"O tempora, o mores! - O was für Zeiten, o was für Sitten!“, pflegten die alten Lateiner zu sagen, wenn sie den Verfall der Sitten beklagten. Auch Sebastian Brant wusste im Mittelalter ein Lied davon zu singen. In seinem "Narrenschiff" schreibt er: "Es lebt die Welt in finstrer Nacht / Und tut in Sünden blind verharren; / Alle Gassen und Straßen sind voll Narren." Das Büchlein erweist sich als ideale Vorlektüre zu  Michael Wolffs "Feuer und Zorn. Im Weißen Haus von Donald Trump".

Feuer und Flamme für ein Enthüllungsbuch

In den  Vereinigten Staaten ein Megaseller und auch die deutsche Ausgabe führt mittlerweile die heimischen Bestsellerlisten an. Achtzehn Monate lang konnte der Autor im Weißen Haus den US-Präsidenten samt Umfeld beobachten. Heraus kommen nahezu 500 spannende Seiten aus der Schlüsselloch-Perspektive. Er habe kein politisches Buch geschrieben, sei auch kein politischer Journalist, betont Michael Wolff, in seinem Fokus stünde  die neue Machtriege, deren Intentionen und Motivationen. Manche Kritiker werfen dem Journalisten  allerdings vor, mit der Wahrheit recht locker umzugehen. Das mag auch vielleicht daran liegen, dass Wolffs Enthüllungsbuch sich wie ein Roman liest, verfasst von einem allwissenden Erzähler, der Gedanken und Gefühle der Akteure wie auch alle sonstigen Vorkommnisse um den US-Präsidenten Trump so wiedergibt, als ob er bei allem dabei gewesen wäre. Und der das Ganze noch in farbige wie unterhaltsame Dialoge packt.

Bereits dementiert hat  zum Beispiel Katie Walsh, ehemalige Beraterin des Präsidenten, die im Buch zitiert wird mit den Worten, mit Trump umzugehen sei wie der Versuch herauszufinden, was ein Kind wolle. Wie auch  Thomas Barrack Jr., ein Vertrauter Trumps, der gesagt haben soll, dieser sei nicht nur verrückt, sondern dumm.

Während der Recherche zu seinem Buch konnte Michael Wolff nach eigenen Angaben über 200 Interviews führen mit Vertrauten, Mitarbeitern und ehemaligen Mitarbeitern des Präsidenten. Trump sei kein Politiker, interessiere sich weder für Politik noch habe er davon eine Ahnung, so Wolff. Vielmehr sei er ein Showman, Geschäftsmann. Vulgär, unbeherrscht,  beratungsresistent. Dazu ein "berüchtigter Frauenheld". Ein narzisstischer Wutbürger, der von seinen Mitstreitern zwar nicht für voll genommen wird, die aber dennoch vor ihm buckeln wie Hofschranzen vor einem absolutistischen  Herrscher.

So gut wie alle - einschließlich Trump - seien überrascht gewesen von seiner Wahl zum Präsidenten. Für diesen  "Job" besitze Trump weder die Kompetenz noch die emotionale Reife. Und er umgebe sich nur mit "windigen Typen", die Trumps "windige Geschäfte" unterstützten. Beziehungen knüpfe er ausschließlich unter dem Aspekt der Nützlichkeit. Alles  sei für ihn ein "Deal", eine Auffassung, die er  auf die Politik überträgt.  Mit kritischen Medien, mit dem FBI, dem CIA, mit allen, welche ihm in irgendeiner Weise Grenzen setzen wollen, legt Trump sich an. Skandale wie Pussygate, die Russland-Affäre, sitzt er einfach aus. Bisher mit Erfolg. Klatschgeschichten über die Ehe der Trumps dürfen in dem Buch natürlich auch nicht fehlen, was wiederum den Unterhaltungswert steigert.

Bannon, der mit seiner rechtspopulistischen Nachrichtenseite Breitbart News mit dafür sorgte,  dass Trump gewählt worden war, nennt Wolff das eigentliche intellektuelle Schwergewicht. Obgleich ebenfalls ohne politische Erfahrungen, war er der Einzige, der eine "schlüssige Vision von Trumps Populismus" entwickeln konnte. Problematisch sei er als Mensch, ein "kleiner Gauner" mit einer "windigen Karriere". Politik sei für ihn  nicht die Kunst des Kompromisses, sondern die Kunst des Konfliktes, attestiert Michael Wolff. Unter Trumps völlig chaotischer Regierungsführung liefern sich die einzelnen Fraktionen Machtkämpfe; Tochter Ivanka und Schwiegersohn Jared nebst Verbündeten versus Bannon samt Gefolge. August 2017 endet  Bannons Karriere im Weißen Haus nach der Veröffentlichung von "Feuer und Zorn".

Ein Jahr ist Donald Trump bereits im Amt, doch ein Skandal löst das Buch längst nicht mehr aus. Die Wirklichkeit hat es überholt. Dennoch sollte das  Enthüllungsbuch nicht nur als witzige Unterhaltung, sondern  quer gelesen werden.

Donald Trump, der mächtigste Mann der Welt,  Messias des reaktionären „White Trashs“, verachtet politische Spielregeln, will diese  durch die Herrschaft des Geldes ersetzen.  Soziale Gerechtigkeit betrachtet er als überflüssig. Außerhalb den USA wird belustigt Trumps Getwittere, seine Inkompetenz registriert. Dass er samt Entourage das Gesicht des Landes bereits verändert hat und weiter verändern wird durch  eine umwelt-, frauen- und  sozialfeindliche Gesetzgebung wird weniger wahrgenommen. Der 91jährige Erhard Eppler, einst  Entwicklungshilfeminister im Kabinett Willy Brandt, warnt in seinem neuesten Buch „Trump – und was tun wir?“ vor der Gefahr, dass Europa und Deutschland davon angesteckt werden könnten. "Politikverachtung zerstört den gesellschaftlichen Frieden und Zusammenhalt“, so seine Mahnung. Die eigentlich erschreckende Botschaft von Michael Wolffs Buch.

 

 

Buchinfo:


"Feuer und Zorn" von Michael Wolff;

Rowohlt; 480 Seiten; 19,95 Euro

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Aalener Kulturjournal