Olga Tokarczuk:  „Die Jakobsbücher“

Die Geschichte einer grenzenlosen Reise

Jakob Joseph Frank, Herb Dobrucki, ein osteuropäischer Jude, Prophet, falscher Messias, dessen Wirkkraft bis Mitte des 20. Jahrhunderts in ganz Europa reicht. 1726 kommt Frank  im Osten Polens zur Welt und stirbt 1791 in Offenbach am Main.

In  dem opulenten  historischen Roman „Die Jakobsbücher“   der Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk  ist dieser Frank die Hauptfigur. Acht Jahre lang schreibt  die studierte Psychologin an den "Jakobsbüchern", recherchiert gründlichst, arbeitet sich ein in verschüttete Quellen, in die jüdische Religion, die Geschichte. Der knapp 1.200 Seiten umfassende Roman, in hebräischer Weise rückwärts nummeriert,  voll  überbordender Fabulierlust, spielt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im polnisch-litauischen Königreich, das  von der Ostsee bis in die heutige Ukraine reicht und wenig später  zwischen Russland, Österreich und Preußen aufgeteilt wird.

 Ein Vielvölkerstaat, in welchem katholische, protestantische, orthodoxe, apostolische Christen, Juden und Muslime leben.  Seit dem 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart  wird die polnisch-litauische  Adelsrepublik von nationalbewussten Polen als Hort der Freiheit, Gerechtigkeit und Glaubenstoleranz verherrlicht.

Ganz anders  in Olga Tokarczuks Roman, der eine „große, buntscheckige Welt“ voller Armut, Gewalt und Ungerechtigkeit zeigt. Was ihr von Kritikern den Vorwurf der Nestbeschmutzung einbringt. Eine Reise verspricht die Autorin, welche  Historie mit Fiktion verzwirnt, über sieben Grenzen, durch fünf Sprachen und drei große Religionen. Von den Toten erzählt, sie ergänze nur. Keine allwissende Erzählerin kommt vor, sondern  Olga Tokarczuk  lässt unterschiedliche Figuren Jakob Franks Geschichte erzählen, je nach Figur wechselt auch der Erzählton.

 

Zum Gedenken und Besinnen

 

Die Handlung setzt ein Ende Oktober 1752, immer wiederkehrender Schauplatz des Romans ist der armselige  Marktflecken Rohatyn südöstlich von Lemberg, in Podolien, östlich der Karpaten.  „Die schiere Armut, die sich zur Erde beugt. Keine Lädchen oder Kramstände mehr, sondern   elende Verschläge, die Hundehütten gleichen, aus kümmerlichen Holzresten gezimmert, die von Abfallhaufen zusammengeklaubt wurden. (…) Zerlumpte Frauen sammeln auf den Gassen Sägespäne und Pferdeäpfel als Brennmaterial. An den Lumpen ist nicht zu erkennen, ob es jüdisches, orthodoxes oder katholisches Elend ist. Die Armut kennt weder Konfession noch Staatspapiere.“

Schillernde Charaktere,  unterschiedlichster Herkunft, meist historisch verbürgt, bevölkern den Roman, erzählen ihre eigene Geschichte, welche jede für sich genügend Stoff für einen Roman böte:   Der polnische katholische Pater Benedykt Chmielowski, der bei  dem niemals glücklichen Rabbi Elischa Schor nach hebräischen Büchern forscht für sein enzyklopädisches Werk, ein „Kompendium des Wissens“, in lateinischer Sprache. Mit der polnischen Barockdichterin Elżbieta Drużbacka, welche ihre Herrin, die Kastellanin und Politikerin Kossakowska begleitet, führt Chmielowski einen Briefwechsel. Die  Kastellanin erklärt bei einer Abendgesellschaft, dass „die Juden jetzt überall sind, da muss man nur noch zusehen, wie sie uns auffressen mit Haut und Haar“. Verschwörungsmythen von angeblichen Machenschaften der Juden.  Gleichwohl verwalten nicht selten Juden die Güter der Magnaten, des polnischen Hochadels, der  nicht für die   Adelsrepublik, sondern für die eigenen Interessen kämpft. Ihre „Frauenmalaise“ lässt die Kossakowska dennoch von dem jüdischen Arzt Ascher Rubin behandeln. Ascher Rubin wiederum ist trotz seines Berufes (oder gerade deshalb) ein „Misanthrop“, ein Menschenfeind, geplagt von „düsteren Gedanken“.

 

Pogrome werden zum Nährboden einer apokalyptischen Mentalität

 

Ein weiterer immer wieder vorkommender Protagonist: Kajetan Sołtyk, Bischof von Kiew und später von Krakau, eine zwielichtige historische Figur.  Im Roman dem Glücksspiel verfallen. Der schon mal wegen seiner Spielschulden die bischöflichen Insignien verpfändet, und um wieder in ihren Besitz zu gelangen, den Juden bewaffnete Männer auf den Hals hetzen will. Sołtyks Maxime „Glaube und Freiheit“ hat alle  polnischen Aufstände  motiviert und bestimmt bis heute  das nationale polnische Selbstverständnis. Auch Sophie von La Roche, die deutsche Schriftstellerin der Aufklärung, hat im Roman ihren Auftritt, denn das Zeitalter der Aufklärung kündigt sich an. 

Die Greisin Jenta, Jakobs Großmutter, die „von der Welt gelöst“ zwischen Diesseits und Jenseits  balanciert, in der Geschichte immer wieder vorkommend, sorgt für eine magische Atmosphäre. Bei ihr laufen die Handlungsfäden zusammen.

Mitte des 17. Jahrhunderts   kommt es unter dem ukrainischen Kosakenführer Bogdan Chmielnicki, zu einem blutigen Aufstand gegen die Willkürherrschaft des polnischen Adels sowie zu Pogromen, bei denen  über 100.000 Juden getötet werden. Verbrechen, die ins Gedächtnis der Juden eingegraben sind,  den  Nährboden bilden für eine apokalyptische Mentalität. In der als unerträglich empfundenen Gegenwart wächst die Sehnsucht nach einem Messias, der eine  "neue Ordnung" verheißt.

So gedeihen religiöse Bewegungen wie die des Shabbetaj Zvi, der als  selbsterklärter Messias zahlreiche Anhänger um sich scharen kann. Aus der jüdischen Gemeinde als Häretiker mit dem Bann belegt, konvertiert er mit engen Anhängern   zum Islam, wird wegen  Abfall vom Islam angeklagt und nach Albanien verbannt, wo er 1676 stirbt. Zu jener Zeit kommt Jenta zur Welt.

 

Wenn religiöser  Wahn und weltliche Machtgier zusammenfinden

 

Einhundert Jahre später sieht sich ein Jakob Joseph Frank aus Podolien,  von Kindheit an unter dem Einfluss der Sabbatianer stehend, als Reinkarnation des biblischen Jakobs und des Schabbtai Zvi.

Die Juden von Rohatyn sind einander nicht wohlgesonnen: Talmudgläubige und Häretiker beschuldigen sich gegenseitig der „schlimmsten Sünden“. Frank, der die Menschen manipuliert und instrumentalisiert, ist schwer durchschaubar und unberechenbar.  Zunächst tritt er zum Islam über, dann zum Christentum, immer samt Gefolgschaft.  Die Religion sei für Jakob Frank nur wie ein paar Schuhe, in denen er sich zum Ziel bewegt, betont die Autorin. Getrieben von religiösem Wahn und weltlicher Machtgier. Seine „Compagnie“ setzt sich zusammen aus den Elenden und Entwurzelten,  die für ihren Messias  zu allem bereit sind, mit denen er mitunter in einer Großkommune lebt. Scheinbare Wundertaten und vor allem sexuell aufgeladene Riten  mit Gesang und Tanz  machen ihn  so anziehend. Wobei alle Frauen und Männer ihm gehören, auch die eigene Tochter. Jakob Frank als den polnischen  „Luther der Juden“ zu bezeichnen, wie der Verlag schreibt, trifft gewiss nicht zu. Als die orthodoxen Rabbiner die Frankisten bannen, verbrennen  diese talmudische Schriften,  behaupten, der Talmud rufe zum Ritualmord an Christen auf, beteiligen sich an Verfolgungen.

Ausführlich und  farbig erzählt der Roman, wie Frank in den Adelsstand erhoben, wieder fallen gelassen wird, wie  er im Kerker schmachtet. Als es nach der Aufteilung Polen-Litauens zu Unruhen kommt, kann er sich mithilfe der Russen aus Tschenstochau befreien,  zieht er mit eigenem  Hofstaat und Militär gen Westen. Auch an den österreichischen Kaiserhof, wo er seine Tochter Joseph II. anbietet.

Bis schließlich  der für seine Liberalität in Religionsfragen bekannte Fürst Wolfgang Ernst zu Büdingen und Isenburg Jakob Frank samt Gesinnungsgenossen  sich in Offenbach ansiedeln lässt.

Ihr Roman zeige, wie wichtig dieses 18. Jahrhundert für Europa gewesen sei, betont die Autorin.  „Mit der Aufklärung, in der Enzyklopädien verfasst wurden, in der man in Wiener Cafés Bildungsjournale las und darüber diskutierte.“ Mit guten Zeiten in der Geschichte müsse man  ebenso zurechtkommen wie mit ihren dunklen Seiten. Teil eines polnischen Erinnerungsprojekts sei ihr Roman, hat sie im New Yorker erzählt. Die Geschichte der polnischen Juden sei Teil der Geschichte Polens.  

Olga Tokarczuks  gewaltiger  Roman „Die Jakobsbücher“, kongenial von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein ins Deutsche übertragen, ist kein Sachbuch, basiert  jedoch auf historischen Fakten. Aufgemacht wie  eine alte Schrift, unterhaltsam geschrieben und intellektuell anspruchsvoll.

 

Olga Tokarczuk:

Die Jakobsbücher. Roman.

1173 Seiten

 Aus dem Polnischen von

Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein.

Kampa Verlag, Zürich 2019.

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Aalener Kulturjournal