Shahriar Mandanipur: „Augenstern“,

Wenn Liebe politisch wird

Im Zentrum von   Shahriar Mandanipurs Roman  „Augenstern“ steht Amir, ein verwöhnter junger Mann aus einer streng religiösen Familie, traumatisiert und verstümmelt vom Krieg. Der Roman beginnt  damit, dass Schwester und Mutter, die  jahrelang nach ihm suchen, ihn in einer psychiatrischen Klinik  finden und zurückbringen in das Elternhaus.  An der iranisch-irakischen Front war ihm der linke Arm  abgerissen worden. Sein Gedächtnis streikt, die nachrevolutionäre Zeit ist ausgelöscht. Im Garten der elterlichen Villa erinnert ein verrosteter Alfa Romeo  an Amirs wilde Jugend in Teheran zur Schahzeit, als er  die „Puppen tanzen ließ“, während seine Schwester nach eigenen Worten eine  „verschleierte Gefangene“ war.

Seinen Vater, einen opportunistischen Fundamentalisten mit „dunklem Schorf auf seiner Stirn vom Gebetsstein“, verachtet Amir.  Eine „betende Geldtasche“. Während er der unterwürfigen Mutter, welche fürchtet, dass ihr Mann sich eine Zweitfrau nehmen oder eine Zeit-Ehe eingehen könnte näher steht.

Schon früh  habe er sich von der Religion abgewandt,  in ihr ein Instrument zur Unterdrückung der  Menschen begriffen, berichtet Amir. Genuss und Lust zum Mittelpunkt seines Lebens gemacht. Gepaart mit einer gehörigen Portion Narzissmus und Rücksichtslosigkeit. Seine zahlreichen sexuellen Abenteuer, darunter auch verheiratete Frauen,  hakt er nach dem Alphabet ab. Angesichts der repressiven Sexualmoral ein Spiel mit dem Feuer.

 

Unheil braut sich zusammen

 

 Nach dem Sieg der „Islamischen Republik“ lässt der Vater Amir nach einem Alkoholexzess von Revolutionsgarden abführen. Der Richter, von  Amir vor Gericht als „verlauster Mullah“, als  korrupter Heuchler, beschimpft, verurteilt ihn  zu achtzig Peitschenhieben, wie das „Religionsgesetz“ es vorschreibt. De facto können wiederholte Trunkenheit wie vorehrlicher und außerehelicher  Sex im Iran mit dem Tod bestraft werden.

„Etwas braut sich zusammen über Teheran, Eine ganze Weile schon spüre ich Unheil“, sagt  Amir zu seiner Geliebten kurz vor dem Umsturz.  Albträume von dieser jungen Frau quälen ihn nach dem Verlust seines Gedächtnisses, mit der er heimlich verlobt gewesen zu sein glaubt, deren Namen er nicht mehr kennt, die er deshalb "Augenstern" nennt. Ein goldener Ring gekauft in einem  goldfunkelnden Basar als Symbol ihrer Liebe irrlichtert in seinem Bewusstsein.

Obszön geschilderte Sexszenen, grausame Kriegsgeschehnisse, mörderische Kämpfe nehmen im Roman  einen großen Raum ein.  Wie auch immer wieder traumatische Bilder aus Kriegszeiten Ängste wachrufen. Zwei Wächterengel,  die „Edlen Schreiber“ aus dem Islam, welche den Menschen  begleiten, rechts und links auf dessen Schultern sitzen, um gute und schlechte Taten aufzuzeichnen,  erzählen  Amirs Leben als das eines zerrissenen orientierungslosen jungen  Mannes, dessen Taten nicht eindeutig zu beurteilen sind, denn die Grenzen zwischen Gut und Böse fließen.

 

Wahnsinn in Geist und Körper

 

Der komplexe vielschichtige Roman spielt um 1979, zur Zeit der Islamischen Revolution und des Krieges zwischen Iran und Irak von 1980 bis 1988. Mit Hunderttausenden von Toten auf beiden Seiten am Ende. Amir, der sich nach der Auspeitschung freiwillig an die Front meldet,  beobachtet dort bestürzt, wie die eigenen Soldaten in Minenfelder geschickt werden, um diese zu räumen, wie Saddam Hussein mit Giftgas  kurdische Dörfer im Nordirak  angreifen lässt. 

 Am 11. Februar 1979 beginnt für den Iran eine neue Zeitrechnung: Die verhasste Schah, der "König der Könige", Mohammed Reza Pahlevi, der von 1942 bis 1979 regiert, wird gestürzt, eine Islamistische Republik errichtet, der „Tag des Jüngsten Gerichts“.  Die theokratische Diktatur unterdrückt Oppositionelle jeglicher Couleur brutal, Tausende werden in Schauprozessen verurteilt und hingerichtet, deren Vermögen gestohlen. Jungfrauen vor ihrer Hinrichtung vergewaltigt, um zu verhindern, dass sie "in den Himmel kommen". Gleichzeitig werden Soldaten als potentielle „Märtyrer“ geködert mit 72  oder mehr "Jungfrauen im Paradies",  erzählt der Roman.  „Wahnsinn in Geist und Körper“.

Als Amir nach seiner Rückkehr mit der Schwester durch Teheran fährt, sieht er eine fremde Welt:  Statt Miniröcke wie zur Zeit des Schahs tragen die Mädchen schwarze Tschadors, das Zeltgewand der iranischen Landfrauen. Bärtige Männer marodieren auf den Straßen.

Die Handlung des Romans wird nicht chronologisch  erzählt. Virtuos jongliert der Autor mit den Orten und drei Zeitebenen,  die  sprunghaft wechseln, sich gegenseitig spiegeln:  Amirs Leben vor dem Krieg, während des Krieges und danach, als er unterstützt von  seiner Schwester Reyhaneh, der er  misstraut, da er spürt, dass sie mehr weiß, als sie zugibt,  sich auf die  verzweifelte Suche nach seiner Geliebten  Khazar begibt, deren Geschichte sich nach und nach offenbart: Sie hat ihn verlassen und Selbstmord begangen. Oft weiß der Leser mehr als der Protagonist. Im Verlauf des Geschehens  macht Amir eine schmerzliche Entwicklung durch, erkennt, dass  er schuldig geworden ist,  an seiner Geliebten,  an seiner Schwester,  am Tod aller Soldaten seiner Einheit, für deren Sicherheit er als Späher verantwortlich war.

 

Liebe wird zum Widerstand

 

Shahriar Mandanipur, der  zu den bekanntesten iranischen Autoren zählt,  lässt in seinem brillanten Roman verschiedene  Stimmen zu Wort kommen:   Amirs Familie,  dessen Freund Kaveh,  die Geliebte Khazar,  Pourpirar, der ihm an der Front das Leben gerettet hat und bei der Suche nach dem Ring eine wichtige Rolle spielt, um  nur einige zu nennen. Indem Mandanipur eine  Liebesgeschichte mit der politischen Situation verflicht,  entsteht ein vielgestaltiges Porträt eines ganzen Landes vor  und nach der islamischen Revolution, einer Gesellschaft, in der eine  religiöse Willkürherrschaft  das gesamte Leben durchdringt.  Verliebtsein sei im Iran verboten,  wie es auch verboten sei, Wein zu trinken. Die einzige Liebe, die erlaubt sei, sei jene für den Islam, erklärt der Autor in einem Interview. Jede Liebesgeschichte auf Persisch habe so  einen politischen Nachhall. „Sie wird zur Kriegserklärung gegen Dunkelheit und Ignoranz“.   Dadurch dass  Liebende  sich ein einmaliges Selbst durch ihre Liebe schaffen,  stellten sich damit gegen den Diktator. 

Der 1957 geborene Schriftsteller hat den Sturz der Monarchie, die Gründung der Islamischen Republik erlebt und als  Soldat  am iranisch-irakischen Krieg teilgenommen, sodass in den Roman sicher eigene  Erfahrungen eingeflossen sind. Seit Jahren lebt er in den Vereinigten Staaten, unterrichtet  dort zeitgenössische iranische Literatur und Film.

 Shahriar Mandanipurs Roman  „Augenstern“ ist ein Meisterwerk, ein aufklärerisches  Werk über Freiheit und Würde versus  Despotie. Wider  Radikalität und Gewalt.

 

Shahriar Mandanipur: "Augenstern".

Roman

Aus dem Englischen von Regina Schneider

Unionsverlag, Zürich 2020, 445 Seiten

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Aalener Kulturjournal