Sandra Lüpkes "Die Schule am Meer"

  Über Wagemut und Scheitern, Freundschaft und Verrat

Sandra Lüpkes "Die Schule am Meer"

Ein Roman über Wagemut und Scheitern, über Freundschaft und Verrat

 

Von 1925 bis 1934 existiert auf  der ostfriesischen Nordseeinsel Juist die erste reformpädagogische Schule Deutschlands: „Die Schule am Meer“.  Mit musischen, künstlerischen,  handwerklichen  und sportlichen Schwerpunkten.  Dazu Theater und Gartenbau. Unterrichtet wird in Koedukation, was damals auf den Höheren Schulen unüblich ist. Weder Religion noch Herkunft  sollen von Bedeutung sein.  Eine ganzheitliche Bildung, um die Kinder zu eigenständige  Menschen zu erziehen, ist das Ziel. Während der Weimarer Zeit gibt es nicht wenige neue Ideen, welche die  rigide Pädagogik des Kaiserreichs ablösen sollten, zunichte gemacht durch den Nationalsozialismus.

Gegründet wird die Schule, weit entfernt vom Zentrum der Insel, von einer Gruppe von Idealisten: Das Ehepaar Anni und Paul  Reiner,  die im Jahr 1925 mit ihren Töchtern auf die Insel Juist ziehen, Rudolf Aeschlimann, Fritz Hafner und Martin Luserke, der Schulleiter. Der international berühmte Musiker Eduard Zuckmayer, der ältere Bruder des berühmten Schriftstellers  Carl Zuckmayer, kommt hinzu.  Alle, Lehrerinnen und Lehrer, Schüler und Schülerinnen,  packen gemeinsam an, um ihren Traum von einer freien Schule Wirklichkeit werden zu lassen. Von Sandra Lüpkes in ihrem neuen Roman „Die Schule am Meer“ auf 570 Seiten  ausführlich und spannend erzählt.  Als Hintergrund sind Natur und Landschaft der Nordseeinsel Juist stimmig beschrieben.

Nach einer schwierigen Anlaufphase lernen dort 12 Mädchen und 38 Jungen gleichberechtigt zusammen,  bis die Schule schließlich 1934 schließen muss.

Die Autorin hat ihre Kindheit auf Juist verbracht. Bekannt war ihr nur Martin Luserke, an den im Küstenmuseum erinnert wird als Pädagoge,  Schriftsteller und Theatermann. Und Gründer der ersten auf einer Insel angesiedelten reformpädagogischen deutschen Schule. Verdrängt die anderen prägenden Pädagogen. Sandra Lüpkes begibt sich auf Spurensuche, forscht nach, schildert  aus  wechselnden Perspektiven die  wahre Geschichte der Schule. Luserkes Tagebuch, das „Logbuch“, in welchem das Wetter und die wichtigsten Ereignisse an der Schule festgehalten worden sind, wie über hundert Briefe, von  Anni Reiner  an die älteste Tochter Renate zwischen 1931 und 1933 geschrieben,   dienen als Grundlage, erklärt die Autorin im Nachwort. Leerstellen schließt sie mit Phantasie. Auch welche Figuren im Roman fiktiv sind, erfährt  der Leser.

Die Handlung beginnt 1925 mit der Ankunft Anni Reiners, die einer wohlhabenden jüdischen Familie entstammt und als Geldgeberin für die Schule auftritt. Umrahmt sind die Jahre von einem Prolog und Epilog, 1962 in der Schweiz spielend,  in welchen Anni Reiner sich erinnert.

Lebendige Romanfiguren agieren:  Zum Beispiel Maximilian Mücke, mit dem Spitznamen „Moskito“, dessen Eltern Zinnbarone in Brasilien sind,  kommt als Zehnjähriger  nach Juist. Zu Beginn ein sensibles heimwehkrankes Kind entwickelt er sich im Laufe der Jahre zu einem selbstbewussten jungen Mann. Unterstützt von Anni, die  Naturwissenschaften und Deutsch unterrichtet und von der es heißt, sie habe ein großes Herz und einen grünen Daumen. Ihr Mann Paul Reiner, promovierter Chemiker,   kommt aus der  Wandervogelbewegung, gehört zu dem Kreis um den Dichter Stefan George. An der Schule am Meer ist er  Teil der Schulleitung.  Paul Reiner stirbt früh. 

Eduard Zuckmayer unterrichtet Musik, leitet den Chor und das Orchester der Schule.  „Noch nie in seinem Leben hatte sich Eduard so sehr am rechten Ort gewusst wie hier.“  Sein  Bruder Carl erarbeitet den Text zu dem 1931 an der Schule uraufgeführten Kinderbühnenstück „Kakadu – Kakada“.  Da die  Eltern seiner  Mutter Juden waren, erhält Eduard im August 1935  Berufsverbot.  

Für  Martin Luserke hegt Carl Zuckmayer, historisch verbürgt,  wenig Sympathie. Die Autorin schildert Luserke als Menschen, der andere für seine Zwecke instrumentalisiert.  Ein Mann, der zeitlebens eine Menge Worte gemacht habe, der sich später öffentlich zur nationalsozialistischen Ideologie bekannt und  sich von  dem „linken“ Pädagogen Paul Reiner und dessen jüdischer Frau Anni distanziert habe, wie im Nachwort zu lesen ist.

Die Haltung der Einheimischen gegenüber der Schule ist gespalten. Durchaus mit Achtung beobachten einzelne Insulaner, was Lehrer und Schüler zuwege bringen. Einige melden sogar ihre Kinder an der Schule an. Jedoch gibt es auch andere: Die Hunde werden totgeschossen, die Katze totgeschlagen, das Internat als kommunistische „Drecksschule“ verunglimpft, niederträchtige Gerüchte gestreut. Der  schlimmste Widersacher ist Gustav Wenniger,  verachtet als Sohn  eines Schweinebauern, gelingt es ihm, die  Hotelerbin Therese Gerke zu heiraten. Die Ehe steht unter keinem guten Stern. Wenniger, ein zwielichtiger Bursche und Nazi der ersten Stunde, kommt über die NS-Bewegung  zu Macht. Hitler würde aufräumen, so seine Überzeugung.  Und er leistet schon mal die Vorarbeiten. Insbesondere hasst er Anni.

Wenniger ist eine fiktive Romanfigur, jedoch gab es in der Realität genügend Vorbilder.  1932/33 verlassen acht Schüler, welche alle aus  jüdischen Familien kommen, die Insel. Anni Reiner weiß, dass sie mit ihren Kindern in Gefahr ist.

Historische Aufnahmen und die Karte des Schulgeländes finden sich  im Inneren  des lesenswerten gut geschriebenen Romans.

 

Sandra Lüpkes,

Die Schule am Meer

Verlag: Kindler

569 Seiten

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Aalener Kulturjournal