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Schubart-Literaturpreis 2021

Foto: Salvatore Vinci

Die Vorarlberger Schriftstellerin Monika Helfer erhielt den mit 20.000 Euro dotierten Schubart-Literaturpreis 2021 der Stadt Aalen

Die Berliner Literaturredakteurin  Anne-Dore Krohn würdigte in ihrer Laudatio die Preisträgerin und deren Roman „Die Bagage“. Beim Lesen denke man unweigerlich an die eigene Bagage und ziehe darüber Parallelen zu Schubart, dem es auch so ergangen sein könnte. Doch da Schubarts Ehe „nicht gerade harmonisch“ gewesen sei, habe seine Frau Helene vermutlich schwerer an der Schubart-Bagage zu tragen gehabt.

„Ich schrieb, was ich sah“, erinnerte sich Monika Helfer in ihrer kurzen Ansprache an das langsame Herantasten an die Schriftstellerei. „Ich musste mit der Sprache vorsichtig sein, erst genau beobachten und dann niederschreiben.“ Die eigene Familiengeschichte habe sie allerdings erst in Angriff genommen, nachdem das „Hauptpersonal“ verstorben gewesen war.

 

Unter www.aalen.de ist ein Video-Mitschnitt der Preisverleihung zu sehen. 

Monika Helfer: "Die Bagage"

„Diese Geschichte beginnt nämlich, als meine Mutter noch nicht geboren war. Die Geschichte beginnt, als sie noch gar nicht gezeugt war. Sie beginnt an einen Nachmittag, als Maria wieder einmal die Wäsche an eine Leine klammerte. Es war im frühen September 1914. Da sah sie den Postboten unten am Weg. Sie sah ihn schon von Weitem.“

Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer, 1947 im Bregenzerwald geboren, erzählt  auf knapp hundertsechzig Seiten autobiografisch grundiert vom entbehrungsreichen Leben ihrer Großeltern in den Zeiten des Ersten Weltkrieges. „Als ich zum ersten Mal in Wien im Kunsthistorischen Museum war", schreibt Monika Helfer, "und die Bauernbilder von Pieter Bruegel dem Älteren sah, dachte ich: Die sehen aus wie die Meiningen aus den Erzählungen meiner Mutter und meiner Tante Kathe." Eine archaische Welt, verwoben mit der eigenen Geschichte.

Die Romanhandlung setzt ein vor dem Ersten Weltkrieg, um sich bis in die Gegenwart zu spannen. Realität und Fiktion, Vor- und Rückblenden wechseln, beleuchten sich gegenseitig.

Maria und Josef Moosbrugger leben in einem ärmlichen Haus abseits eines österreichischen Bergdorfs in einem finsteren Tal. Reich ist das Paar nur an Kindern, an deren unterschiedliche Lebensschicksale die Autorin ebenfalls erinnert. Die füreinander Sorge tragen müssen, da die Eltern früh sterben. Auch daran, was aus manchen hätte werden können, wenn sie nicht in diese armseligen Verhältnisse hineingeboren worden wären. „Wir haben alles gehabt,  und das meiste war uns nicht vergönnt“, lautet eine der Familienweisheiten. „Bagage“ wird die Familie Moosbrugger im Dorf verächtlich genannt. Josefs Vater und Großvater sind nämlich „Wanderknechte“, in der dörflichen Hierarchie noch unter den Knechten stehend. Ohne festen Wohnsitz ziehen sie von Hof zu Hof, um Arbeit zu suchen.

Die sich  ihrer Wirkung auf Männer durchaus bewusste Maria ist die schönste Frau des Dorfes, Josef, ein attraktiver, wortkarger, intelligenter Mann. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, gehört Josef zu den ersten, die einberufen werden. Von den „Spielbuben“, wie der Volksmund die Soldaten nennt, kehren nur wenige von der „großen Militärmaschine des Kaisers“ zurück.

In Georg, einen Fremden, dem Maria während der Abwesenheit ihres Mannes zufällig begegnet, der sie zärtlich anschaut, freundlich zu ihr und den Kindern ist, verliebt sie sich, die das nicht kennt, rückhaltlos. „Mein Lieb“ schreibt er auf ein Blatt.

Von Gottlieb Fink, dem  zwielichtigen Bürgermeister des Dorfes, den Josef gebeten hat, auf Maria und die Kinder ein Auge zu haben, der das allerdings auf seine Weise aufnimmt, beobachtet, glaubt dieser Maria sexuell bedrängen zu können. „Wie viel, dachte Maria, muss ich mir gefallen lassen, damit unser Leben durch seine Gaben erleichtert wird und er den Mund hält.“ Nur knapp entkommt sie einer Vergewaltigung.

Als Maria mit Margarete, der Mutter der Autorin, schwanger wird, kursieren Gerüchte. da Josef nur „zweimal auf Urlaub“ gewesen ist und welche den  Pfarrer, der das Dorf gegen sie aufhetzt, bei ihr auftauchen lassen. Ein „Luder“ sei sie, giftet er, lässt gar das Kreuz an ihrem Haus abmontieren. Maria wird zur Zielscheibe übelster Verleumdungen. Der Lehrer diffamiert sie gar vor der Klasse als „Hure“, macht ihre Kinder dadurch noch mehr zu Aussätzigen. In der Familienerinnerung wehrt sich  Maria. Wie, darüber existieren wiederum unterschiedliche Versionen. Allerdings weiß die Erzählerin, dass Erinnerungen trügerisch sind. Subjektiv wie emotional gefärbt. Dass Erinnernde sich ihre Erinnerungen selbst schaffen. Im Familiengedächtnis bleibt indes Maria „Vorbild und Vorwurf“ zugleich. „Alles Gute hing an ihr, aber wenn meiner Mutter etwas an mir nicht passte, sagte sie, ich solle aufpassen, dass ich nicht werde wie sie“, kommentiert die Erzählerin.

Josef verabscheut Margarete, da er denkt, sie sei nicht sein Kind, nennt sie anderen gegenüber nur „Balg“. Bis zu seinem Tod habe er nie ein Wort mit ihr gesprochen, wird sie später ihrer achtjährigen Tochter, der Autorin, erzählen. Dafür sei sie von ihrer Mutter Maria umso mehr geherzt worden.

Für Monika Helfer mit der Anlass, sich  auf die Suche nach ihren Wurzeln zu begeben. Nur  noch „Tante Kathe“ lebt, welche nach dem frühen Tod der Eltern, Maria stirbt mit  nur zweiunddreißig Jahren, Josef bald darauf, für die verwaisten Geschwister sorgt. Auch später für die Kinder ihrer Schwester Margarete, die als erste in der Geschwisterreihe stirbt. Die Autorin stellt Fragen, die unbeantwortet bleiben müssen, da die, welche eine Antwort geben könnten, nicht mehr leben. Zum Beispiel, warum die Großeltern aus dem Dorf, in dem sie aus der Außenseiterrolle sich nie lösen haben können, nicht weggegangen sind, obwohl sie die Option gehabt hätten. Die wohl wichtigste Frage, die  den Raum öffnet für die eigentliche Thematik der Erzählung, ist jedoch, wie lange man eigentlich „Bagage“  bleibe.

Die Erzählerin selbst, Mann, Kinder?  Wie sehr  die Herkunft das eigene Leben prägt, durch  Verletzungen, Vorstellungen und Empfindungen über Generationen weitergetragen.   Unwahrheiten, Halbwahrheiten  und  Geheimnisse, welche nicht selten ohne Enträtselung bleiben. Und wie sehr diese auch die weibliche Identität berührt.

Dazu gehört auch folgende Erinnerung: Als naive Siebzehnjährige aus tristen Verhältnissen sei die Ich-Erzählerin die Geliebte eines weltgewandten älteren Mannes geworden, ein Intellektueller, zum Freundeskreis des Philosophen Karl Jaspers gehörend. Er spielt mit den Gefühlen der jungen Frau, die emotional abhängig wird. Da sie selbst sich nicht Halt sein kann, abstürzt, während er sie eiskalt abserviert. „Ich  kämmte mich nicht mehr, wusch mich nicht mehr, und als Tante Kathe zu mir sagte, ich sehe aus wie eine Schnalle von der Straße, war mir das gleichgültig.“

In ihrem  Leben muss die Autorin Monika Helfer zahlreiche Verluste erleiden. Sie verliert nicht nur Mutter und Vater früh, sondern ihre Tochter Paula, an deren Grab sie am Ende der Erzählung steht.  Ein stilles kluges Buch, Erinnerungs- und Erkenntnisarbeit zugleich. In einer schlichten schönen, von einem inneren Rhythmus getragenen Sprache.

 

 

Monika Helfer: "Die Bagage". Roman.

 

Hanser Verlag, München 2020

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Aalener Kulturjournal