Roy Jacobsen:  "Die Unsichtbaren - Eine Insel-Saga"

Portrait einer verschwundenen Zeit

Auf Barrøy, einer der 1000  Inseln  im Norden Norwegens, wächst Ingrid Marie, einzige Tochter von Hans Barrøy und seiner Frau Maria, auf. Hans´ Vater Martin und  die geistig zurückgebliebene Schwester Barbro mit ihrem Sohn Lars ergänzen die  Familie. In epischer Breite  erzählt der norwegische Autor Roy Jacobsen in seiner mehr als 600 Seiten starken Insel-Saga „Die Unsichtbaren“ vom Alltag der Menschen, eingebettet in die raue Natur, bestimmt vom Wandel der Jahreszeiten, den langen harten Wintern, dem Leuchten der Natur im Sommer, dem Meer. Eingefangen in Naturbeschreibungen von großer Schönheit. Ein karges einsames Leben weit weg vom Festland. Die Zeit: Norwegen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine Welt, die  nichts mehr  mit dem Norwegen von heute gemein hat.

Der  Roman besteht aus drei  umfangreichen Teilen: „Die Unsichtbaren“, „Weisses Meer“ und „Die Augen der Rigel“.  Jeder ein Roman für sich. Im Zentrum steht Ingrid, eigenwillig und zupackend. Der Bogen  spannt sich von ihrer Kindheit bis ins Erwachsenenalter.

Im Grunde genommen geschieht im ersten Teil recht wenig. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang besteht der detailliert geschilderte Alltag aus Arbeit. Eingespannt ist  die ganze Familie,  von den Ältesten bis zu den Jüngsten. Fischfang, Feldarbeit. Für die  Frauen noch die Hausarbeit. Chronologisch erzählt, gespiegelt in ruhig  dahinfließenden Sätzen,  die Sprache schlicht und eindringlich. Wie der Autor auch  konsequent seinen höchst unterschiedlichen Figuren folgt.  Eine neue Zeit kommt: Ein Kai schließt die Insel der Milchroute an, ein Leuchtturm wird gebaut. Generationen-, Geschlechterkonflikte zeigen sich: Während die Frauen sich über ein bescheidenes Zusatzeinkommen freuen, hadert Hans mit seiner Entscheidung, da er wegen der Milchkühe das Moor trocken legen muss, sich die Frage stellt, ob er überhaupt dazu das Recht habe. Nachrichten von draußen gelangen auf die Insel: von einem Krieg, von Krisen in der Welt,  Verlust der Arbeit, der Höfe. Während die Menschen auf Barrøy  buchstäblich „unsichtbar“ bleiben.      

Ein Zeitsprung in der Handlung. Im zweiten Teil „Weisses Meer“, während des Krieges spielend, ist Ingrid 35 Jahre alt, die Insel „leer und öde“, verlassen von Mensch und Tier. Für mageren Lohn nimmt sie „wie ein Mann“ in einem Fischreibetrieb zehn Stunden am Tag Kabeljau aus.    Ingrid sehnt sich nach der Vergangenheit, „als Barrøy eine Gemeinschaft war, mit Menschen und Tieren, einem Leuchtfeuer und Unwettern, mit Arbeit, mit Sommer und Winter und Reichtum.“  Obwohl sie weiß, dass niemand  auf einer Insel allein sein kann,  kehrt sie zurück.

Lange  bleibt im Roman der Krieg nur Hintergrundrauschen. Norwegen wird im April 1940 von den deutschen Truppen angegriffen. Während der  fünf Jahre Besatzung leistet die Bevölkerung erbitterten Widerstand. Mehr als 10.000 Norweger kommen ums Leben.  Dann allerdings gerät Barrøy - und damit Ingrid - in den Strudel des Krieges: Tote und ein Schwerverletzter, der junge russische Soldat Alexander,  werden angespült; von dem Sklavenschiff „Rigel“. Ingrid rettet Alexander das Leben, die  Beiden lieben sich, verlieren sich wieder, da der russische Kriegsgefangene gejagt wird. Zerstörte Städte, Angst vor den Deutschen, flüchtende Menschen, darunter Ingrid, die mehr als einmal in große Gefahr gerät.  Das Leid der Frauen und Kinder. Aber auch Kollaboration.

Im letzten Teil „Die Augen der Rigel“, im Nachkriegs-Norwegen handelnd, begibt sich Ingrid mit ihrer kleinen Tochter Kaja auf die Suche nach Alexander, kämpft sich hunderte von Kilometern durch die norwegische Wildnis, um  nach und nach die Bausteine seines Schicksals zusammenzufügen. Ein gefährliches Unterfangen voller Ungewissheiten, das für die Protagonistin Ingrid Marie Barrøy auch eine Reise zu sich selbst sein wird. Die Menschen schweigen, was viele Gründe hat. Oder äußern sich nur in Andeutungen. Denn das gegenseitige Misstrauen ist groß.  Die einen sind durch den Krieg physisch und psychisch gebrochen, waren im Widerstand, waren überzeugte Nazis,  haben  nach zivilen Maßstäben Verbrechen verübt. Andere waren Opportunisten, haben mit den deutschen Besatzern gemeinsame Sache gemacht, einzelne Frauen waren mit diesen liiert.

Ingrid gelangt schließlich in ein  ehemaliges Sklavenlager, in welchem nun  einstige Kriegsgefangene und Verschleppte als Displaced Persons untergebracht sind. Der Krieg habe alles zerstört, sagt Henrik, ein ehemaliger kommunistischer Widerstandskämpfer, verbittert. Und mutmaßt: Alexander „ist einer, der überlebt, Ingrid, jetzt ist er sogar ein Held der Sowjetunion, die Russen kümmern sich um ihre Leute.“  Ein Nachspann klärt über solcherlei Illusionen auf,   wurden doch gemäß Stalins Order Nr.270 freigelassene Kriegsgefangene  als „Landesverräter“ behandelt.

Roy Jacobsens  großartiger  Roman beschreibt, was der    Krieg mit den Menschen macht, welche Macht er über diese gewinnt und welche Leere er in   ihnen zurücklässt. Ohne zu  psychologisieren oder zu heroisieren. Jedoch auch, wie nach all dem Grauen die Hoffnung auf einen Neubeginn exisitiert.

 

INFO

Roy Jacobsen: "Die Unsichtbaren  -  Eine Insel-Saga                                                       Roman,  613 Seiten 

C.H. Beck Verlag          

Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann  

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Aalener Kulturjournal