Nikola Scott -  Zeit der Schwalben 

Geheimnisse, die nachts vom Wind davongetragen werden

England im Sommer der späten 50er Jahre. Die sechzehnjährige Elizabeth verliebt sich in einen Mann. Nach ihrem Unfalltod 40 Jahre später taucht plötzlich eine Fremde auf, die behauptet, sie sei Elizabeth´ Tochter.  Elizabeth, eine elegante und kluge Frau, Literaturprofessorin, seit 40 Jahren glücklich verheiratet, Mutter von drei Kindern, hütet ein dunkles Geheimnis. Phoebe Roberts behauptet, die Zwillingsschwester von Adele Harington (Addie) zu sein. Addies Vater sei nicht ihr leiblicher. Und die Eltern hätten erst nach deren Geburt geheiratet. Addie wird zuerst der Boden unter den Füßen weggezogen, dann begibt sie sich zusammen mit Phoebe auf Spurensuche.

Nicola Scott erzählt in ihrem Roman " Zeit der Schwalben" weit ausholend und ins Detail gehend. Der Plot beginnt ein Jahr nach dem Tod von Liz, deren Tagebucheinträge  berichten aus den Jahren 1958,1959 und 1960,  fügen sich ein in die zweite Erzählebene, in der Addie und Phoebe  intensiv die Vergangenheit der Mutter erforschen. Charaktere, Hintergründe, Zeitumstände gestalten so ein stimmiges  Bild.  Erzählende Passagen wechseln mit lebendigen Dialogen.

 

Schwesternschaft der Sünderinnen

 

 Elizabeth´ Mutter stirbt nach langer Leidenszeit, als die Tochter gerade 17 Jahre geworden ist, der Vater ist ein engstirniger kleinkarierter Mensch. Elizabeth muss  erfahren, dass John Shaw, ihr Geliebter, verheiratet ist. Der die Abtreibung verlangt, da er seine Ehe nicht gefährden will. Addie und Phoebe treffen bei ihren Recherchen auf Harriet Sinclair, die ehemalige Ehefrau von John, die den Beiden schildert, was tatsächlich geschehen ist. "Unverheiratete Mütter wurden damals entsetzlich behandelt", erklärt sie. Allein gelassen hat Elizabeth ihren Vater um Hilfe gebeten, der sie in einem Heim für "gefallene Mädchen" unterbringt, wo sie das Kind zur Welt bringen und anschließend zur Adoption freigeben soll. Im Tagebuch nennt Elizabeth die jungen Frauen, die despektierlich als "Mädchen" bezeichnet werden, obwohl 24jährige darunter sind, ironisch "Schwesternschaft der Sünderinnen".  "Keine von uns weiß, was auf sie zukommt. Das Mädchen  aus Bristol erzählt, Babys kämen aus dem Bauchnabel, und sie macht sich Sorgen, was danach mit dem Loch im Bauch passiert", schreibt Elizabeth. Die Mädchen und  jungen Frauen sind unaufgeklärt, alles was mit einer Schwangerschaft zu tun hat, wird damals tabuisiert. Eine Schwangere ist vom Onkel vergewaltigt worden, eine andere vom Verlobten verstoßen, weil sie sich vor der Ehe auf  eine sexuelle Beziehung mit ihm (!) eingelassen hat. Wieder eine andere soll ein Mischlingsbaby erwarten, was  sie vollkommen in den Augen ihrer Umwelt herabsetzt. Die Männer jedoch spricht die Gesellschaft frei.

 

Nicht nur Fiktion

 

Elizabeth hat Angst, wie sie dem Tagebuch anvertraut, denn die Ärzte würden die Frauen zwingen, die Adoptionspapiere zu unterschreiben. Wohl  ein  lukratives Geschäft. Elizabeth bringt Zwillingsmädchen zur Welt. Eines sei  nach der Geburt gestorben, teilt man ihr mit. Eine Lüge, wie sie Jahrzehnte später entdeckt. Von ihrem eigenen Vater eingefädelt. Mit dem   Neugeborenen flieht sie aus der Klinik, wird vollkommen entkräftet von ihrem  späteren Mann  auf der Straße gefunden, dessen Tante sie freundlich aufnimmt. "Du warst meine Tochter, Addie, mein Kind, von dem Tag an, an dem ich dich zum ersten Mal sah. Ich habe sie gerettet und dich auch, und ich habe es nie bereut", erklärt er seiner Tochter bei einer Aussprache. Und er habe sich nachträglich als Vater in die Geburtsurkunde eintragen lassen, um Mutter und Kind zu schützen. Am Ende gelingt es Addie und Phoebe, sich mit ihrem Schicksal zu versöhnen.

"In `Zeit der Schwalben´ verändert sich das Leben von Elizabeth, Addie und Phoebe durch die Ereignisse jener Nacht im Februar 1960 für immer. Wie sie erleben und was sie lernen, ist so unterschiedlich wie die Geschichten aus dem echten Leben, die mal erschütternd sind und mal erhebend. Diese drei Frauen zeigen in ihrem begrenzten fiktiven Universum, wie weitreichend und verheerend das Erbe erzwungener Trennungen von Mutter und Kind tatsächlich ist",  bemerkt Nikola Scott in ihrer treffenden Nachbemerkung zu dem lesenswerten Roman, in welcher sie auch auf die tatsächliche gesellschaftliche Situation unehelicher Mütter in Großbritannien eingeht.

 

Von der gefallenen Unschuld zur Alleinerziehenden mit Armutsrisiko

 

Nicht nur in England wurden uneheliche Kinder und deren Mütter lange Zeit diskriminiert. Ledige Mütter galten in Deutschland, wenn sie aus dem bürgerlichen Milieu kamen, als „gefallene Unschuld“, Arbeiterinnen oder Dienstmädchen als „Huren“. Nach 1945 wurde an die Wertmaßstäbe des Kaiserreichs angeknüpft. Noch  in den 1950er-Jahren konnte nur das Jugendamt das Recht des unehelichen Kindes auf Alimente einfordern;  deren Höhe war abhängig vom Lebenswandel der Mutter. Mit Beginn der 1960er-Jahre wandelte  sich langsam die Einstellung gegenüber ledigen Müttern, sodass es zu Reformen kam. Durch das Familienrechtsänderungsgesetz von 1961 wurde der Mutter die "elterliche Gewalt", die frühere Bezeichnung für die "elterliche Sorge", zugesprochen, wenn sie einen Antrag stellte. Seit 1998 sind uneheliche und eheliche Kinder völlig gleichgestellt, auch was die Beteiligung am väterlichen Erbe betrifft. Allerdings ist heute ein hoher Prozentsatz nichtverheirateter Mütter auf Sozialhilfe angewiesen, Statistiken belegen, dass  diese Bevölkerungsgruppe am stärksten vom Armutsrisiko bedroht ist.   Zudem haben Alleinerziehende nach wie vor keinen Anspruch auf das Ehepartner- oder Familiensplitting. So tragen sie auch die finanzielle Belastung meistens allein.

 

Nikola Scott; "Zeit der Schwalben"

504 Seiten

Aus dem Englischen übersetzt von Nicole  Seifert

Wunderlich Verlag

 

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Aalener Kulturjournal