Sherko Bekas.

„Geheimnisse der Nacht pflücken“

Der  1940 geborene irakisch-kurdische Dichter, der  als Erneuerer der kurdischen Literatur gilt, muss 1986 aus politischen Gründen seine Heimat verlassen, lebt im Exil in Schweden und kehrt 1992 in die kurdisch verwalteten Gebiete des Irak zurück. 2013 stirbt er in Stockholm.

Mit dem Lyrikband „Geheimnisse der Nacht pflücken“ zeigt sich die Sprach- und Bildkraft des in Deutschland unbekannten Lyrikers.  Seine Dichtung besingt „alle Formen der Freiheit: Die Freiheit der Nationen, der Meinungen, des Körpers bis hin zur Liebe und Religion“, erklärt Bachtyar Ali in einem Vorwort, welches einen knappen Überblick liefert über Leben und Werk.

„Die Flut sagte zum Fischer:/ Für das Toben meiner Wellen/ gibt es viele Gründe./ Die wichtigste davon ist, / dass ich für die Freiheit der Fische / und gegen das Netz bin.“ Das stärkste Gedicht der Sammlung, wohl nicht ohne Grund auf dem Einband zu finden.

 Schlichte, eindringliche  Verse von der Freiheit als wichtigstem Wert klingen wie eine  Parabel, ohne jedoch explizit eine Lehre auszusprechen. Dem  Denkenden  bleibt es überlassen, Assoziationsräume zu füllen, seine Schlussfolgerung zu ziehen.

Bachtyar Ali hat  Sherko Bekas persönlich gekannt,  bereits als junger Mann ist er fasziniert  von ihm, bewundert dessen Sprachkunst. Vorbild und Geistesverwandter wird er ihm. Abschied genommen von der klassisch traditionellen Dichtkunst habe dieser, ein neues Lebensgefühl,  eine neue Form entstehen lassen, so Ali.  Da er sich gegen den blinden Gehorsam in der Religion gestellt habe, sei zur Zielscheibe fanatischer Kräfte geworden.  „Einige Mullahs sprachen eine Fatwa gegen ihn aus.“

Viele der Gedichte sind kurz, gleichen subjektiven Gebärden,  erzählen von der Liebe und dem Leben. Ein Gedanke, ein Eindruck,  ein Erlebnis kann die Quelle sein.  „Ich schlief zwischen zwei  Gärten/ und träumte bunte Träume“  beginnt das erste Gedicht. Verschiedene Formen der Liebe betrachtete das lyrische Ich, um zu erkennen, die größte Liebe dieser Erde sei die Liebe der Mütter.  Liebe mag gar existenzielle Angst überwinden: „Plötzlich /  habe ich deine Liebe an gezündet / und in ihr die Dunkelheit / und die Angst verbrannt.“    Gelegt habe das lyrische Ich sein Ohr an das Herz der Erde, des Wassers, des Baumes. „Als ich mein Ohr an das Herz / der Liebe selbst gelegt habe, / hat sie mir von der Freiheit erzählt.“ Die ganze Welt sehnt sich nach Freiheit. Liebe und Freiheit sind für  Sherko Bekas nicht zu trennen.

Souverän spielt der Autor mit „mystischen Symbolen und Signalen, hinter denen sich bestimmbare Personen und Namen, alte Sagen und wahre Begebenheiten verbergen.“  Aber auch Eigenheiten der Natur. Unverkennbar zeigt die Bildwelt, wie sehr der Dichter aus seinem Kulturkreis schöpft. Märchenhafte Sinn- und Klangbilder entstehen, die einen eigenartigen Zauber entfalten. Zeilen voller Wortmagie, welche viel  Raum lassen für Assoziationen.  Die Natur ist beseelt: die Blumen sprechen, Bäume rebellieren, der Wald weint. So wie der Ast schmerzerfüllt  zuckt, der Baumstamm schreit, die Steine stöhnen, am Ende schreit ganz Kurdistan.  Vereint in der Klage angesichts der Unterdrückung.

Ein Dichter der Humanität sei Sherko Bekas gewesen, der die Sprache der Menschen gesprochen habe, fasst Bachtyar Ali zusammen.

 

Sherko Bekas

„Geheimnisse der Nacht pflücken“

 

Gedichte

Aus dem Kurdischen von Reingard und Shirwan Mirza und Renate Saljoghi

 

96 Seiten

Unionsverlag

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Aalener Kulturjournal