Olaf Schmidt: Oboist des Königs

Das abenteuerliche Leben des Johann Jacob Bach

Das Schicksal meint es nicht gut mit ihnen. Erst stirbt die Mutter Elisabeth, dann der Vater Johann Ambrosius Bach, der als Stadtpfeifer und Hofmusiker in Eisenach tätig ist. Zurückbleiben Johann Jacob Bach und sein drei Jahre jüngerer genialer Bruder Johann Sebastian.
In seinem neuen Buch „Der Oboist des Königs“ taucht der Kulturjournalist Olaf Schmidt, ein profunder Kenner von Musik, Literatur und Geschichte, tief ein in die Welt des Barock.
Nahezu alle Mitglieder der weitverzweigten Familie Bach sind Musiker. Der älteste Bruder Johann Christoph Bach, Organist an der Ohrdrufer Michaeliskirche, nimmt 1695 die Waisen bei sich auf. Während der „Wunderbruder“ Johann Sebastian dort das Orgelspiel erlernt, absolviert Johann Jacob bald eine Musikerlehre in Eisenach bei Heinrich Halle, dem Nachfolger seines Vaters.
Im Fokus des Romans steht jedoch Johann Bach, Johann Sebastian hingegen betritt ab und an die Bühne. Da über Jacob als historische Person wenig bekannt ist, mischt der Autor gekonnt Fakten und Fiktion, um mit überbordender Fabulierlust die Leerstellen zu füllen.
Zurück in Eisenach begegnet Johann Jacob im Haus des Onkels dem weitgereisten Alain Sinclair, einem „Zauberer“ auf der Querflöte, der ihn nicht nur im Spiel unterweist, sondern in der Reit-, Fechtkunst und Sprachen unterrichtet und ihm später die Tür öffnen wird, in die Welt des Schwedenkönigs Karl XII.
Religiöse und gesellschaftliche Umbrüche vollziehen sich als Rauschen im Hintergrund. „Die Zeit war verbraucht“, heißt es im Roman. Einerseits ist der Alltag noch vom Aberglauben beherrscht, andererseits bereiten naturwissenschaftliche Entdeckungen ein neues Denken vor. Olaf Schmidt liefert ein gründlich recherchiertes Porträt jener Zeit, erzählt ausführlich und farbig von den politischen Wirren, zeigt die Herrscher in ihrer ganzen Ambivalenz.
Die Handlung des Romans, 1695 beginnend und 1715 endend, ist eingebettet in die Zeit des Großen Nordischen Krieges, welcher von 1700 bis 1720 in Nord-, Mittel- und Osteuropa um die Vorherrschaft im Ostseeraum geführt wird. Mit wechselnden Bündnissen und wechselndem Kriegsglück. Ganz Europa wird dadurch erschüttert. Polen, das seit dem 16. Jahrhundert Wahlkönigtum ist, folglich idealer Nährboden für Korruption, ist doch der polnische Adel „ebenso stolz wie abgebrannt“, wird zum Spielball. Als Akteure der sächsische Kurfürst Friedrich August I., genannt „ der Starke“, seit 1697 polnischer König, sein Vetter, der achtzehnjährigen König Karl XII. von Schweden, König Friedrich IV. von Dänemark und Norwegen, der russische Zar Peter der Große. Umgeben von Abenteurern, „Speichelleckern“, „begnadeten Intriganten“. Augusts Krieg gegen Schweden verwandelt das „einst blühende Sachsen in ein Armenhaus“, Russland und Schweden zerfleischen sich. Die Länder sind verwüstet und entvölkert.
Die Zeit ist voller Widersprüche. Glück und Unglück sind dicht beieinander, die Menschen immer gefährdet abzustürzen. Ob Freund oder Feind spielt keine Rolle.
Auch Johann Jacob gerät in den Strudel der Gewalt. Nach der Lehre begibt er sich als „Stadtpfeifergeselle auf die Wanderschaft“, führt ein abenteuerliches Leben. „Monsieur Jacobus Bach“ begegnet Philipp Telemann, dem „strahlenden Stern Leipzigs“, dem „Glücksschweinchen“ und „Großmaul“ Georg Friedrich Händel, bereits ein gewichtiger Musiker. Erst am Karsamstag des Jahres 1715 wird Johann Jacob Bach, vom Leben hart gezeichnet, vor dem Haus seines Bruders Johann Sebastian, inzwischen Konzertmeister der herzoglichen Hofkapelle im beschaulichen Weimar, stehen.
Johann Jacob begleitet als Regimentsmusiker der Leibgarde den kriegsbesessenen "Heldenkönig" Karl XII. bei dessen Feldzügen in Polen und im Baltikum, auch bei der Schlacht von Poltawa, dem Wendepunkt des Großen Nordischen Krieges. 1707/08 fällt das schwedische Heer in Russland ein. In die „eisige Hölle des ukrainischen Winters“. 24000 Schweden stoßen auf mehr als 40000 Russen. Am Ende kapitulieren die Schweden. Mit dem König gerät Jacob Bach nach Konstantinopel. Der einst als strahlender jugendlicher Kriegsgott verehrte Karl - nun ohne Macht - kasteit sich selbst, versinkt in einer Depression. Jacobs Musik vermag den König zu retten. Während Jacob Selbstekel empfindet, sich an diesen Menschen gebunden zu haben.
Detailliert wie drastisch beschreibt Olaf Schmidt die Schlachtszenen. Die Bestialität des Krieges, die Qualen der Bevölkerung, entstehende Glaubenszweifel spiegeln sich in den Romanfiguren. Die Handlung beginnt um metaphysische Fragen zu kreisen. Die Geschichte des Hiob aus dem Alten Testament, Leibniz´ Theodizeefrage, Jeans Pauls Rede des toten Christus, die Legende vom Ewigen Juden verarbeitet der Autor literarisch, eingebettet in das Geschehen, wird die innere Not des Menschen in einer Welt ohne Erbarmen gezeigt.
So gleicht Volands Geschick dem des alttestamentarischen Hiob. 1704 wird seine Familie von einer russischen Bombe ausgelöscht, sein ganzes Hab und Gut vernichtet, während er in der Kirche eine Kantate für Christi Himmelfahrt probt.
Während der Geist des Selbstmörders Theophilus Lessing, den die Frage quält, warum Gott all das Böse in der Welt zulasse, Jacob Bach erscheint. Die Theodizeefrage des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz, Zeitgenosse von Johann Jacob, wird zum Dreh- und Angelpunkt. Für das Menschenleid sei Gott nicht verantwortlich. Gott sei verstummt, so Lessings nihilistische Antwort. „Das Böse, das auf der Erde geschieht, ist Menschenwerk.“
Wörtlich zitiert Olaf Schmidt Jean Pauls "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei" aus dessen Roman „Siebenkäs“, ein atheistischer und nihilistischer Albtraum. Auf die Frage der Toten „Ist kein Gott?“, erwidert Christus selbst: „Es ist keiner“. Und die Welt versinkt im Nichts.
Auch begegnet Jacob Bach im Osmanischen Reich dem mysteriösen Abdias Cartaphilius. Von Ereignissen und Gestalten vergangener Zeiten, wisse dieser so glaubhaft und lebendig zu erzählen, als hätte er wahrhaftig diesen Ereignissen beigewohnt, heißt es. Sogar Zeuge des Leidenswegs Jesu Christi gewesen zu sein, behauptet er. Ahasver, der Ewige Jude, ist ein Verfluchter, der durch die Welt irren muss, ohne sterben zu dürfen.
Der Autor lässt seine Romanfiguren eigene Antworten geben. Sie verzweifeln, die Freiheit, sich zwischen Gut und Böse entscheiden zu können, vermögen sie nicht zu erkennen. Stattdessen eine radikale Gottverlassenheit. Nur Ahasver erscheint ein lächelnder Jesus Christus.
Olaf Schmidts beeindruckender Roman „Der Oboist des Königs“ ist nicht nur eine fiktive Biographie über ein Mitglied der Musikerfamilie Bach, sondern erzählt brillant von einer wahnsinnig gewordenen Welt. In vielem an Grimmelshausens "Simplicissimus" erinnernd.

 

INFO

 

Olaf Schmidt, Der Oboist des Königs.
Das abenteuerliche Leben des Johann Jacob Bach
Verlag: Galiani, Berlin
590 Seiten
25 Euro

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Aalener Kulturjournal