Petra Oelker:  "Die Brücke zwischen den Welten"

Ein liebenswerter Hochstapler

In ihrem aktuellen Roman "Die Brücke zwischen den Welten"  erzählt Petra Oelker die Geschichte des  liebenswerten Hochstaplers Hans Körner. Der Hamburger, ein fleißiger und kluger junger Mann, verliert seine Arbeit als Fachverkäufer für Orientteppiche. Zufällig bietet ihm Ludwig James Brehm an, unter seinem Namen in Konstantinopel im Teppichhandelshaus Ihmsen & Witt, einem der renommiertesten Handelshäuser im Nahen Osten, eine Stelle anzutreten. Für ein Jahr. "Er hatte sich auf diesen abenteuerlichen Betrug eingelassen, als seien alle Vernunft und Ehrbarkeit, auf die er stets großen Wert gelegt hatte, nur eine Tarnkappe für den Hochstapler in ihm gewesen", stellt Hans Körner über sich selbst verwundert fest. 

Konstantinopel, die prosperierende "Stadt an den zwei Kontinenten",  am Goldenen Horn, am Bosporus, wo sich Europa und Asien begegnen, leuchtet in den Farben des Orients. Hans Körner alias Ludwig Brehm kommt nach einer abenteuerlichen Reise in eine multiethnische Gesellschaft mit multiethnischem Gesicht. Die drei großen Religionen - Juden, Christen und Muslime - sind in der Stadt vertreten. Deutsche, Italiener, Franzosen, Engländer. Türken, Armenier, Bulgaren tragen blutige Konflikte aus. Die Bahnhöfe der Stadt mit ihrer griechisch-klassizistischen Fassade sind von deutschen Architekten erbaut. Gehandelt wird mit Teppichen, Textilien und Rohstoffen, erleichtert durch die Öffnung der Donauroute zum Schwarzen Meer für die Schifffahrt. Eine Stadt, "deren Sprachen, Schriften und Gewohnheiten ihm völlig fremd waren." Im völligen Kontrast zu Körners Gepflogenheiten. Eine Welt voller Gegensätze in einer Zeit des Umbruchs. So  kündigen Dampfmaschinen die Moderne an, in den europäischen großbürgerlichen Kreisen spricht man über Frauenbildung und -studium. Wie aber auch bereits spürbar ist, dass die europäischen Führungsmächte England, Frankreich und Deutschland zum großen Krieg rüsten, der die alte Welt zerstören wird.

Der historische Roman gibt auf nahezu 500 Seiten Einblick in die Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg. Prolog und Epilog, 1920 verortet, rahmen die vor allem im Jahr 1906 handelnde Geschichte ein. Nur eine Momentaufnahme aus dem Leben der Protagonisten. Eine Epoche, für welche sich die Autorin offensichtlich besonders interessiert, spielen doch auch weitere ihrer Romane vor dem Ersten Weltkrieg. Ein umfangreicher Anhang erklärt im  Roman verwendete Begriffe. Wie ein Personenverzeichnis zu Beginn die Hauptfiguren kurz vor stellt. Zum Beispiel Alfred Ihmsen, Kommerzienrat und orientalisierter Preuße, sein Kompagnon und Neffe Richard Witt, dessen unkonventionelle Ehefrau Edith, welche sich gegen die an sie gestellten Erwartungen auflehnt, um einen eigenen Weg zu finden. Die vermögende Französin Charlotte Labarie, leidenschaftliche Leserin russischer Autoren. Deren Gesellschafterin Milena Bonnard, eine Französin mit russischen Wurzeln und rätselhaften Verbindungen. Auch eine historische Karte mit den Bezirken des alten Konstantinopel findet sich am Anfang und Schluss des hervorragend recherchierten spannenden Buches.

Voller überbordender Fabulierlust schafft die promovierte Historikerin Petra Oelker eine dichte Atmosphäre mit farbenprächtigen Gemälden. Konstantinopel ist eine Stadt, welche alle Sinne anspricht. Eine "Welt fremder Gerüche und phantastischer Bilder". Der Blick aufs Meer, dessen Rauschen, duftende Gärten, die unterschiedlichen Dächer und Türme,  luxuriöse Villen, aber auch die engen Gassen, in denen die Armen leben.   

Nicht nur wird der vermeintliche Ludwig Brehm rasch zum geschätzten Mitarbeiter, Edith, Milena und er, "ein ungewöhnliches Trio" durchstreifen das historische Konstantinopel. Als sich allerdings Besuch aus Hamburg ankündigt, fürchtet er, von der Vergangenheit eingeholt zu werden.

 

Petra Oelker, "Die Brücke zwischen den Welten"

Rowohlt

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