Mirko Bonné - Lichter als der Tag 

Die Wahlverwandtschaften in 4.0

Goethes  "Wahlverwandtschaften"  dienen als Vorlage  für Mirko Bonnés hervorragenden Roman "Lichter als der Tag".  Recht frei übertragen in die Gegenwart. Die Geschichte beginnt im Hamburger Hauptbahnhof. Raimund, die Hauptperson, liebt diesen Ort, denn nur dort gebe es dieses ganz besondere Licht. "Ein rosiger Schimmer".  Vergleichbar dem Licht auf dem Gemälde "Weizenfeld im Morvan" des Impressionisten Camille Corots, welches er vor langer Zeit gesehen habe.   "In dem Leuchten lag eine warme, rätselhafte Zuneigung." Für Raimund so, "als würde man durch ein Fenster auf einen Sommertag blicken, der längst vergangen war und zugleich bis heute anhielt". Das lässt ihn jenes Lebensgefühl spüren, wonach er sich sehnt. Sprachmächtig wie bildstark kommt der Roman daher, dazu  großartige Reflexionen über das menschliche Leben.

Porträtiert wird eine Generation, geboren zwischen Ende der 50er- und Anfang der 70er-Jahre, hineingewachsen in eine Welt des Wohlstands, der ohne besondere Anstrengung alle Türen offenstehen. Raimund, vom Vater verlassen, wächst in bescheidenen Verhältnissen auf. Floriane, Tochter einer Zahnärztin, wird erfolgreiche Kieferchirurgin. Moritz´ Vater, Selfmade-Mann mit  Tankstellenimperium, scheitert ökonomisch, kommt bei einem Autounfall samt Ehefrau ums Leben. Die Drei verbringen ihre Kindheit in einem Dorf. Inger, Tochter eines dänischen Malers, die früh die Eltern verliert, stößt zu hinzu. "Sie waren alle vier verzweifelt, jeder auf eigene Weise". Sie geben einander halt;  allerdings kommen Konflikte auf, als die Jungen sich in das Mädchen verlieben. 

Ein wahres Beziehungs-Tohuwabohu

Naturbilder voller Poesie - Regen, Gärten, Himmel wie Wolken - spiegeln die Stimmung der Figuren. Ausführlich erzählt der zweite Teil des Romans von der Jugendzeit der Vier,  die Paare werden, entgegen ihrer wahren Gefühle. Kunstvoll ineinander verwobene Rückerinnerungen der einzelnen Figuren  zeigen die unterschiedlichen Sichtweisen, welche mosaikartig mithilfe von   Leitmotiven wie dem Gryphius-Zitat, das gleichzeitig den Romantitel liefert,  oder die Wespenmetaphorik zu  einem stimmigen Gemälde zusammengefügt werden. Die Jungs schmieden Pläne, aus denen nichts wird. Inger spannt Floriane Moritz aus, den diese liebt, zerstört wissentlich deren Leben, hinterlässt ein emotionales Trümmerfeld. Beschönigt aber ihr Verhalten mit dem Unfalltod der Eltern. Floriane und Raimund finden sich in einer "Notgemeinschaft" gegen die Einsamkeit zusammen. 

Inger heiratet Moritz, hat aber gleichzeitig ein Verhältnis mit Raimund, plant "für ihren Mann, ihre Freundin, ihren Geliebten und sich ein neues Leben mit kleinen Kindern."  

Pläne, die zu  Lebenslügen werden. Eine wenig sympathische Figur wie auch die übrigen. "Mit Mitte dreißig waren sie spießiger, als ihre verstorbenen Eltern je gewesen waren", weiß der Erzähler. Trotz des ganzen Beziehungs-Tohuwabohus. Drei Töchter kommen zur Welt, alle von Raimund gezeugt. In  der Erzählgegenwart arbeitet er - inzwischen um die Fünfzig - ohne Lust  bei dem Hamburger Blatt "Der Tag", leidet an der Monotonie einer "täglich vierundzwanzig Stunden lang abgesicherten Existenz".  

Er vermisst ein intensives Lebensgefühl, versinkt im Selbstmitleid. Nicht untypisch für diese Generation.  Die Worte des Barockdichters Gryphius  drücken das Lebensgefühl des Hauptperson treffend aus:  „Ach, was ist alles dies, was wir für köstlich achten, / Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind“.

 Vergangenheit wird wieder lebendig

Zwischen Raimund und Floriane hat sich die Entfremdung längst eingestellt. Wehleidig stilisiert er sich zu deren Opfer, grübelt über verpasste Chancen, über seine verflossene "wahre" Liebe, weint, rutscht in eine Depression. Genießt dennoch sein Wohlleben mit einem gut ausgestatteten Weinkeller. Als  Inger in einem Brief um ein Treffen bittet, um sich mit dem totkranken Moritz auszusöhnen, wird die Vergangenheit aufgewirbelt.

Im dritten letzten Teil des Romans bricht der Protagonist ins Ungewisse auf, lässt sein bisheriges Leben  hinter sich; die Geschichte wird immer verwickelter, nimmt rasch märchenhafte Züge an.  

Raimund entführt seine elfjährige verhaltensauffällige Tochter Linda nach Frankreich, entdeckt im Musée des Beaux-Arts von Lyon das besagte Corot-Gemälde, stiehlt es auf seiner Selbstsuche, findet darüber seine Geliebte. Zuvor aber entlastet er das eheliche Konto um mehrere zehntausend Euro. Floriane, eigentlich die einzige Figur mit Ansatz zur Tragik,  kommentiert desillusioniert, sie sei das ganze Leben lang belogen und betrogen worden, muss einsehen, "dass von ihrem gemeinsamen Eigentum die Hälfte ihm zustand und dass er nicht ihr Eigentum war."  Am Schluss:  "Happy End"  mit Inger?  Ob Inger und Raimund tatsächlich glücklich werden? Aufhören, sich durchs Leben zu lügen?  Das Ende bleibt offen.

 


Mirko Bonné: "Lichter als der Tag". Roman.

Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2017

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Aalener Kulturjournal