Psychologisches Familiendrama und literarisches Meisterstück: Maxim Billers "Sechs Koffer"

Held oder Verräter

Jemand muss den "Taten", Großvater Schmil, denunziert haben.  Er wird festgenommen, gehängt durch die sowjetische Geheimpolizei. Wegen „schwarzer Geschäfte und anderer jüdischer Tricksereien.“ Im Frühjahr 1960 am Flughafen in Moskau verhaftet mit ein paar hundert Dollar in der Tasche, von welchen er in Prag den Eltern des Erzählers zu dessen Geburt ein neues Auto habe kaufen wollen.

So zu lesen in Maxim Billers schmalem Roman mit dem symbolbeladenen Titel "Sechs Koffer". Unter Verdacht: Der Vater des Erzählers, dessen drei Brüder sowie Mutter und Tante. Der dunkle Fleck in Maxim Billers Familiengeschichte. So kreist der Roman um die Frage, wer den "Taten" (jiddisch für "Vater") verraten habe. Jeder misstraut jedem. Jeder traut jedem alles zu. Ein unbedachtes Wort weckt sogleich Misstrauen, führt zu  unterschiedlichen   Spekulationen. 

Drei Monate später im August 1960 wird auch Dima, der Sohn des Taten, festgenommen, als er nach Westdeutschland fliehen will. Und zu fünf Jahren Haft verurteilt. "Wissen die alles? Oder wissen sie es nur, weil es ihnen einer von uns erzählt hat?", fragen sich fortan die übrigen Familienmitglieder. Keiner kennt die ganze Wahrheit. 

Nicht ohne Grund stellt der Autor seiner Geschichte  Bert Brechts "Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen" voran, ein Zitat aus dessen "Flüchtlingsgesprächen",  Dialoge, welche  vom Alltag der aus Deutschland Vertriebenen in den frühen vierziger Jahren erzählen.

Billers Protagonisten sind Juden, leben in Russland, der Tschechoslowakei, Deutschland, der Schweiz, in Kanada oder Südamerika, erleben Verfolgung, Antisemitismus, gleichgültig, in welchem Land, in welchem System, sitzen auf gepackten Koffern. Deren Inhalt: mitgenommene Erinnerungen voller Trauer, das Leben ausmachend. So setzt sich der Roman aus sechs  Kapitel zusammen, von denen jedes für sich steht, um dennoch zu einem Ganzen zu verschmelzen. Mit den einzelnen Familienmitgliedern  im Zentrum.

Zu Beginn des Romans ist der Ich-Erzähler Maxim Biller fünf Jahre alt, am Ende 56. Mal äußert er sich allwissend, mal aus der Perspektive einer Figur. Exkurse, Rückblicke verknüpfen sich stimmig. Mit dem Ziel, den Hergang der Tat zu rekonstruieren.

"Wahrheit könnte man begrifflich definieren als das, was der Mensch nicht ändern kann; metaphorisch gesprochen ist sie der Grund, auf dem wir stehen, und der Himmel, der sich über uns erstreckt", stellt Hannah Arendt im Jahr 1969 fest.  "Wie können wir denn entscheiden, was Wahrheit ist?", fragt sie, um Wahrheit und Politik einander gegenüberzustellen. Die Philosophie dürfe sich den Wahrheitsbegriff nicht nehmen lassen, müsse diesen gegen die manipulative Kraft moderner Diktaturen verteidigen. Wie aktuell in Zeiten, in denen Lüge, Selbstgerechtigkeit wie Realitätsferne Teil des politischen Diskurses sind. Und die Demokratie gefährden.

Das eigentliche Thema Billers ist nicht der Verrat, sondern der Verlust des Vertrauens. Und zwar vor allem unter Menschen, die sich nahe sein sollten. Immer die  Intention des totalitären Terrors, der - so Hannah Arendt  - die Gesellschaft bewusst entsolidarisiert.  Jegliche menschliche Bindung, auch die familiäre. "Treue" und  "Vertrauen" sollen allein dem Machthaber oder der Partei gelten.

Die einzelnen Romankapitel zeigen, wie die Protagonisten hoffnungslos verstrickt sind. Hat Lev den Taten vom Westen aus denunziert?  Ist Dima als Spitzel des Geheimdienstes auf den eigenen Bruder Lev, den "Republikflüchtling" und "zionistischen  Agenten",  angesetzt? Täter oder Opfer, Verräter  oder Verratener?  Fragen, auf welche es keine Antwort gibt.

Zurück bleiben gezeichnete Menschen, deren Grundvertrauen in die Welt irreparabel zerstört ist. So auch  in  Maxim Billers klugem, gut geschriebenem Roman, unter dessen humoriger  Oberfläche Trauer lauert.

Die Geschichte erinnert an Franz Kafkas visionären Entwurf  "Der Process", der  so  meisterlich die Realität einer totalitären  Welt abbildet. "Alles Reden ist sinnlos, wenn das Vertrauen fehlt", so Kafkas Fazit. Erfahrungen, die auch Herta Müllers oder  Ismail Kadares Werk prägen. Beide Autoren kennen das  Grauen im  real existierenden  Totalitarismus;   Herta  Müller erzählt von Rumänien, von  Albanien Ismail Kadare.

 „Ich glaube von jedem Menschen das Schlechteste, selbst von mir“, liest der Erzähler in Brechts "Flüchtlingsgesprächen". Eine Feststellung, die im Laufe der Erzählung immer mehr an Kontur gewinnt.

 

Maxim Biller: Sechs Koffer

Kiepenheuer & Witsch

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