Nathaniel Hawthorne: "Der scharlachrote Buchstabe" 

Der Buchstabe A - ein Schandmal für den Rest ihres Lebens

"Der scharlachrote Buchstabe", die Geschichte eines Ehebruchs, 1850 erschienen, kurz vor Flauberts "Madame Bovary", und einer berühmtesten Romane der Weltliteratur, spielt in Boston in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Die erzählte Zeit: Sieben Jahre im Leben der Hester Prynne, einer selbstbewussten  jungen Frau, aus England stammend, die eine uneheliche Tochter zur Welt bringt. Sie ist vorausgereist nach Neuengland, ihr Mann, ein alter Gelehrter, will nachkommen, gilt aber dann als verschollen. Just an dem Tag, als die Protagonistin nach Verbüßen einer Kerkerhaft am Pranger steht, - solche drakonischen  Strafen sind für Ehebruch üblich, historisch korrekt wäre Hester wohl auch öffentlich ausgepeitscht worden -, befindet er sich unter den Schaulustigen. Historisch verbürgt sind auch Brandzeichen für Ehebrecher.  Streng wird sie von einem jungen Geistlichen, dem Pfarrer der Gemeinde, nach dem Namen des Kindsvaters gefragt, welcher, wie der Leser rasch vermutet, er selbst ist. Mit dieser eindrucksvollen Szene beginnt die verhängnisvolle Dreiecksgeschichte um Hester Prynne, Arthur Dimmesdale und Roger Chillingworth. "Auf der Brust ihres Kleides kam, aus feinem roten Tuch, gesäumt mit aufwendiger Stickerei und phantastischen Verzierungen aus Goldfaden, der Buchstabe A zum Vorschein." Ein Schandmal, das sie "für den Rest ihres Lebens" tragen muss. Wofür dieses "A" steht, erklärt der Erzähler, der durchweg große Sympathie für die Protagonistin empfindet, nicht. "Adultery" wohl - Ehebruch. Hester Prynne, eine starke Persönlichkeit, weigert sich, den Vater des Kindes zu nennen, zerbricht nicht an der Feindseligkeit ihrer Umgebung. Ausgestoßen aus der  Gemeinschaft gewinnt sie dennoch allmählich deren stille Anerkennung, da sie  sich selbstlos um die Armen, Kranken und Leidenden der Stadt kümmert. Den Scharlachbuchstaben  trägt sie nun wie ein "Kreuz auf der Brust einer Nonne" als Symbol  ihrer guten Taten. Eine große innere Freiheit erkämpft sie sich, strahlt indes eine "marmorne  Kälte" aus. Ihre Lehrer: Scham, Verzweiflung und Einsamkeit. "Was hast du mit all diesen eisernen Menschen und ihrer Meinung zu schaffen?", wird sie zu Arthur Dimmesdale in der  Szene im Wald sagen, als sie ihm die gemeinsame Flucht aus Liebe vorschlägt.  In dramatischen Szenen spiegelt sich die Einsamkeit der Figuren. Alptraumartig die Passage, als  Arthur Dimmesdale dem Wahnsinn nahe des Nachts sich zum Pranger schleppt, der immer als Warnung für potentielle "Sünder" sichtbar ist. Bald umgeben von Hester Prynne, Roger Chillingworth und der kleinen Pearl. Analytisch kalt wirken die Szenen, in denen Roger Chillingworth sein Katz- und Maus-Spiel mit dem Reverend treibt. 

Amerikas dunkle Romantik

. Der Erzähler   beobachtet seine Figuren genau und lotet seelische Abgründe mit feinstem psychologischen Gespür aus. Die innere Entwicklung der Figuren, deren Seelenleben stehen für den Schriftsteller Hawthorne im Vordergrund. Die Auswirkungen von Sünde, Schuld und Strafe -  im "scharlachroten Buchstaben"  am Beispiel des Ehebruchs - in der Psyche der Protagonisten; deren  Bewusstsein von Schuld, die Rolle des soziales Umfelds.

Hesters Ehemann, dessen einziges Ziel Rache ist, bleibt unter dem falschen Namen Chillingworth als Arzt in Boston, verlangt von Hester, seine Identität geheim zu halten. Chillingworth, eine Figur mit dämonischen Zügen, wittert, dass der junge Geistliche Arthur Dimmesdale  der Vater der kleinen Pearl ist,  gewinnt als dessen Arzt und vermeintlicher Freund rasch Gewalt über diesen. Dimmesdale, ein schwacher empfindsamer Mensch, schweigt voller Selbsthass und Selbstekel. Bald ist er den "Machenschaften seines ärgsten Feindes ausgeliefert", der " mit ihm  nach seinem Willen spielen konnte." Wie ein Heiliger wird Dimmesdale von seiner Gemeinde verehrt; die Lebenslüge jedoch zermürbt ihn:   Ein Prozess der Selbstkasteiung und -zerstörung nimmt seinen Lauf. Getrieben von Chillingworth. Am Ende  ist Dimmesdale zerstört, seine Energie verbraucht.

Hawthorne gehört  zur "dunklen" Romantik Amerikas. Seine Figur Chillingworth, einst ein "wahrhaft gerechter und weiser Mann", wie selbst Hester bestätigt, zerstört sich selbst durch seinen abgrundtiefen Hass, verwandelt sich in einen "Teufel". Nach Dimmesdale, der nach einem öffentlichen Schuldbekenntnis zusammenbricht,  stirbt auch er,  denn seine Existenz hat den Sinn verloren.

Auch nach dem Tod der Beiden bereut Hester Prynne nichts, sondern besteht auf ihrem Recht  zur Selbstbestimmung in der Liebe.  Die Tochter Pearl, ein eigenwilliges Kind, das die "Freiheit eines gebrochenen Gesetzes" , die Leidenschaft verkörpert, wirkt in ihrer Wildheit unheimlich, selbst auf die Mutter. Hawthorne vergleicht sie  mit einem Kobold, einem mystischen Naturwesen. Ihr vermacht Chillingworth sein riesiges Vermögen, sodass sie die reichste Erbin Neuenglands wird. Der Autor bemerkt ironisch, dass keiner der selbstgerechten Männer sie als Partie abgelehnt hätte trotz ihrer "sündigen" Herkunft. Zum Romanende sei nur so viel verraten, dass Hester mit  Pearl  Boston verlässt, nach vielen Jahren an den Ort des Geschehens zurückzukehrt, um als Ratgeberin für verzweifelte Frauen zu wirken.

Strenggläubige Puritaner

Nathaniel Hawthorne (1804-1864) stammt aus einer  der ältesten Familien Neuenglands, ist ein direkter Nachfahre des im 18.Jahrhundert lebenden Nathaniel Hawthorne, der als einer der Magistrate der Provinzregierung und Bürger von Salem, bei den Hexenprozessen mitgewirkt hat. "Strenge, finster dreinblickende Puritaner".

Eine "Einleitung" zum "scharlachroten Buchstaben" führt zur eigentlichen Romanhandlung, hin, verbindet die Gegenwart mit der Vergangenheit. Hier erhält der Leser Einblick in die Szenerie  eines neuenglischen Zollhauses in der "alten Stadt Salem, seinem Heimatort", in  welchem der Autor Nathaniel Hawthorne (1804-1864) einen großen Teil seines Lebens verbracht hat. Der Schriftsteller  arbeitet von 1839-1841 in diesem Zollhaus, auf dessen Dachboden er  "Dokumente privater Natur" findet; Kanzleibogen zu dem Fall Hester Prynne, das Fundament zur Erzählung. Ein typisch romantischer Kunstgriff. Vorbild für die Romanfigur ist die historische Hester Prynne, die als puritanische Siedlerin in Boston 1666 einreist, um ihren Glauben frei leben zu können, und die sich in den Priester Arthur Dimmesdale verliebt. Bis 1640 lassen sich über 18.000 englische Siedler, überwiegend strenggläubige puritanische Familien, in Neuengland nieder. Obwohl sie selbst im alten England Verfolgung erlebt haben, sind die Puritaner von gnadenloser Intoleranz gegenüber Andersgläubigen, Andersdenkenden und unehelicher Liebe. Hawthorne thematisiert in seiner schriftstellerischen Arbeit  immer wieder die Folgen rigider Moralvorstellungen und gesellschaftlicher Ausgrenzung.  

Höhepunkte im 17. Jahrhundert sind zum Beispiel die Quäkerverfolgung, die Hexenprozesse von Salem sowie die Massaker an Indianern nach einem anfänglich guten Miteinander. Hawthorne spielt darauf an, indem er zum Beispiel die  Puritanerkinder Quäkergeißeln oder Indianerskalpieren spielen lässt.  Mehrmals erwähnt  der Erzähler Frauen, die später der Hexenverfolgung zum Opfer fallen.

Die Vergangenheit ist niemals tot

Hawthornes Zeitgenossen kommen in der "Einleitung" nicht gut weg.  Deren Charaktermerkmale wie Intoleranz, Engstirnigkeit, Borniertheit seien die der Menschen  im  Boston von 1642, attestiert er ihnen, würden immer noch den Umgang mit Menschen prägen, die nicht in das gängige Schema passen. "Die Vergangenheit ist nicht tot." Der Autor setzt sich mit dem Roman auch mit der eigenen Familiengeschichte auseinander. Seine Vorfahren John und William, Mitglieder des Magistrats, sind 1662 und 1692 maßgeblich an der Auspeitschung von Quäkerinnen und an der Verfolgung von Hexen beteiligt. Die deutliche Kritik Hawthornes an der Bigotterie und Verlogenheit des Puritanismus wirkt noch immer wie eine Provokation. Was seinen Roman zu einem Skandalbuch macht, allerdings wohl bewirkt , dass dieser bereits nach einem halben Jahr in die dritte Auflage startet.

Skandalträchtig ist auch der Umstand, dass die männlichen  Protagonisten Chillingworth und Dimmesdale ein armseliges Bild abgeben, während die "Sünderin" Hester Prynne ein  "freiräumiges Denken, wie es dem Kleriker ganz unbekannt war", zeigt.

 

Hawthornes Roman "Der scharlachrote Buchstabe" ist  eines der Bücher des 19. Jahrhunderts, welches heute noch fesselt. Angeprangert werden Doppelmoral, Heuchelei und Verlogenheit,  überzeitliche Verhaltensmuster, die belegen, dass  bewusst oder unbewusst Gesinnung und Interessen über Freiheit und Menschenwürde gestellt werden. Gleichgültig, ob unter dem Deckmantel von religiöser oder politischer Ideologie. Dem Autor geht es um das einzelne Individuum, um das Primat der menschlichen Freiheit.

Jürgen Brocan hat die  Erzählung voller Feingefühl neu ins Deutsche übertragen; im Anhang werden die literarischen und historischen Zusammenhänge verständlich erläutert. 

 

 

 

Nathaniel Hawthorne

 

Der scharlachrote Buchstabe

 

Carl Hanser Verlag, München 

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Aalener Kulturjournal