Nicolas Remin: "Sophies Tagebuch"

Familie in bewegter Zeit

Die Gymnasiallehrerin Erika zur Linde erfährt, dass ihr seit Jahren völlig zurückgezogen lebender Vater Ulrich Selbstmord begangen hat. Gleichzeitig erfährt sie von einem rätselhaften Brief aus Amerika. Nach dem frühen Tod der Mutter muss Erika ins Internat, denn ihr Vater, heißt es, brauche als Schriftsteller Ruhe für seine Arbeit. Fremdheit und Schweigen herrschen, worunter beide unausgesprochen leiden. Wobei Erika fühlt, dass in der Familienhistorie einiges nicht stimmt.  

Nicolas Remins neuer Roman "Sophies Tagebuch" erzählt in einer unaufgeregten schlichten Sprache die Geschichte einer Familie. Mehrere Handlungsstränge und Perspektiven setzen Stück für Stück das Geschehen zusammen. Die Erzählgegenwart spielt 1989 in Berlin im Herbst des Mauerfalls, das Ende der DDR kündigt sich an. Immer mehr Demonstranten ziehen durch die Straßen, protestieren gegen das SED-Regime, fordern freie Wahlen.  Von der Protagonistin  Erika eher nur nebenbei wahrgenommen, fokussiert sie sich doch auf ihre familiäre Vergangenheit.

Auf der Suche nach Romanmanuskripten des Vaters findet die  1944 geborene Ich-Erzählerin Erika zur Linde Tagebuchaufzeichnungen ihrer Mutter Sophie aus den Jahren 1939 bis 1945, begibt sich fortan auf familiäre Spurensuche. Erzählgegenwart und Vergangenheit überkreuzen, verknüpfen sich immer stärker.

Erika schreibt die Aufzeichnungen ab, zitiert,  interpretiert. Dabei muss sie feststellen, wie wenig sie über die Vergangenheit der Eltern weiß. Dazu kommt die Perspektive des Briefschreibers Peter Singer, ein Journalist, der das Schicksal seines Onkels Dr. Felix Auerbach, klären will. Ein jüdischer Schulfreund von Erikas Vater, von diesem vor den NS-Schergen geschützt. Erika und Peter Singer machen als Kriegskinder die Erfahrung, dass über die NS-Zeit kaum gesprochen wird. Weder von den Tätern noch von den Opfern. Die einen schweigen, weil sie sich den Verbrechen nicht stellen, die anderen, weil sie mit ihren traumatischen Erlebnissen nicht belasten wollen.

Sophies Aufzeichnungen erzählen vom Alltag einer Familie, die zu den Profiteuren des NS-Regimes gehört. Ulrich, ein Berufsoffizier von "altmodischer Höflichkeit", aus einer Offiziersfamilie stammend, kein Parteimitglied, hegt wenig Sympathie für den Nationalsozialismus; dennoch nimmt er an allem teil. Sophies Eltern wie der Bruder Horst,

eine kleinbürgerliche Familie, sind stramme Parteimitglieder. Deren Verhalten liest sich wie eine Illustration zu den Erkenntnissen des Historikers und Autors Götz Aly, der in seinem Buch "Hitlers zufriedene Räuber" zeigt, wie sich die "Volksgenossen" als Schnäppchenjäger sowohl im Inland wie in den überfallenen Ländern bedient haben.

So versorgt Ulrich seine Frau mit edlen französischen Stoffen für Kostüme. Sophies Eltern greifen zu bei Möbeln und Hausrat der emigrierten und deportierten Juden. Ein privater Raubzug. Alles im Tagebuch der Mutter kritiklos notiert, welche zwar keine fanatische Nationalsozialistin ist, jedoch eine Opportunistin par excellence, die alles Unangenehme ausblendet. "Theresienstadt" sei ein "großes Altersheim", liest Erika erstaunt. "Haben sie es wirklich geglaubt?",  zweifelt sie. Eine schmerzvolle wie kraftraubende Erkenntnis, feststellen zu müssen, wie oberflächlich die Mutter ist, die Artikel über Mode und Freizeit

schreibt, für den "Führer" schwärmt. Das Parteiabzeichen  trägt sie wie ein Schmuckstück am Kragen ihrer BDM-Bluse. Bruder Horst, ein hundertfünfzigprozentiger Nazi, rollt gar das R wie der "Führer".  Von Berichten Ulrichs über Massaker in Russland ist zu lesen. Über die  Romanze zwischen Sophie und dem Kulturjournalisten Felix Auerbach, groß, blond, mit einem Faible für Uniformen und deutsche Orden, der so gar nicht dem NS-Rassenklischee entspricht, erfährt Erika aus einer anderen Quelle. Was sie in ihrer Identität erschüttert. Dass Felix Auerbach und Ulrich zur Linden gemeinsam an einem Kriegsroman arbeiten - in Remins Geschichte von nicht geringer Bedeutung - liest sie schon.

Um Licht ins Dunkle zu bekommen, nimmt Erika Kontakt auf zu Menschen, die diese Zeit erlebt haben, zu der Psychoanalytikerin Sarah Spielrein, die als Achtzehnjährige in Berlin  versteckt der Verfolgung und drohenden Deportation entkommt. Februar 1943 werden 8000 

Juden verhaftet, 4000 können untertauchen. Ein Drittel etwa überlebt, stellt Erika für sich fest. Die Gegenwart kommentiert die Vergangenheit.

Fassungslos erkennt Erika, dass Dr. Elst der Anwalt des Vaters, für sie der "Inbegriff eines seriösen Anwalts", ein ehemaliger Gestapo-Mann, der kultivierte Thorwald Axmann einstiger Standartenführer der Waffen-SS ist. Und Onkel Horst, nach dem Krieg "zum Ulbricht" gegangen, glühender Kommunist und NVA-Offizier. Alle spielen irgendwie eine Rolle im Hinblick auf den nach dem Krieg spurlos verschwundenen Felix Auerbach. Denunziert? Verschleppt? Ermordet von der Gestapo? Von den Russen? Erika muss die Erkenntnisse gewichten, einteilen in Richtig und Falsch.

In Nicolas Remins Roman "Sophies Tagebuch" geht es um das Fortleben von Schuld und Scham der Eltern in den Kriegskindern. Indem Erika einen Zugang findet zur Vergangenheit, das Schweigen bricht, kann sie sich aus den Verstrickungen befreien, das alte Leben abstreifen. Am Ende auch ihren Vater in einem anderen Licht betrachten.

 

Nicolas Remin

"Sophies Tagebuch"

Kindler Verlag

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