Natascha Wodin: "Irgendwo in diesem Dunkel"

Eine Kindheit voller Schweigen, Gewalt und Rebellion

Im Dezember 1945 kommt Natascha Wodin  als Kind verschleppter Zwangsarbeiter im bayerischen Fürth zur Welt. Aufgewachsen ist sie in deutschen Übergangslagern für "Displaces Persons", ohne zu wissen, was dieser Begriff bedeutet. Als sie zehn Jahre alt ist, die Schwester vier, nimmt die Mutter sich mit 36 Jahren das Leben. Der Vater wird nie mehr deren Namen erwähnen.

"Ich habe mein Leben lang nichts über meine Mutter gewusst und sie dann vor ein paar Jahren im Internet entdeckt - zu meinem großen Erstaunen. Ich bin dann ihren Spuren nachgegangen", erklärt die Schriftstellerin, um ihr mit dem Buch "Sie kam aus Mariupol" ein literarisches Denkmal zu setzen. Dafür erhält Natascha Wodin 2017 den Preis der Leipziger Buchmesse. Die Mutter stammt aus einem adligen Elternhaus,  wird zerrieben zwischen den Ideologien. 1917 - drei Jahre nach der Oktoberrevolution kommt Natascha Wodins Mutter zur Welt. Die adlige Herkunft ein Verbrechen. "Blaublütler" und Angehörige der besitzenden Klasse  sind "Volksfeinde", deren Besitz wird geplündert, sie selbst drangsaliert, deportiert, ermordet. Nie wird die Mutter die allgegenwärtige Angst verlassen.

 

Ein Fluch, das Kind meiner Eltern  zu sein

 

Nun begibt sich die Autorin mit ihrem neuen Buch „Irgendwo in diesem Dunkel“ wiederum auf Spurensuche. Und zwar auf eine Reise in die Vergangenheit ihres Vaters, der 1900 in Kamyschin an der Wolga geboren ist, so alt wie das barbarische Jahrhundert.  Hochbetagt stirbt er 1989 in einem Altenheim. Das Leben lang „in einer undurchdringlichen inneren Emigration“. Die Beerdigung des Vaters  umrahmt die Handlung. Rückblicke auf Kindheit und Jugend der Autorin bilden den Schwerpunkt.

"Immer seit ich denken konnte, war es ein Fluch für mich gewesen, das Kind meiner Eltern  zu sein." Fremd, ausgestoßen, als Aussätzige aus den "Häusern", wie die Siedlung genannt wird, fühlt Natascha Wodin sich. Ein "Abfallprodukt des Krieges".  Das ängstliche, gedemütigte Kind erlebt auch in der Schule Gewalt und Spott, wird von den Mitschülern drangsaliert, als "Ruski", "Russla", "Russensau" beschimpft. "Ich wusste, dass ich Dreck war." Nach dem Tod der Mutter kommen die Töchter in ein katholisches Kinderheim,  da der Vater als Tenor in einem Donkosakenchor durch die Welt reist.

Später als er die Stimme verliert, als Hilfsarbeiter arbeitet, leben die Mädchen wieder beim Vater. „Abgesehen von seinen unberechenbaren Gewaltausbrüchen kannten wir ihn nur schweigend, trinkend, rauchend, dicke russische Bücher lesend, die er sich einmal im Monat in einem großen Paket aus der Tolstoi-Bibliothek in München kommen ließ.“

 

"Ich rang mit ihm um mein Leben"

 

Natascha Wodin darf die Wohnung nur  verlassen, um zur Schule oder zum Einkaufen zu gehen, wird ständig misshandelt, von seinen lüsternen Blicken  bedrängt. Für sie ein "fremder bedrohlicher Mann". Traumatische Erfahrungen, die tiefe seelische Wunden hinterlassen. Früh entwickelt sie den "Totstellreflex",  erstarrt bei den Quälereien, körperlich präsent, aber getrennt von Gefühlen. Spürbar auch in Natascha Wodins Stil, welcher  distanziert die beklemmenden Erlebnisse ihrer Kindheit und Jugend schildert. "Ich rang mit ihm um mein Leben", so ihr rückblickender Kommentar.

Hinausgeworfen, landet das junge Mädchen auf der Straße, stiehlt, bettelt. Durch eine Vergewaltigung schwanger, nimmt sie verzweifelt die Abtreibung an sich selbst vor. Eine  erschütternde, unter die Haut gehende  Szene. Von der Autorin distanziert wie detailliert geschildert, in der Ich-Form, dennoch so, als ob von einer fremden Person die  Rede wäre. Um den unerträglichen inneren  Schmerz zu bannen.

Nie spricht der Vater über seine Zeit in der Sowjetunion. Als Dolmetscherin in Moskau kann sie einen Bruder  ausfindig machen, erfährt , dass der Vater in erster Ehe mit einer jüdischen Frau verheiratet gewesen sei, Sohn  und Tochter gehabt habe. Mehr nicht!

In  einem Interview (Deutschlandfunk Kultur, 31.09.2018).  erzählt Natascha Wodin, wie der Vater ihre Mutter und sie ständig erniedrigt, ihnen die Würde genommen habe.

 

Es gibt keine Antworten

 

Wahnsinnig lebenshungrig und neugierig sei sie gewesen, mit dem ganz starken Willen, irgendwie die Welt sich  zu erobern. Vielleicht liegt hierin der Grund, dass es Natascha Wodin dennoch gelungen ist, sich zu retten. Ihr Vater habe nur  Gewalt gekannt, was vieles erkläre. Als Kind die Eltern verloren, Revolution, Bürgerkrieg, stalinistischen Terror, Zwangsarbeit erdulden müssen. Verzeihen könne sie ihm jedoch nicht. Zu viel habe er ihr und der Mutter angetan.

"Und das kann ich irgendwie nicht ungeschehen machen", so Natascha Wodin.

Am Ende bleibt das "leere Blatt" ihrer Herkunft leer, die Vergangenheit des Vaters verschlossen. Auf ihre Fragen wird Natascha Wodin keine Antworten finden.  Bei der Beerdigung macht sie Fotos, um  doch noch von ihm "etwas festzuhalten in der Welt". "Der Film war leer", stellt sie später fest. Der letzte symbolträchtige Satz des ergreifenden Buches.
 

Natascha Wodin: Irgendwo im diesem Dunkel

Rowohlt Verlag 2018

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