Schubart-Literaturpreisträgerin begibt sich erneut auf Spurensuche

Helfer Monika: "Vati"

„Wir sagten Vati. Er wollte es so. Er meinte, es klinge modern. Er wollte vor uns und durch uns einen Mann erfinden, der in die neue Zeit hineinpasste. An dem eine andere Vergangenheit abzulesen wäre. Untertags und auch nachts denke ich an ihn, wie er da in seinem Lehnstuhl sitzt unter der Stehlampe, rundum die eigenen Kinder und fremde, zum Beispiel die vom Erdgeschoss. Ihr Ball rollt um seine Füße, unter den Stuhl, ihn schreckt es nicht. Er liest.“

 

Nachdem die 1947 geborene  österreichische  Autorin  Monika Helfer mit ihrem Bestseller  „Die Bagage“ von den Großeltern  mütterlicherseits erzählt, handelt der neue Roman „Vati“  auf 173 Seiten in der Nachkriegszeit. Erzählschwerpunkte sind ihr Vater und die eigene Lebensgeschichte.

Wiederum begibt sich die Schriftstellerin auf Spurensuche. Im Unterschied zu ihrem Roman „Bagage“ - fürden sie 2021 den Aalener Schubart-Literaturpreis bekommen hat - speist sich die Geschichte nun vor allem aus eigenem  Erinnertem und  Erlebtem.  Wobei sie in einem Interview betont, dass Fiktion und Realität sich vermischen, denn das Wahre sei sowieso nur ihre Wahres, und die anderen hätten ihre eigene Wahrheit. Dazu fließen teils skurrile Anekdoten aus dem Familienalltag in das Geschehen ein.  Allerdings bleiben zahlreiche Leerstellen, muss sie doch feststellen, wie wenig sie über ihren Vater weiß. „Man muss nicht alles wissen“, kommentiert die Erzählerin. Die Zeitebenen  wechseln zwischen Vergangenheit und  Gegenwart.  Rückblenden  führen in die Kindheit des Vaters, die der Erzählerin, erinnern an den Unfalltod ihrer Tochter Paula.

 

„Auf der Fotografie, die ich über meinen Schreibtisch an die Wand geheftet habe, steht er links, abseits. Er sieht aus, als gehöre er nicht dazu.“  Das bestimmende Lebensgefühl ihres Vaters, eines Außenseiters.

 

Josef Helfer ist das uneheliche Kind einer bitterarmen Magd. „Die Familie des Ärmsten war besser dran als mein Vater und seine Mutter“.  Die Vaterschaft des Bauern, ihres Brotgebers, der Mutter und Kind neben seinem Haus in einem Schuppen hausen lässt, wird  weder zugegeben noch abgestritten.  Josef Helfer wird als Erwachsener nie über seine Herkunft sprechen. „Er wollte von dieser Zeit nichts wissen.“ Der auffallend begabte zarte Junge, der bereits als Kind eine „Respektsperson“ gewesen sei, flüchtet sich früh in die Welt der Bücher, wird vom Pfarrer gefördert, in einem katholischen Schülerheim untergebracht, damit er in der Stadt das Gymnasium besuchen kann. Sein Traum, Chemie studieren zu können, wird zunichte gemacht durch den Zweiten Weltkrieg. Kurz vor dem Abitur muss er nach Russland an die Front, überlebt als Kriegsversehrter mit Beinprothese. Ein gebrochener Mensch. Im Lazarett verliebt er sich in die Krankenschwester, Monika Helfers Mutter, die ihm den Heiratsantrag macht. „Eine Versehrtenliebe“ so die Autorin. Beide sind gezeichnet vom Leben.

Wer Monika Helfers „Bagage“ gelesen hat, weiß um die prekären Verhältnisse, in denen ihre Mutter aufgewachsen ist. Und zwar nicht nur materiell. Zu beiden passt Josef Helfers geliebtes Rilke-Zitat „Denn Armut ist ein großer Glanz aus Innen“. Während der  Vater ein  Kriegsopfererholungsheim verwaltet, lebt die Familie viele Jahre auf der Tschengla, ein Hochplateau auf 1250m Höhe in  Vorarlberg.  Das  „Paradies“ zerbricht. Der Vater verliert seine Lebensgrundlage, die Mutter stirbt bald darauf an Krebs. Monika Helfer ist damals zwölf Jahre alt. Der Vater verliert den Tritt, wie Tante Kathe sagt. Er  verschwindet, lässt die Kinder allein zurück, verkriecht sich in einem Kloster.

 

Die „Bagage“  lässt indes einander nicht im Stich.

 

Die Kinder kommen bei Verwandten der Mutter unter.  Familienmitglieder, die man bereits aus Monika Helfers gleichnamigen Roman kennt, kommen wieder vor, ergänzt nun durch Ehepartner und -partnerinnen.  Zum Beispiel Onkel Theo , verheiratet mit Tante Kathe, der „Knochenmann“, der sich nur von Bier ernährt, abgemagert ist bis auf die Knochen.

 „Kann man das glauben? Da waren wir schon so lange in der Südtirolersiedlung, und niemand hat je mit uns über unsere Mutter oder unseren Vater gesprochen! Als hätten wir nie Eltern gehabt“, stellt die die Erzählerin fest. Theo ist der einzige, der versucht mit dem Kind über den Verlust zu sprechen. Ansonsten herrscht die für jene Zeit typische allgegenwärtige Sprachlosigkeit.

Von ihrem  sanften verschlossenen  Vater, der kein  typischer Nachkriegsvater  gewesen sei, habe sie die Liebe zu Büchern geerbt. Mit einem  Nachkriegstrauma habe er leben müssen, so Monika Helfer.  „Und je mehr er versuchte, es zu verdrängen, desto mehr wurde ihm bewusst, dass ihn diese Zeit einholt. Er konnte nur mit Lesen überleben.“

 

 

Monika Helfer: „Vati“

Carl Hanser Verlag, München

 

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Aalener Kulturjournal