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Sibylle Schleicher: "Die Puppenspielerin"  

Eine Geschichte von der Vergänglichkeit und Verletzlichkeit des Lebens.

„Heimlich und hastig entrinnt uns unbemerkt flüchtig das Leben. Schneller ist nichts als die Jahre. Wir aber dachten, es wäre noch viel Zeit.“ Mit einem  Zitat Ovids schlägt Sibylle Schleicher die Thematik ihres neuen Romans „Die Puppenspielerin“ an. Eine Geschichte von der Vergänglichkeit und Verletzlichkeit des Lebens.

Im Mittelpunkt stehen die Zwillingsschwestern Sarah und Sophie, gerade Anfang Vierzig.  Wie aus dem Nichts erkrankt Sarah unheilbar an Krebs, während Sophie erzählt, wie die Erkrankte und die Angehörigen mit dem Unfassbaren umgehen.

Die Schwestern, welche sich von Kindheit an mit ihrem Puppenspiel eine eigene Welt erschaffen haben, welche sie ins Erwachsensein hinüberretten konnten, fühlen sich innig verbunden.

„Sarah hat Angst und redet nicht darüber. Ich habe Angst und rede nicht darüber“, stellt  Sophie, die ihre Schwester besucht, fest. „Optimistisch und gelassen“ bleibt Sarah, die das Leben liebt, sehr lange; Sophie hingegen hat sofort das Gefühl, es gehe um Leben und Tod.  Angesichts der Ungewissheit flüchten sie sich in Erinnerungen. In stimmigen Dialogen lässt  die Autorin sie zurückblicken auf ihre Kindheit, Familie, gemeinsame Reisen. Mal heiter, mal bedrückt. Mit Scherzen halten sie die Angst auf Distanz. "Die alten Geschichten aufwärmen", erklärt die Erzählerin. "Eigentlich wärmen nicht wir sie auf, sondern sie uns. Sie haben noch so eine Kraft. Lebendige Erinnerungen, egal, wie nah sie an der Wahrheit liegen. Die Kindheit ein Brunnen, der nicht versiegt."

Die Schwestern arbeiten gerade an einem Stück mit dem merkwürdigen Titel „Der faule Stein“, eine Geschichte über Verzweiflung, Angst und Mut, über Freundschaft, Identität und Liebe. „Puppenspielerin“ wird Sarah fälschlicher Weise in der Klinik genannt, ist sie doch in Wirklichkeit eine „Gestalterin“. Während Sophie die Handlung findet, lässt sich Sarah von dieser inspirieren, um aus einem leblosen Stück Holz Wesen zu schaffen, in welchen sich ihre Gedanken und Gefühle spiegeln.

 

Wenn Worte fehlen

 

Der Unfrieden in der Welt, ein  Krieg zwischen „Westen“ und „Osten“, Anschläge, Geiselnahmen ängstigen und empören die Schwestern. „In den Nachrichten dieser Tage kann man den Menschen beim Sterben zuschauen.“ Ungeheure Tapferkeit braucht es indes, sich dem eigenen Schicksal zu stellen, den Blick auf den „Krieg im Körper“ zu richten.

Während Sarah gegen den Krebs ankämpft, kreisen Sophies Gedanken, zwischen Hoffnung und Verzweiflung wechselnd, um die geliebte Schwester, um  frühere Verluste, um die eigene Trauer. „Sarah ist jung. Sarah ist stark. Es wird bald wieder besser werden“, tröstet sie sich. Dann: „Aber die Todesnähe war so spürbar, dass es mich fast zerrissen hat.“    

Sarahs Kraft schwindet und die Qualen nehmen zu. Ein „intaktes soziales Netz“, Familie, nahe Freundinnen, begleiten die Sterbende. Niemand findet jedoch den Mut, mit Sarah „Tacheles“ zu reden. Ein offenes Gespräch wird vermieden, weil man nicht weiß, was man sagen soll, da die Worte fehlen. Jedoch behüten die nahen Angehörigen Sarah bis zum letzten Atemzug.

Der französische Historiker Philippe Ariès schildert in seinem Buch "Die Geschichte des Todes", der französische Titel lautet treffender "L'homme devant la mort" (1978), wie  ohnmächtig der moderne Mensch sich im "im Angesicht des Todes" verhält.  

„Die Puppenspielerin“ zeigt einen anderen Umgang  mit Schmerz und Trauer. Wohl auch ein Zeichen dafür, dass sich die Haltung dem Tod gegenüber wieder zu ändern scheint. Sibylle Schleicher erzählt eine ergreifende Geschichte, leise und nachdenklich, ohne Sentimentalität. Die Sterbende wie die Angehörigen lernen loszulassen, das Gegebene anzunehmen. Deutlich wird auch, wie wichtig während der Leidenszeit und in den Stunden des Abschiednehmens Freude und Humor bleiben. Und zwar für alle. Wenig wissen wir über den Tod, entscheidend ist allerdings, wie die Lebenden mit diesem umgehen, so die eigentliche Aussage des Romans.

 

Sibylle Schleicher

Die Puppenspielerin

Roman

Edition Klöpfer

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Aalener Kulturjournal