Roman über die Entstehung von Hans Falladas letztem Roman

Oliver Teutsch: "Die Akte Klabautermann"  

2011 wird Hans Falladas letzter Roman „Jeder stirbt für sich allein“, den er 1945 innerhalb weniger Wochen verfasst, ungekürzt neu herausgebracht. Ein literarisches Großereignis! Er erzählt von dem Arbeiterehepaar Quangel, das nach dem Tod seines Sohns an der Front beginnt, mit Postkarten-Flugblättern gegen das Naziregime zum Widerstand aufzurufen, und von der Gestapo gejagt und gefangen wird. Oliver Teutsch, Redakteur bei der „Frankfurter Rundschau“, ist von der Wiederentdeckung des Romans derart begeistert, dass er über die Hintergründe nachzuforschen beginnt. Heraus kommt Teutschs fundiertes wie spannendes Debüt „Die Akte Klabautermann“.

Fallada, der sich auf Anordnung der NS-Kulturpolitik, um schreiben zu können, verbiegt, dennoch nie zum Staatsbarden aufsteigt, zeitweise gar als "unerwünschter Autor" gilt, haust mit seiner zweiten Frau Ulla im ausgebombten Berlin in einer „verfallenen Wohnung“. Von den Kommunisten verdächtigt, mit den Nazis sympathisiert zu haben, weil er nicht in die Emigration gegangen ist. Hier setzt die Handlung des „Klabautermannes“ ein. Beide sind Morphinisten, deren Denken um nichts anderes kreist als um die Beschaffung des Giftes. Schon früh spricht Rudolf Ditzen, so heißt Hans Fallada bürgerlich, dem Alkohol zu, leidet an Depressionen, nimmt 1917 zum ersten Mal Morphium. Mit Ende 20 ist Fallada ein körperliches Wrack, rutscht ab in die Beschaffungskriminalität. 1928 nach der Haftentlassung lernt er Anna Issel kennen, eine einfache Frau aus proletarischen Verhältnissen, die er "Suse" nennt. Diese übernimmt die mütterliche Rolle, versucht Fallada vor sich selbst zu schützen, was ihr eine Zeitlang gelingt. In rückblickenden Gesprächen entfaltet sich die Vergangenheit: eine Ehehölle. Von Anfang an betrügt Fallada Suse nach Strich und Faden, verlässt sie schließlich wegen der 22-jährigen  attraktiven Ulla Losch, reiche Witwe eines Seifenfabrikanten, Alkoholikerin und Morphinistin wie er. „Diese Frau ist sein Todesengel“, wird in der Entzugsklinik ein behandelnder Arzt sagen. Ist sie doch die treibende Kraft in der Sucht.

 

Von  1933  bis 1945 lebt Fallada in  Carwitz in Mecklenburg, am Ende der Welt. Die Russen setzen im Mai 1945 den in der Sowjetunion geschätzten, jedoch völlig überforderten Hans Fallada zum Bürgermeister ein. Als der russische Kommandant ein Auge auf Falladas junge Frau Ulla wirft, kommt es zum Eklat

 

Der Schriftsteller Johannes R. Becher (1891 – 1958), der nach zwölf Jahren im  Moskauer Exil als einer der ersten nach Berlin zurückkehrt, wird Präsident des "Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands", später Minister für Kultur. Becher bemüht sich um  Schriftstellerinnen und Schriftsteller der „inneren und äußeren Emigration“, auch um Mitläufer, macht sich deshalb nicht nur Freunde. Namen wie Thomas und Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Erich Kästner, Ricarda Huch, Ernst Wiechert, Wilhelm Furtwängler oder Gottfried Benn fallen. Ausführlich tauschen sich die Anwesenden, darunter auch Fallada nebst Gattin, bei der der ersten „Friedensweihnacht“, die im Hause Becher gefeiert wird, über die alte und neue Kulturszene aus. Becher wirbt Fallada für den frisch gegründeten Aufbau-Verlag wie für den "Kulturbund" an, besorgt ihm eine Villa in dem abgesperrten Nobelbezirk Berlin-Pankow. Die Nachbarn: russische Offiziere, Walter und Lotte Ulbricht, Otto Grotewohl, Wilhelm Pieck und andere "verdiente" Größen. Fallada soll den ersten großen antifaschistischen Roman nach dem Krieg schreiben, so Johannes R. Bechers Plan. Als Vorlage dient die im Archiv der Gestapo gefundene Akte. Becher protegiert den Schriftsteller, auch weil er viel von sich selbst in diesem erkennt: Beider Väter sind hohe Richter mit eisernen Prinzipien, beide überleben in der Jugend einen Doppelselbstmordversuch aus „Verweigerung“. Dass Becher einst auch vom Morphium abhängig gewesen ist, verschweigt er wohlweislich. Auch kennt Becher wie Fallada Angst und Unterwerfung in einem totalitären Regime. „Menschen, die in den GULAG geschickt wurden. Genossen, die spurlos verschwanden. Was hatte er getan, als der nette Professor aus dem fünften Stock abgeholt wurde? Er hatte Schmeichelgedichte auf die ruhmreiche Sowjetunion verfasst.“

 

Einiger Überzeugungsarbeit bedarf es, bis Fallada sich bereit erklärt. Er sei kein Widerstandskämpfer gewesen, so der Schriftsteller. Aber er braucht das Geld, vor allem für die Drogen. Am 30. September 1946 beginnt er seinen letzten Roman, auf Grundlage der von Becher erhaltenen Gestapo-Akte. Um ihn wie im Rausch innerhalb von vier Wochen fertigzustellen. 866 Seiten insgesamt. Am 5. Februar 1947 stirbt Hans Fallada, erlebt die Veröffentlichung nicht mehr. Auch nicht, dass sein Roman auf Linie gebracht wird: So wird herausgestrichen, was nicht ins Konzept vom „Neuen Menschen“ passt; dass Fallada die Quangels zu Beginn der Handlung als „anständige Mitläufer" der Nationalsozialisten darstellt oder dass eine kommunistische Widerstandszelle ihre Mitglieder opfert. Das sogenannte „Dritte Reich“ schildert er als Gefälligkeitsdiktatur, von welcher die große Mehrheit der Deutschen profitiert, nimmt so Erkenntnisse des Wissenschaftlers Götz Aly zur NS-Diktatur in seinem Roman vorweg.

 

Oliver Teutsch, Die Akte Klabautermann

Roman

Verlag Dielmann

 

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Aalener Kulturjournal