Ricarda Huch zum Geburtstag

Europäerin des Geistes

"Ich war ein geborener Protestant mit einer Vorliebe für Revolutionen und Rebellionen ... Das Wort `Freiheit´ war das Zauberwort, das mein Herz schrankenlos öffnete." Ein treffende Selbstcharakterisierung. Zeit ihres Lebens ist Ricarda Huch ein freier unabhängiger Geist, geht immer ihren eigenen Weg, beugt sich nie dem Zeitgeist, auch nach 1933 nicht. Bei der Gedenkveranstaltung im Thüringer Landtag zum 150. Geburtstag Ricarda Huchs wird diese eine „Ausnahmefrau und Europäerin mit Herz und Verstand“ genannt. Erinnert werde an die `Rebellin des Gewissens´, an die `erste Frau Europas´, für die Demokratie eine Sache der Gesinnung war und die ein Leben lang für die Freiheit ihres ‚geistigen Talents‘ gekämpft und gestritten hat.“

Ricarda Huch wird am 18. Juli 1864 in Braunschweig in eine Kaufmannsfamilie hineingeboren. Als eine der ersten deutschen Frauen studiert sie in Zürich  Geschichte, Philologie und Philosophie und wird als eine der ersten deutschen Frauen promoviert an der Universität Zürich im Fach Geschichte. Ein Fach, das damals ausschließlich männlichen Wissenschaftlern vorbehalten ist. Anschließend arbeitet sie in Zürich und Bremen als Bibliothekarin und als Lehrerin, seit 1897 in Wien als freie Schriftstellerin, wo sie Ermanno Ceconi, einen italienischen Zahnarzt, kennenlernt und heiratet.

1893 erscheint ihr erster großer Roman "Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren", in welchem sie ihre  leidenschaftliche Liebe zu ihrem Schwager und Vetter Richard Huch aufarbeitet. Nach der Scheidung von Ceconi, mit dem sie eine Tochter hat, heiratet sie Richard. Auch diese Ehe schlägt bald fehl, denn eine junge Geigerin taucht auf.

Ricarda Huch wechselt zwischen Literatur und Wissenschaft hin und her. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki schreibt über  Ricarda Huch: "Es ist oft schwer zu entscheiden, welcher Gattung gerade ihre besten Bücher angehören. Wer hat sie geschrieben - eine Dichterin oder eine Wissenschaftlerin, eine phantasievolle Erzählerin oder  eine exakte Chronistin? Sie war stets beides zugleich und auf einmal. Ihre Essays sind auch Geschichten, und ihre Geschichtswerke sind auch Epen. Ihr Buch über die Romantik, um 1900 veröffentlicht, ist ein fundamentales kulturgeschichtliches Dokument und ein literarisches Kunstwerk von großer Schönheit." Sie schreibt über Empörer wie Luther, Riemeneschneider, Garibaldi, Bakunin, Lassalle, über Reformer wie den Freiherrn vom Stein. Große Werke über die Revolution von 1848 und den Dreißigjährigen Krieg verfasst sie. 1924 anlässlich ihres 60ten Geburtstages nennt Thomas Mann Ricarda Huch "die erste Frau Deutschlands"; im selben Jahr wird sie Ehrensenatorin der Universität München. 1931 erhält sie den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt. Als erste Frau wird die Dichterin und Philosophin 1930 in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen, tritt am 9. April 1933 aber demonstrativ aus wegen des Ausschlusses jüdischer oder politisch unliebsamer Mitglieder  und zieht sich in die innere Emigration zurück. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist sie erstaunt, dass die Nazigegner "nicht als Helden gefeiert, ja den meisten Deutschen nicht einmal bekannt waren". Im Frühjahr 1946 veröffentlicht die Schriftstellerin in deutschen Tageszeitungen einen Aufruf, in dem sie Angehörige und Überlebende des Widerstands bittet, ihr Material für ein Buchprojekt zuzusenden. Sie plane "Lebensbilder dieser für uns Gestorbenen aufzuzeichnen und in einem Gedenkbuch zu sammeln, damit das deutsche Volk daran einen Schatz besitze, der es mitten im Elend noch reich macht".

Der ganze  deutsche Widerstand, Menschen, die im Kampf gegen das Regime ihr Leben aufs Spiel gesetzt oder gar verloren haben,  sollte gewürdigt werden. Gewidmet sind ihre letzten historischen Studien der "Weißen Rose", den Opfern des Münchner Studenten-Widerstandskreises, die unter dem Titel "Der lautlose Aufstand" (1953) posthum erscheinen. Das letzte Werk bleibt unvollendet– auch das ein Buch über Freiheit und Rebellion: Porträts von Widerstandskämpfern.

Am 4. Oktober 1947 treffen sich  auf dem 1. deutschen Schriftstellerkongress Autoren aus Ost und West in Berlin; Ricarda Huch wird Ehrenpräsidentin. "Ich habe Geschichte studiert und kenne nicht nur die Geschichte unseres eignen Volkes, sondern die auch anderer Nationen gut, ich habe jahrelang in der Schweiz gelebt und fühle mich dort zuhause; ich war mit einem Italiener verheiratet, und ich habe sehr gerne in Italien gelebt; all  diese Umstände haben bewirkt, dass ich ganz frei von einseitigem Nationalismus bin, aber national fühle ich durchaus", erklärt sie. Eine bekennende Europäerin, die in der deutschen Geistesgeschichte  ihr intellektuelles Fundament hat. Wie schreibt doch Johann Wolfgang von Goethe im "West-östlichen Divan": "Wer nicht von dreitausend Jahren/ sich weiß Rechenschaft zu geben, / bleib im Dunkeln unerfahren,/ mag von Tag zu Tage Leben." Und vermag auch kein fundiertes Urteil über die Gegenwart zu bilden.

Vor ihrem Jubiläumsjahr 2014 ist es um Ricarda Huch sehr still gewesen. Inzwischen sind viele ihrer Werke wiederaufgelegt, auch der 1917 erstmals erschienene Roman "Der Fall Deruga", ein Kriminalroman, der eigentlich ein "Gesellschaftsroman" ist. Dr. Deruga, ein Arzt mit zweifelhaftem Ruf, soll aus Habgier seine Ehefrau ermordet haben. Ein bis heute noch lesenswertes Buch. Quelle ist ein vor dem Schwurgericht München verhandelter Mordfall.

Am 17. November 1947  stirbt Ricarda Huch in Schönberg im Taunus an den Folgen einer Lungenentzündung


Tipp:

Ricarda Huch Portal (kleine virtuelle Ausstellung der Universität Zürich https://www.zb.uzh.ch/ausstellungen/kapitel/006850/  )

 

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Aalener Kulturjournal