wie die die zugespitzte Sentenz  "Das Alter ist ein Zwergenstaat, regiert von jungen Riesen" deutlich macht.  "Wie klingt die Zeit im Gewölbe der Nacht?", betrauert der Dichter die Vergänglichkeit. "Die Tage vergehen von selbst,/ich mische mich nicht,/ich bin ein Fleck, der trocknet,/ich werden gewesen sein."

Schmerzlich zweifelt Martin Walser an sich und der Welt: "Hab ich alles  falsch gemacht in meinem Leben?"  Meint der Grandseigneur der deutschen Gegenwartsliteratur, der auf nahezu sieben Schaffensjahrzehnte zurückblicken kann, Unvergängliches geschaffen hat, das tatsächlich ernst?  Hier klingt er wie die Protagonisten aus seinen Romanen, die unter beruflichen und gesellschaftlichen Zwängen sich quälen. Oder kokettiert er nur?

Schreiben ist  für Walser „Lebensmittel“, das heißt: Lebenselixier. Das die  Dinge schöner machen solle, als sie wirklich sind. "Mehr als schön ist nichts", lautet sein Bekenntnis in "Spätdienst".  "Die Sprache ist ein Selbstgespräch. Der Schrei auch." Folglich heißt Schreiben für ihn auch immer Selbstbespiegelung. Auffallend ist, wie häufig das Personalpronomen "ich" nebst Begleiter in den Texten vorkommt.

Wunderbare Naturbilder, pure Poesie  kristallisiert sich in Sätzen wie "Schmetterlinge sticken den Tag".  Poetische Idyllen, die Glücksmomente liefern: Sommer, Sonne, der Geruch der ersten Äpfel, das Kämmen des Hundefells, die Schönheit blauer Berge. Alles aber ist vergänglich.

Dennoch kennt Martin Walser keine Altersmilde. Kränkungen - gefühlte oder tatsächliche -vergisst er nie. So hadert er nicht selten rüde mit alten "Gegnern" oder "Feinden", den Literaturkritikern, auch wenn sie längst verstorben sind wie sein Erzfeind Marcel Reich-Ranicki ("MRR"), wie Hellmuth Karasek, Fritz J. Raddatz,  Frank Schirrmacher.  Die Lebenden seien hier nicht genannt. "Vom Angespucktwerden leben: mein Beruf", fasst Martin Walser zusammen.

 

"Golgatha, Verdun und Auschwitz" - in einer Reihung ließen bei diversen Literaturkritikern Erinnerungen wach werden an Walsers  „Sonntagsrede“ in der Frankfurter Paulskirche im Jahre die 1990 anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels. Von der sich Walser mehr als einmal distanziert, seine damalige Reaktion als  „menschliches Versagen“ bezeichnet hat.

Relativierung wurde ihm erneut vorgeworfen. Um  eine "Paulskirchendebatte im Wasserglas"  zu entfachen, reiche es nicht, merkt indes Iris Radisch in der "Zeit" (28.November 2018) spitz an.  Vielmehr kritisiere Walser  mit den Zeilen die Instrumentalisierung von Menschheitsverbrechen zu feuilletonistischen Zwecken. Was seine Kritiker jedoch nicht richtig gelesen oder missverstanden hätten.

"Spätdienst" ist ein trauriges wie nachdenkliches Buch. In geschliffenen Walser-Sätzen. "Der Sprache zu dienen, ist der schönste Dienst, den es geben kann", so sein Credo.

Schön gestaltet ist das Buch zudem mit den eleganten Arabesken der Walser-Tochter Alissa.

 

Martin Walser: "Spätdienst". Bekenntnis und Stimmung.
Mit Arabesken von Alissa Walser.

Rowohlt Verlag, Reinbek 2018.

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Aalener Kulturjournal