Von einem, der auszog, dem Weltelend auf die Sprünge zu helfen

Peter Rosegger: "Weltgift"

Peter Roseggers 1903 erschienener  Roman „Weltgift“ erzählt die Geschichte des 38-jährigen Industriellensohns Hadrian Hausler junior, eines "blasierten Sonderlings", der seiner "traurigen Existenz" entkommen will, sich nach einem  erfüllten einfachen Leben sehnt, um sich am Ende selbst zu zerstören.

Den Vater Hausler, Prototyp des erfolgreichen Frühkapitalisten, hasst er. "Mein ganzes Leben ist mißraten."  Verantwortlich sei der Vater, der habe ihm das Leben verpfuscht. Ein Empfinden, das zur fixen Idee wird. Als dieser ihn zum Geschäftspartner machen möchte - fortan solle die Firma „Hausler & Sohn“ heißen - kommt es zum Bruch, denn Hadrian scheut die Verantwortung.  Er wird enterbt, was allerdings nicht bedeutet, dass er Geldsorgen haben wird. Sein Pflichtteil reiche immer noch für ein Leben in Saus und Braus, erklärt der Vater.

„Heute endlich bin ich gestorben“, schreibt Hadrian in seinem Tagebuch, auf welches der Erzähler im Verlauf des Romans immer wieder zurückgreift. Mit dieser eigenartigen Aussage beginnt der Roman. Mühe habe es ihn gekostet, vom Vater enterbt zu werden. Eine nachträgliche Beschönigung, hierin ist Hadrian ein Meister. Er  schließe die alte Buchhaltung, um eine neue zu beginnen. Eine ohne Haben und mit viel Soll. Seine Wiedergeburt feiert Hadrian selbstverständlich mit Sekt. Hineingeboren in den Überfluss, romantisiert er die Armut. Ergriffen von sich selbst denkt er über das "Weltelend" nach, will  sich fortan der Menschheit, vor allem den Armen opfern. Ist aber rasch  gekränkt, wenn die Armen seine "Güte" nicht so zu schätzen wissen wie erwartet.

Begleitet von dem Stallknecht Sabin, den er  adoptieren wird, um ihn  an sich zu binden, macht er sich auf den Weg. Der mädchenhaft wirkende junge Mann weckt in Hadrian homoerotische Gefühle, vom Erzähler wiederholt verhalten angedeutet. Zu Roseggers Zeiten dennoch eine Provokation.

 

Auch Nichtstun kann anstrengend sein

Die Handlung spielt in der Zeit der frühen Industrialisierung, welche von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg das Leben grundlegend verändert. Dampfmaschinen kommen auf, aus Schloten steigt rostbrauner Rauch, so "daß die Sonne am Himmel nicht mehr anders zu sehn war, denn als schmutzige rote Scheibe, wie durch rauchiges Glas." Natur wie Mensch werden dadurch verpestet. Knechte und Mägde verlassen die Bauerhöfe, gehen in die Fabriken, werden Proletarier, von Hausler senior "Bestien" genannt.  Während  die Fabrikanten Geld scheffeln. Auch die Meisterbetriebe werden zunehmend durch die Großfabrikanten verdrängt. Die streikenden Arbeiter beängstigen Hadrian, obwohl er sich  sagt, "da er nun selbst zum Volk niedergestiegen sei, da er für die Menschenrechte eintreten werde", könne ihm nichts passieren.

Um den Traum vom einfachen Leben zu realisieren, kauft Hadrian das heruntergewirtschaftete Schloss Finkenstein. Der Plan, sich selbst in die Landwirtschaft einzuarbeiten, scheitert: zu mühevoll das Ganze.  Unlust, Überdruss, Langeweile bestimmen immer stärker seine Gemütslage. Dazu viel Selbstmitleid. Er gibt sich Tagträumen von der Veränderung der Welt hin, ist davon schnell erschöpft, vom Erzähler des Öfteren mit feinem Spott kommentiert. "Etwas oft ruhebedürftig" sei dieser. Das Lebensprinzip: "Zerstreuung, Erholung - vor dem Nichtstun." Arbeiten sei "Plebejersport", so Hadrian. Den Knechten und Mägden begegnet der Weltverbesserer vom hohen Ross herab, während er dem windigen Gutsverwalter, der ihn betrügt, auf den Leim geht. Da er nahezu den ganzen Besitz verliert,  postuliert er "gänzliche Hab- und Bedürfnislosigkeit". Von dem bodenständigen Sabin mit den Worten kommentiert: "Auf den Ballast verzichtet mein Bruder, aber einen Palast möchte er wieder haben."

Lebenstüchtig und zupackend, zeigt Sabin  für  Hadrians  Stimmung, dessen "thatloses Dahindämmern", wenig Verständnis, charakterisiert diesen als "friedlos, willensschwach".  Dennoch versucht er, ihn zu schützen. Vom verbliebenen Rest der Vermögens kauft Sabin einen Bergbauernhof, um diesen erfolgreich zu bewirtschaften. Während Hadrian "verstumpft".

Humorvoll, mit feiner Ironie erzählt

Mit Hadrian Hausler junior schildert der Autor den Typus des weltfremden Phantasten, der an sich selbst scheitert. Besserwisserisch und egozentrisch um sich kreisend, ein Mann großer Worte, allerdings ohne Tatkraft.  Ein Typus, der in unserer  Gegenwart Konjunktur hat. "Nichts ist gefährlicher und seelenmordender als die beständige Beschäftigung mit dem eigenen Wesen und Ergehen, der eigenen einsamen Unzufriedenheit und Schwäche", schreibt Hermann  Hesse in seiner Erzählung "Der Weltverbesserer".  Eine Aussage, welche bestens zu Hadrian Hausler passt.

Gleichzeitig thematisiert Rosegger die gesellschaftlichen Umbrüche seiner Zeit im Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Im Nachwort zur Neuausgabe knapp und treffend dargestellt. Bauersöhne werden Mediziner oder Doktoren der Philosophie. Die einen praktizieren im Namen des Fortschritts grausame Tierversuche, die anderen schwafeln vom Sozialdarwinismus, von Nietzsches Übermenschen. Die Alten, im Gestern verwurzelt, verstehen die Welt nicht mehr. "Unsere rasch vorwärts schreitende Entwicklung macht es, dass heute ein einziger Mensch mehr erlebt, als früher Vater, Sohn  und Enkel zusammen", stellt Rosegger fest. Eine Feststellung, die auch für unsere Gegenwart gilt, leben wir doch in Zeiten radikaler Umbrüche. Humorvoll mit feiner Ironie erzählt der Autor seine Geschichte, wobei die Sympathie des Erzählers eindeutig dem lebenstüchtigen Sabin gehört.

Die Ausgabe des Romans "Weltgift" folgt der Erstausgabe von 1903 in Orthographie , Grammatik und Stil. Was allerdings nicht bedeutet, dass der Roman schwierig zu lesen ist, es verleiht dem Buch vielmehr zusätzlichen Charme.

Peter Rosegger (1843-1918), als  Waldbauernsohn geboren, wird  Schriftsteller und  Journalist, beschäftigt sich mit gesellschaftspolitischen Themen, wie Umweltschutz, der Landflucht, kritisiert den Raubbau an der Natur, erlebt die Weltwirtschaftskrise von 1873.  Er sympathisiert mit der damaligen Arbeiter- und Friedensbewegung.  Rosegger ist Ehrenmitglied der Londoner "Royal Society of Literature", Ehrendoktorate der Universitäten Heidelberg (1903), Wien (1913) und Graz (1917) folgen. 1913 wird er gar für den Nobelpreis nominiert.

 

Peter Rosegger "Weltgift"
360 Seiten, Septime Verlag

 

 

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Aalener Kulturjournal