Ondaatje Michael:  "Kriegslicht"

Von Menschen und Agenten

"Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren."  Mit diesem Satz beginnt Michael Ondaatjes neuer Roman "Kriegslicht". Fünfundzwanzig Jahre nach seinem Bestseller „Der englische Patient“ hat der in Toronto lebende Autor erneut einen brillanten Roman veröffentlicht. Fesselnd und atmosphärisch bestechend von der ersten bis zur letzten Seite.

Der 14-jährige Nathaniel und seine zwei Jahre ältere Schwester Rachel bleiben allein zurück in der Obhut zwielichtiger Männer mit den Spitznamen "Falter" und "Boxer"  in dem grauen,  noch wie vom Krieg verwundet wirkenden London. Die Kinder sind mehr oder weniger auf sich selbst gestellt.  Den Vater, der nie mehr auftauchen wird, kennen die Beiden kaum, während sie die Mutter Rose vermissen. "Bevor sie wegging, war das Haus unsere Höhle gewesen."  Das sich nun mit "speziellen Individuen" bevölkert.  Gespiegelt im  Titel „Kriegslicht“, englisch  „Warlight“,  werden nicht nur die Notbeleuchtung während des Krieges,  das aufblitzende Abwehrfeuer, die Bombardements -  etwa 1,5 Millionen Bomben fallen innerhalb weniger Monate auf London -, sondern auch der Bewusstseinszustand der Romanfiguren.

"In jenen Jahren kamen mir die Gewohnheiten und Zwänge des familiären Lebens abhanden, und als Folge davon verhielt ich mich später unentschlossen, als hätte ich zu schnell meine Freiheiten verausgabt", stellt  der Ich-Erzähler Nathaniel fest. Eine prägende Zeit, die  ihn zum Einzelgänger werden lässt.

Inzwischen erwachsen und im  britischen Außenministerium arbeitend,  forscht Nathaniel zehn Jahre nach Roses Tod nach  Episoden "im undurchsichtigen Tafelwerk des Lebens unserer Mutter", muss erkennen, dass diese eine "fast anonyme Person" gewesen ist. Seine Erkenntnis: "Menschen sind nicht die, für die wir sie halten." Gleichzeitig  ergründet er in der Rückschau sich und sein Leben. Wobei er ausdrücklich betont, dass seine Erinnerungen nicht die seiner Schwester wären.

Falsche und wahre Erinnerungen vermischen sich mit Mutmaßungen, Ahnungen,  verschwimmen im Dunkel. Mutter und Freunde verwischen absichtlich Zeiten und Spuren.  Viele Andeutungen gewinnen erst im Verlauf des Geschehens Bedeutung; nicht nur für Nathaniel, sondern auch für den Leser, dem so höchste Aufmerksamkeit abverlangt wird. "Schattenhafte Geschichten", "Schnipsel von Geschichten", "Momente ohne Zusammenhang"  fügen sich zu einem trügerischen Bild. Jede Frage, die Nathaniel stellt, öffnet eine weitere: "Surreale Momente ohne zeitliche Reihenfolge".  "Licht" und "Dunkelheit" als metaphorische Sphären schaffen  eine düstere wie bedrohliche Atmosphäre.  Rachel entdeckt im Keller des Hauses den gemeinsam mit der Mutter gepackten Koffer, welche angeblich dem Vater nach Übersee gefolgt ist. Nichts im Leben ist fortan gewiss. Alles Lug und Trug.

Der junge Protagonist macht seine ersten sexuellen Erfahrungen in zerbombten Häusern; seine Schwester und er überleben knapp einem Anschlag, bei dem der "Falter" ums Leben kommt; das Motiv der Attentäter wird erst Jahre später offensichtlich. Wie  der Erzähler  auch erst Jahre später herausfindet, dass die Eltern Agenten des Britischen Geheimdienstes gewesen sind,  die "Betreuer" in Wirklichkeit  "Beschützer" im Auftrag der Mutter. Als Geheimagentin kämpft diese zuerst gegen Hitler-Deutschland, dann in der Nachkriegszeit gegen Guerilla- und Partisanengruppen auf dem Balkan, ist verwickelt in politische Morde.  Racheakte verursachen neues Leid. Eine gefährliche, moralisch fragwürdige Mission, wofür  Rose mit dem Leben bezahlen wird. „Kriege enden nie. Sie bleiben nie in der Vergangenheit zurück“, heißt es lapidar.

"Du hast nicht wissen wollen, was unsere Eltern uns angetan haben",  sagt Rachel  dem Bruder, die auch zu ihm, der ihr einst so nahe gewesen ist, auf Distanz geht. Als Romanfigur überzeugend könnte ihre Motivlage umfassender dargestellt werden. Während sie mit der Mutter völlig bricht, zieht Nathaniel mit nach Suffolk in deren Elternhaus.

Zehn Jahre nach Roses Tod versucht Nathaniel mithilfe heimlich besorgter Akten aus dem Außenministerium deren Vergangenheit zu rekonstruieren, stößt hierbei auf Marsh Felon, Schlüsselfigur in Roses Leben, der  ihr als "Anwerber" die Tür öffnet in die abenteuerliche Welt  des Geheimdienstes, dem fortan ihre ganze Loyalität gilt. Die Familie indessen lässt sie zurück. Eine Entscheidung mit irreversiblen Folgen.

Michael Ondaatjes  "Kriegslicht" ist  kein Agententhriller. Erzählt wird eine Geschichte vom Erwachsenwerden, von Kriegstraumata, von Trauer und Verlust, Schuld und Verantwortung. Ein fiktives Werk habe er geschrieben, lässt der Autor wissen, doch seien Orte und Fakten innerhalb  des fiktiven Rahmens authentisch. Wie er sich auch akribisch eingearbeitet habe in die Geschichte der Geheimdienste in der Nachkriegszeit.

Stille poetische Szenen durchziehen die fünf Buchteile, die Fahrt mit dem Boot über die Themse, das Eintauchen in die Natur, die Melodie "Mein Herz ist schwer", um einige wenige Beispiele zu nennen. Die Sprache des Romans,  kongenial übersetzt von Anna Leube, bleibt merkwürdig schwebend und schillernd wie das Geschehen selbst.  Welches am Ende ohne letzte Gewissheit bleibt.

 

Michael Ondaatje: „Kriegslicht“. Roman.

Aus dem Englischen von Anna Leube.

Hanser Verlag, München 2018. 320 S., geb., 24,– Euro.

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Aalener Kulturjournal