Sibylle Schleicher 

Der Mann mit dem Saxofon   

"Der Himmel hat dem Menschen als Gegengewicht gegen die vielen Mühseligkeiten des Lebens drei Dinge gegeben - die Hoffnung, den Schlaf und das Lachen"

 

"Er ist tot. Das Wetter beinah hochsommerlich. Erdrückend. Schwül. Er ist tot. Das heißt, vielleicht ist er tot. Und ich hab ihn umgebracht." Mit einem Paukenschlag beginnt Sibylle Schleichers  zweiter gut 400 Seiten starker  Roman „Der Mann mit dem Saxofon“. Ein "Flug in  und aus dem Osten" als Rahmen. Hannah sitzt im Flugzeug und liest in ihrem Tagebuch. Erzählt wird  der Roman aus doppelter Perspektive im ständigen Wechsel: Von der ersten Person im Tagebuch zur dritten Person in reflektierenden Passagen, sodass Ereignisse, Ängste, Grübeleien  oft in ein anderes Licht gerückt werden. Ein reizvoller Kunstgriff der Autorin. Die erzählte Zeit: knapp über ein Monat, vom 2.Juni 2003 bis zum 5. Juli 2003.

Hannah,  Ehefrau, Mutter und Schauspielerin, glaubt, ihren Liebhaber getötet zu haben, flieht in die Ukraine zu einem Filmcasting. Dort im ehemaligen Lemberg und heutigen Lviv  dreht ein Hollywood-Regisseur einen Film über die wahre Lebensgeschichte eines jüdischen Chemikers, der im Hintergrund als Produzent die Fäden in der Hand hat. Hannah hält man  für einen deutschen Filmstar. Sie erhält die Rolle, hat aber viel Zeit, da die Dreharbeiten immer wieder aufgrund von Unstimmigkeiten unterbrochen werden.

Gleich am ersten Abend, als sie durch einen Park schlendert, begegnet sie dem 30 Jahre älteren Aaron, der zu ihrem Schicksal wird. "Ein seltsamer Mensch. Ich hab ihn  im Park kennen gelernt - einer, der Straßenmusik macht und Puskin zitiert - und Kant - wie ein Narr bei Shakespeare kommt er mir vor." Als Reisender und saxofonspielender Lebenskünstler stellt er sich ihr vor. Einige Zeit vergeht, bis Hannah begreift , dass er der Chemiker ist, dessen Schicksal verfilmt werden soll. "Der Himmel hat dem Menschen als Gegengewicht gegen die vielen Mühseligkeiten des Lebens drei Dinge gegeben - die Hoffnung, den Schlaf und das Lachen", erklärt er Hannah, um hinzuzufügen: "Das ist von Kant, nicht von mir."  Als Lebensphilosophie verkündet er: "Das Heute ist wichtig. Immer das Heute:" Eine Schutzbehauptung wohl, denn  zeigen wird sich das Gegenteil.

"Die Menschen, die ich hier suche, sind nicht mehr da."

 

Hannah, deren Leben aus den Fugen ist, fühlt sich fasziniert von diesem Mann, der  sich als aufmerksamer Zuhörer zeigt,  während sie sich "die Seele aus dem Leib redet".   Aaron ist bewandert in Literatur, Philosophie, Musik, vermag ganze Passagen aus Turgenev, Chekhov, Puskin im treffenden Augenblick zu zitieren. Zusammen mit Aaron, der sich  als kenntnisreicher Reiseführer anbietet,  unternimmt Hannah Ausflüge durch das malerische einstige Lemberg und aufs Land.  Einst multiethnisch geprägt durch  polnische, jüdische, deutsche und armenische Bevölkerungsanteile, unter Österreich Hauptstadt des Königreichs Galizien, bis zum  Ende des Zweiten Weltkriegs Hauptort Ostgaliziens, ist die Altstadt  ist geprägt von der Renaissance, dem Barock, Klassizismus und dem Jugendstil. Lembergs Wappentier – der Löwe taucht im Roman als wiederkehrendes Motiv auf. Das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen spiegelt sich in dem Friedhof, den die beiden Protagonisten zusammen aufsuchen. Massenexekutionen, Raub und Zerstörung durch die Faschisten bereiten dem ein Ende. "Ich führe Sie hier durch Lemberg, sagte Aaron, bewege mich auf den Spuren meiner Heimatstadt, aber das heißt keineswegs, dass ich mich hier heimisch fühle. Es ist eher ein Ausflug in das Land der Schatten, der Erinnerungen. Die Menschen, die ich hier suche, sind nicht mehr da, weder hier noch woanders zu finden."

Aaron, ein innerlich zerrissener Mensch, leidet an der Vergangenheit.  Im Holocaust hat er Vater  und Mutter verloren, überlebt als Kleinkind selbst nur knapp. Die Mutter ist vergast worden, der Vater ermordet, verscharrt in einem Massengrab, welches Aaron sucht.  Eine nie heilende und immer wieder aufbrechende innere Wunde. Ein Schrecken, der nie vergeht. Die Suche nach dem Grab ist gleichzeitig eine Suche nach vergeblicher innerer Erlösung wie nach seiner jüdischen Identität. Für die deutlich jüngere Hannah stammen die Berichte hingegen aus einer fernen  und fremden Zeit, die sie wenig interessiert. Geschichte eben. Eine rauschhafte, leidenschaftliche Liebe entwickelt sich zwischen Hannah und Aaron, deren Anziehungskraft allerdings eher verborgen bleibt.  Vor allem auch angesichts des großen Altersunterschieds. Ist es die Gegensätzlichkeit, das Fremde in dem Anderen, Seelenverwandtschaft? Zu Beginn empfindet Aaron gar Ressentiments, da sie eine Deutsche ist, wie er gesteht. Mit ihren Figuren legt Sibylle Schleicher  Spuren frei, zeigt, wie das Grauen jener Tage immer noch nachwirkt. Bei Kindern und Kindeskindern. Besonders lesenswert die inhaltlich wie sprachlich gelungenen Dialoge zwischen den Beiden. Am Ende wird Hannah ein anderer Mensch sein.

"Geschichten finden mich "

 

In dem Roman verarbeitet Sibylle Schleicher eigene Erlebnisse. Sie selbst sei zu einem Film-Casting nach Lemberg eingeladen worden.  Dort sei es so chaotisch zugegangen, dass sie dachte: „Das muss ich mal verbraten.“ Jahre später habe sie einen älteren, in der Ukraine geborenen österreichischen Juden kennengelernt, der nach dem Grab seines Vaters, der 1943 erschossen  und in einem Massengrab verscharrt worden sei, gesucht habe. "Solche Geschichten finden mich", sagt die Autorin. Dennoch sei es nicht autobiografisch, betont Sibylle Schleicher. Ihr Theater-Leben spiegelt der Roman gleichfalls, ebenso gibt es Zitate aus Film und Literatur.  Gerade die K.u.K-Kultur, die osteuropäische Kultur, besonders russische Autoren seien ihr „wichtig und nah“. Auch das findet seine Resonanz in diesem spannenden Roman, kann  zusätzlich Anregung sein für eine darüber hinausgehende   Lektüre.

Die Österreicherin Sibylle Schleicher kam nach Engagements in Österreich, Darmstadt, Bielefeld, Kiel und Berlin nach Ulm,  wo sie 13 Jahre lang auf der Bühne stand und heute lebt. Seit 2015 arbeitet sie als freie Autorin.

Bereits 1994 erscheint ein Lyrikband („ungefunden“), 2000 ihr erster Roman „Das schneeverbrannte Dorf“.  Und jetzt: "Der Mann mit dem Saxofon".

 

Sibylle Schleicher

Der Mann mit dem Saxofon

Roman 

Verlag Klöpfer& Meyer

 

 

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Aalener Kulturjournal