Saphia Azzeddine: Bilqiss

Vom Verbrechen eine Frau zu sein

"In kurzer Zeit war ich zur Attraktion des Dorfes geworden. Angesichts der armseligen Zusammensetzung der Versammlung brauchte ich mir nichts darauf einzubilden: auf der Lauer liegende Nichtsnutze, heruntergekommenes Gesindel, sexuell Frustrierte, aber nicht ausschließlich, Glaubensmänner und Rechtsgelehrte von unglaublicher Dummheit  und Brutalitat sowie ein  paar hier und da im Saale verstreute, zusammengekauerte Wiedergängerinnen, immer auf der Hut, bereit davonzulaufen. Die Hochstapler des Göttlichen hatten sich zur Stunde meines endgültigen Urteils in diesem alten Gebäude zusammengefunden, von dessen offizieller Funktion nur noch der Name übrig war." 

Gleich zu Beginn der Handlung erfährt man den eigentlichen Grund der Anklage. Ein lautes Wehklagen setzt ein, denn  ein weibliches Geschöpf kommt zur Welt. Vom Vater lakonisch mit den Worten kommentiert: "Es ist Allahs Wille!"   Bilqiss büßt für alle Frauen! Für das  Verbrechen, eine Frau zu sein.

Frauenbildung ist Unzucht!

 

Die Ich-Erzählerin  Bilqiss, so auch der Titel des tragikomischen Romans der französisch-marokkanischen Schriftstellerin Saphia Azzeddine, steht vor Gericht,  genau gesagt - sitzt in einem Käfig. Wegen Gotteslästerung soll sie gesteinigt werden. Der Schauplatz des Geschehens wird nicht explizit genannt. Bilqiss, die weise Königin von Saba, die von allen morgen- und abendländischen Religionen positiv wahrgenommen wird, leiht der Protagonistin den Namen. Eine emanzipierte Frau, an Klugheit dem weisesten biblischen König ebenbürtig. So wie die Romanheldin, die mit 13 die Schule verlassen muss, die später abgefackelt wird ("Frauenbildung ist Unzucht"), an einen 46jährigen Mann verschachert wird, in Wirklichkeit nichts anderes als institutionalisierte Pädophilie, dessen Willkür sie ausgeliefert ist. Und den sie dann mit einer Bratpfanne erschlägt.

 

 

Ein betrunkener Muezzins und andere fromme Männer

 

Versiffte amerikanische Soldaten helfen ihr, den Totschlag als Unfall zu tarnen.  Angeklagt ist Bilqiss aber aus einem anderen Grund: Die "kinderlose Witwe" trägt Make-up, Stöckelschuhe, liebt Musik und Poesie. Da Büstenhalter verboten sind, müssen die "frommen" Männer Frauen auf der Straße hüpfen lassen, um mit dem Stock dann näher zu kontrollieren. Da Auberginen und  Zucchinis die Form eines Phallus hätten, dürfen sie nur zerstückelt verkauft werden. "Einem kranken  Geist entsprungene Absurditäten", kommentiert Bilqiss. Und einem übersexualisierten sexbesessenen, wäre zu ergänzen. Außerdem hat Bilqiss sich angemaßt, anstelle des betrunkenen Muezzins vom  Minarett herab zum Gebet zu rufen, aus Solidarität mit dessen Frau, denn des "frommen" Mannes Fehlverhalten würde nicht ihm, sondern dessen Frau angelastet werden. Bilqiss ist eine äußerst geistreiche Rebellin, die die Dinge auf den Punkt bringt, Suren aus dem Koran nicht nur zitiert, sondern Fragen stellt, die die Ausführungen der "Glaubensmänner und Rechtsgelehrten von unglaublicher Dummheit und Brutalität", der "Hochstapler des Göttlichen" entlarven.

 

Die Wurzel allen Übels

 

Bilqiss, eine innerlich unabhängige Frau, voller Wut wegen des Elends der Frauen, lässt sich keinen "Maulkorb" anlegen, verteidigt sich selbst. "Diese Frau verkörpert das Böse, und das Böse muss an der Wurzel ausgerottet werden!", so der Ankläger. Bilqiss kontert:" Ich bin ganz Ihrer Meinung, Euer Ehren, das Böse muss an der Wurzel ausgerottet werden. Wenn ich nun  meinerseits alle Verbote in mir vereine, die einer Frau auferlegt werden, weil sie in der Unterhose eines Mannes etwas auslösen, dann ja, dann muss das Übel an der Wurzel gepackt werden. Die Wurzel soll sogar massakriert werden. Guillotiniert. Dezimiert. Zerbrochen. Zermalmt. Zerhackt. Abgeschnitten. Ausgerottet." Der Richter, der eher kein fanatischer Fundamentalist ist, den die Zeitumstände zum Helfershelfer des Regimes machen, sucht  Bilqiss nachts im Kerker auf.  

 

Eine neue Scheherazade

 

Zwischen den beiden entspinnt sich ein Dialog. Bilqiss begreift, dass "Tausendundeine Nacht" neu interpretiert wird, sie eine neue "Scheherazade" ist. Tag für Tag wird die Hinrichtung aufgeschoben.

Die Figur "Bilqiss", eloquent, blitzgescheit, erinnert an die französische Frauenrechtlerin Olympe de Gouche,  die Verfasserin der Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin, die 1793 hingerichtet wird. Ihr Verhängnis: Sie fordert gleiche Rechte für Frauen. In ihrer mutigen  Verteidigungsrede vor dem Revolutionstribunal nennt sie Robespierre einen "Ehrgeizling ohne Genie und ohne Seele", dessen einziges Ziel gewesen sei, "Diktator" zu werden. Und besiegelt damit ihr Schicksal. "Eine Frau war intelligent, ein Mann war mächtig", weiß Bilqiss. "Offen gesagt wäre es mir lieber gewesen, die Macht der Männer zu haben."

 

 

In eine Touristinnenburka geschlüpft

 

Auch der Richter, der zunehmend von Bilqiss fasziniert ist, tritt als Ich-Erzähler auf, erzählt, wie er unter den Fundamentalisten   Karriere macht, vom Zimmermann zu einem der höchsten Richter. Seine Qualifikation: Schnelligkeit im Auswendiglernen des Korans. Seine Frau, weltoffen und gebildet, zerbricht  am Islamismus. Sie begeht Selbstmord. Bilqiss´ durchdringender Blick erinnert den Richter an sie.

Im Internet kursierende Videos machen den Prozess  der Weltöffentlichkeit bekannt. Sodass Leandra Hersham, eine amerikanische Journalistin - sie tritt ebenfalls als Ich-Erzählerin auf - aus privilegiertesten Verhältnissen stammend, anreist, da sie glaubt, in Bilqiss ihr "bestes"  Thema gefunden zu haben. In eine Touristinnenburka gehüllt gelingt es ihr, Bilqiss im Gefängnis zu sprechen.

 

 

Klischee trifft auf Realität

 

Die drei Figuren Bilqiss, der Richter und Leandra  treffen aufeinander, liefern sich Schlagabtausch um Schlagabtausch, spiegeln einander oft bitterböse, reflektieren Gesagtes wie Ungesagtes. Realität und Klischees von Orient und Okzident prallen aufeinander, stellen die Frage,  ob Kommunikation in diesem Kontext überhaupt möglich ist. Bilqiss will keine Fürsprache, will nicht auf die Rolle einer unterdrückten  muslimischen Frau reduziert werden. Als Individualistin in einer archaischen von  Männern dominierten Welt will sie sich ihren Platz selbst erkämpfen.

Saphia Azzeddines dritter, nun auf Deutsch erschienener Romans ist im Grunde genommen eine unendlich traurige Geschichte, die aber so unglaublich frech und komisch daherkommt, dass sie  pures Lesevergnügen von  der ersten bis zur letzten Seite ist.

 

Fiktion ohne Übertreibung 

 

Die Autorin übertreibt nicht, wie der Blick  in Länder, in denen der religiöse Fanatismus regiert, beweist. Die Beispiele in dem Roman sind nicht Fiktion: Tatsächlich drohen den Frauen, die sich im Iran ohne Schleier zeigen, drakonische Strafen von 70 Peitschenhieben oder 60 Tagen Knast. In streng islamischen Gesellschaften werden Mädchen ab neun Jahren verheiratet. Diese Praxis orientiert sich an der Ehe des Propheten Mohammeds mit seiner dritten Frau Aischa, die nach islamischer Überlieferung zum Zeitpunkt des Eheschließungsvertrages sechs Jahre und bei der Hochzeit neun Jahre alt gewesen sein soll. Es wird angenommen, dass die Ehe mit neun Jahren auch vollzogen wurde. Oder Frauenrechte unter den Taliban

(de.wikipedia.org/wiki/Frauenrechte_unter_den_Taliban )

 

Saphia Azzeddine: Bilqiss
Aus dem Französischen von Birgit Leib
Wagenbach Verlag, Berlin 2016
176 Seiten, 20,00 Euro               

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Aalener Kulturjournal