Nina Jäckle:  Stillhalten   

Ein ungelebtes Leben - von Widerständen und Ängsten  

Auf dem Umschlag des schmalen Romans  findet sich  ein Ausschnitt des Gemäldes "Bildnis der Tänzerin Tamara Danischewski mit Iris" von Otto Dix aus dem Jahr 1933. Gleich zu Beginn des Romans blickt man auf das Porträt der jungen Frau mit goldfarbenem Haar.  Im hochgeschlossenen grauen Samtkleid steht sie bezaubernd lächelnd vor grünem Hintergrund, in der Hand eine weiß leuchtende Iris. Erwartungsvoll schaut sie den Betrachter an.  21 Jahre alt, als Dix sie malt.  So ganz anders als die üblichen schrillen Porträts des Malers.  Beim Malen hält Tamara still, wie sie ihr ganzes Leben lang still halten wird. Daher der Romantitel. Damals noch unverheiratet, umschwärmt,  "voller Ideen (…), voller Übermut, Begeisterung und Eifer." Otto Dix, dessen Name kein einziges Mal im Roman fällt, sondern der immer nur "der Maler" genannt wird, erklärt Tamara in Monologen während der Arbeit seine Weltsicht: "Weil ich gesehen habe, wie sich Leiber krümmen und winden, weil ich erlebt habe, dass es möglich ist, den Körper eines Kameraden, der direkt vor dir im Schlamm liegt, nicht mehr wiederzuerkennen (. . .), komme ich nicht umhin, diese Bilder zu malen, ich kann nicht anders, als zu malen, wie es ist."  Erschütternd  wirken die gemalten Kriegsszenen. 

"Ich sagte Ja, und gleichzeitig sagte ich Nein."

Und Tamara  wird die Sätze nie vergessen. Bereits im April 1933 wird Otto Dix aus seinem Lehramt an der Dresdner Akademie entlassen wegen "Verletzung des sittlichen Gefühls und Zersetzung des Wehrwillens des deutschen Volkes", stellt er doch, der den Krieg persönlich  kennengelernt hat, keine Helden, sondern "Krüppel" dar. Seine  Kunst gilt als "entartet", 1934 erhält er Ausstellungsverbot. Seit Sommer 1933 in der "Inneren Emigration" in Süddeutschland. Tamara Danischewski, die Großmutter der Autorin Nina Jäckle, studiert in Dresden bei der legendären Mary Wigman, die dort 1920  ihre erste Tanzschule gründet, um Ausdrucktanz zu lehren.  Später als  „rassefremd“ beziehungsweise "intellektuell"  denunziert. Auch Mary Wigmans Name wird im Roman nie genannt.

Tamara tritt abends im Kabarett auf, um für sich und die Mutter den Lebensunterhalt zu verdienen, begegnet dort nicht nur Dix, sondern ihrem späteren Mann, in den sie sich verliebt, der ihr und der Mutter ein sorgenfreies Leben bieten kann. "Er hat mich gefragt, und ich sagte Ja, und gleichzeitig auch sagte ich Nein, zu allem anderen, das vielleicht hätte werden können." Dafür muss sie das Tanzen aufzugeben wie  auch den Kontakt zu den Freunden. Eine Flucht in die Konformität, mit der Folge, dass sie sich selbst verliert, emotional und seelisch stirbt.  

Es geht nur noch darum, was alles hätte sein können

Dix, von ihrem Mann nur der "Schmierer genannt, darf nicht mehr erwähnt werden. Tamara passt sich an, arrangiert  sich mit ihrer Abhängigkeit, lebt dafür im goldenen Käfig. Ihr Unbehagen wächst, jedoch ist ihr Freiheitsdrang nicht so groß oder vielleicht fehlt auch der Mut, als dass sie ausbrechen würde. Ein Duplikat des Bildes hängt über ihrem Schreibtisch, das Original reist an ihrer Stelle durch die Kulturmetropolen. Postkarten verkünden, an welchem Ort das Original gerade ist.

Nina Jäckle rückt sie als alte Frau in den Fokus; verbittert, vereinsamt in der Villa ihres Mannes, ernährt sie sich von Sekt und Schnapspralinen.  Verstummt lebt das Paar nebeneinander her, sie im ersten Stock, er Parterre. Versorgt von der Haushälterin. Sonntags treffen sie sich zum Frühstück. Tagträume und Selbstgespräche der Protagonistin - erzähltechnisch als gelungener innerer Monolog beziehungsweise Bewusstseinsstrom gestaltet - verbinden Vergangenheit und Gegenwart, kreisen gedanklich um das, was hätte sein können:  Turin, Mailand, Genua, Amerika. 

Ein Roman im Konjunktiv

Eine Illusion. Stattdessen der Wald, der See, das Dorf. Einsamkeit und Fremdheit.  Sie beobachtet  Pflanzen und Tiere, fühlt sich diesen verbunden, zieht Vergleiche zwischen sich als junger Tänzerin und dem eleganten Flug der Enten, zwischen sich als alter Frau und dem räudigen Jagdhund ihres Mannes.  Tamara stellt sich immerzu die Frage, "ob sie nicht mehr vom Himmel, mehr vom Leben verdient hätte." Sie  bedauert sich und ihr Schicksal, fühlt sich vom Leben ungerecht behandelt. 

"Stillhalten" ist ein Roman im Konjunktiv. Tamara muss ein "Abrechnungsbuch" führen, vordergründig für die Haushaltskosten, in Wirklichkeit eine Abrechnung mit ihrem ungelebten Leben.  "Meine verriegelte Welt, wer hätte das gedacht, einst, als ich noch jung war und mit keinem meiner Füße den Boden berührte", so ihre Bilanz .  Nina Jäckle geht es nicht um die biographische Aufarbeitung der großmütterlichen Lebensgeschichte, so liefert sie auch keine eins zu eins Beschreibung,  beabsichtigt auch keine moralische Belehrung. Sondern lässt teilnehmen an den Erfahrungen einer talentierten jungen Frau, die zufällig die Großmutter der Autorin gewesen ist, im Roman aber kinderlos bleibt.

 

Karriere machen, aber "weiblich" bleiben

Denn so verschärft sich die Problematik;  Tamara kann sich nicht selbst belügen, indem sie vorgibt, wegen der Kinder ausharren zu müssen. Nina Jäckle geht es um vertane Chancen.  "Die Möglichkeit zur Freiheit wurde verschenkt", erklärt Nina Jäckle in einem Interview.

Freiheit bedeutet aber  immer auch ein Wagnis. Wie auch Erfolg kein Automatismus ist. Und oft ist es zudem bequemer, sich in der Abhängigkeit einzurichten, anderen die Schuld zuzuweisen. Die Rollenaufteilung zwischen Mann und Frau war damals zwar noch eindeutig geregelt, dennoch gab es Frauen, die rebellierten. Und heute: In den letzten Jahrzehnten hat sich das Rollenverständnis erheblich verändert. Nie zuvor stand für Mädchen die Welt so offen. Schon seit der Schule bessere Noten als die Jungs, liefern sie exzellente Abschlüsse, haben Berufe,  von denen  ihre Großmütter  nur träumen konnten, wollen Entscheiderinnen sein, drängen auf die Führungsetagen.  Und dennoch haben sie es immer noch nicht leicht, sind einer Doppelbotschaft ausgesetzt. Mach Karriere, bleib aber bitte schön "weiblich"! Was das auch heißen mag. Dazu der Selbstoptimierungswahn, eingeredet von den eigenen Geschlechtsgenossinnen. Viele wollen verbissen alles steuern, was zwangsläufig  Misserfolge nach sich zieht. Blockieren sich so selbst.

Ein leises Buch von großer poetischer Schönheit

Hierin liegt auch die Aktualität des Romans. Auf der letzten Seite  ist ein Photo  Tamara Danischewskis in einer kraftvollen Pose des Ausdruckstanzes zu sehen, wie sie vom Boden abzuheben scheint.

Als Material zu dem Roman dienen Briefe von Otto Dix und Postkarten von Martha Dix an die Großmutter. Weiter findet Nina Jäckle Briefe der Großmutter an den Großvater, welche dieser wohl nie erhalten hat. Zu lesen war, dass sie in ein Leben umgetopft worden sei, welches ihr nicht entsprochen habe. Das Tagebuch der Urgroßmutter  berichtet von der Flucht im Ersten Weltkrieg, wie Tamara mit 16 Jahren zu Mary Wigman gekommen sei. Als Tamara mit 82 Jahren starb, war die Autorin 28. Viel habe sie ihr erzählt über Otto Dix, sodass die  umfangreichste Materialsammlung Erinnerungen an diese Gespräche gewesen sei.

Die Autorin Nina Jäckle schafft in dem 190 Seiten umfassende Roman ein  leises Buch von großer poetischer Schönheit. Ein kleines Meisterwerk. 

Bild: Michael Schröder

Über die Autorin

 

Nina  Jäckle wurde 1966 in Schwenningen geboren und wuchs in Stuttgart auf. Sie studierte Sprachen in Neuchâtel und in Paris, wollte zunächst Übersetzerin werden, beschloss dann aber, lieber selbst zu schreiben. Seit 2010 veröffentlichte sie bei Klöpfer & Meyer, zuletzt „Der lange Atem“ (2014) und „Stillhalten“ (2017). 2015 erhielt sie den Italo-Svevo-Preis für ihr Gesamtwerk und das Stipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo 2016/2017.

 

 

Nina Jäckle, "Stillhalten"

Klöpfer & Meyer

20 Euro

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Aalener Kulturjournal