Diese Seite wird neu eingerichtet!
Diese Seite wird neu eingerichtet!

Martina Wied: "Das Krähennest"

Die Vergangenheit darf nicht vergessen werden

Die französisch-österreichische Dozentin für Kunstgeschichte Madeleine Madrus de la Tour flieht  nach der Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht nach England. In einem  Internat, das  wegen der Bombardements von London aufs Land auf ein abgelegenes verfallenes Gut  evakuiert worden ist, bewirbt sie sich um eine Anstellung als Sprachlehrerin. Von ihrem Geliebten Ernest, der zu den großen Intellektuellen Frankreichs gehört, hat sie sich getrennt, da er mit  den Besatzern kollaboriert. „Ernest Mathieu Le Sieutre, Patriot, Verräter und Poet, dreht seinen Mantel wie der Wind weht.“

In dem nun nach Jahrzehnten des Vergessens wieder aufgelegten autobiografisch gefärbten Roman „Das Krähennest“, erstmals 1951 im Herder Verlag erschienen, erzählt die Autorin Martina Wied auf nahezu 500 Seiten vom  Leben, Denken, Empfinden ihrer Protagonistin  im Exil.

Madeleine de la Tours´ Interesse wird geweckt  durch den Namen des Internats: „Télème-Abtei-Schule“. Entlehnt dem  Roman „Gargantua“ des französischen Autors François Rabelais (1494- 1553).  In der  Abtei Thélème,  Gegenmodell zu einem herkömmlichen Kloster, leben Frauen und Männer gemeinsam die Utopie von Schönheit, Intelligenz und Freiheit. Was die Schule, welche sich als Ort für  in jeder Hinsicht unkonventionelle junge Menschen begreift, zu ihrer Philosophie macht. Die Wirklichkeit ist jedoch eine andere, Theorie und Praxis stimmen, wie so oft, nicht überein. Alle in der Schule tragen Spitznamen aus der Literatur. So nennt sich der bei den Schülerinnen und Schülern unbeliebte Direktor „Leontes“ nach König Leontes aus Shakespeares “Das Wintermärchen“, seine kleinkarierte Gattin, über welche „giftiger Klatsch“ kursiert, „Hermione“, die stattliche schwermütige Köchin „Hero“,  andere etwa „Tristan“, „Brutus“ oder “Werther“.  „Krähennest“ wird das Internat scherzhaft genannt, weil es umstanden ist von hohen Bäumen voller Krähennester.

 

Der Ungeist bestimmt das Leben

 

In ihrem „kahlen Zimmer“ schreibt Madeleine de la Tour einen langen Brief, eine Schlüsselstelle im Roman, an ihren Geliebten, welcher diesen wohl nie erreichen wird. Ein  Appell an Ernests Gewissen.   Die Gedanken der Protagonistin kreisen um das Verlorene. Sie hadert auch mit sich selbst, ob sie nicht hätte in Frankreich bleiben sollen, um von innen Widerstand gegen das NS-Regime zu leisten, blickt zurück auf die einstige seelische und geistige Verbundenheit mit Ernest, prangert aber zugleich dessen  Verrat an den gemeinsamen Idealen an. Wie schändlich seine  Begeisterung für den sogenannten „Führer“, den „deutschen Geist" und die barbarischen „neuen Herren“ sei, von denen er eine allumfassende Erneuerung Frankreichs erhoffe. Wie enttäuscht sie darüber sei, dass „einer, der gestern edel, bedeutend, wichtig, beispielgebend war, heute ein wertloser Lump sein könnte!“ Er, der nie sich hat binden wollen, heiratet die braune „Fürstin Mechthild“, abgesegnet vom „Führer“ persönlich, erfährt Madeleine durch einen Brief. Wobei, wie ihre inneren Monologe deutlich zeigen, sie Ernest immer mit Verständnis für seine Eskapaden begegnet ist, ihn gleichsam auf ein Podest gehoben hat.

In einer Radioansprache, ein pathetischer Parforceritt durch die wechselhafte Geschichte Frankreichs und Deutschlands, erläutert Ernest, inzwischen „Minister für öffentlichen Unterricht und die schönen Künste“, Weg und Ziel der Kollaboration. Eine neue europäische Ordnung wolle man schaffen. Sich selbst sieht er in der Rolle des „Volkserziehers“. Im fernen Großbritannien hört Madeleine erbittert zu, um seine Worte in Gedanken zu widerlegen. Zum Beispiel wenn er von „Bürgerrechten“ oder „Weltbürgerrechten“ spricht, von einer „heroischen Lebensführung“, jedoch das Schicksal der Gemarterten in den Lagern ausblendet, nicht sehen will,  dass Franzosen als Sklavenarbeiter ins „Reich“ deportiert werden, dass der Mensch gewollt zum „Raubtier“ gemacht wird.

 

Ein  vielschichtiges Bild ambivalenter Menschen

 

 „Einsamkeit und Ödnis“ bestimmten ihr Leben in Ungewissheit, das gegen ihr früheres gehalten, unvergleichlich dürftig und unbequem sei, stellt Madeleine de la Tour fest. Bekanntschaften im Internat bleiben oberflächlich. Niemand wisse, wer sie wirklich sei, sehe in ihr nur eine Sprachlehrerin, die ihr Fach leidlich verstehe.

Die Schilderung des Lebens der jungen Menschen im Internat nimmt im Roman einen großen Raum ein. Die erste Liebe, Prüfungen, Konflikte untereinander, mit den Lehrern. In nichts sich unterscheidend von anderen Jugendlichen. Eine Außenseiterrolle hat Arthur, der Sohn von „Leontes“ und „Hermione“, inne, ein sensibler Junge, dem die Welt als Schlangengrube erscheint. Zum Missfallen seiner „bildungsfürchtigen Eltern“, Heuchler in seinen Augen, möchte er Landwirtschaft studieren. Nicht nur er zerbricht an der Welt, sondern auch die von ihm umschwärmte Imogen, ein exaltiertes Mädchen aus prekären Verhältnissen, ohne Halt. „Schönstes  Abenteuer“ für den „friedfertigen Anarchisten“ Tamino, ihren Lehrer.  

Der Krieg wirft seinen langen Schatten bis ins Internat. Vom spanischen Bürgerkrieg ist die  Rede, von männlichen Lehrkräften im Krieg, deren Platz die Flüchtlinge einnehmen. Väter, ehemalige Mitschüler  und Lehrer fallen an der Front.

 

Zeugnis einer düsteren Zeit

 

Mit großem psychologischem Gespür fühlt sich die Autorin in ihre Figuren ein, um sie in ihrer ganzen Ambivalenz darzustellen. Eingeflochten in den traditionell erzählten und sprachlich überaus reichen Roman sind Monologe, Träume, Briefe, Nachrichten von Freunden, die sich der Résistance angeschlossen haben, welche das Geschehen in seiner Komplexität aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Ein  vielschichtiges Bild entsteht auf diese Weise. Am Ende verübt ein verzweifelter junger Mensch in Frankreich ein Attentat, im  „Krähennest“ nimmt sich ein anderer das Leben.

In dem informativen Nachwort beleuchtet die Herausgeberin Evelyne Polt-Heinzl den zeitgeschichtlichen Kontext des Romans und geht auf Martina Wieds Biografie ein, auf deren Zeit im  Exil in Großbritannien von 1939 bis 1947, wo sie in Edinburgh, Glasgow und Wincanton in South Somerset als Lehrerin arbeitet.   Erfahrungen, die sich im Roman widerspiegeln. Wie ihre Protagonistin Madeleine de la Tours lebt sie an der Peripherie des Emigrantenmilieus, auf sich selbst gestellt.

Beim Erscheinen 1951  stieß der Roman auf wenig Interesse, da die Bereitschaft fehlte, sich mit den Gräueln des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Wie auch die Kollaboration, die Beihilfe an ethnischer Ausrottung, Versklavung, Deportation eingeschlossen, mit den deutschen Okkupanten im Zweiten Weltkrieg lange tabuisiert worden ist. Die Motive der „Helfer“ waren verschieden:  Ideologische Übereinstimmung, die vermeintliche Ehre des Landes retten, Not, Angst  bis hin zur kriminellen Bereicherung, um nur einige zu nennen. Auf den Punkt gebracht:  persönliche Vorteile!

Der Literaturkritikerin Evelyne Polt-Heinzl  und dem Verlag Edition Atelier Wien ist zu verdanken, dass  Martina Wieds „Das Krähennest“ neben Friederike Manners „Die dunklen Jahre“ und Hans Flesch-Brunningens „Perlen und schwarze Tränen“, beide 1948 erschienen, endlich wieder aufgelegt wurde. Höchst verschieden in der formalen Gestaltung und thematischen Schwerpunkten verarbeiten sie die  Exilerfahrung von Menschen unterschiedlicher Herkunft wie weltanschaulicher Prägung während des Nationalsozialismus.  

Drei  brillante Romane geben Zeugnis von düsteren Zeiten.

 

Martina Wied, Das Krähennest

Roman, 480 Seiten

Herausgegeben von Evelyne Polt-Heinzl

Edition Atelier

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal