Stefan Zweig: "Joseph Fouché" 

Bildnis eines politischen Menschen

Stefan Zweig (1881-1942) entstammt einer jüdischen Wiener Familie. Universal gebildet, international geschätzt als einer  der wichtigsten Literaten des vergangenen Jahrhunderts. Mit fast allen Dichtern seiner Zeit ist er befreundet. Wie Arthur Schnitzler, dem er die Studie zu Fouché widmet, schreibt er unter dem Einfluss der Freudschen Psychoanalyse. Mit Sigmund Freud fühlt er sich bis zu dessen Tod verbunden. Zweig flieht vor den Nationalsozialisten aus Salzburg nach London, über New York nach Brasilien ankam. Dort nimmt er sich 1942 mit seiner zweiten Frau Lotte das Leben.

 

Im Vorwort erläutert Stefan Zweig seine Motive für das Portrait Joseph Fouchés, eines der mächtigsten Männer  seiner Zeit.  Mit dessen Lebensgeschichte will er über einen bestimmten Politikertypus aufklären. Aus "rein seelenwissenschaftlicher Freude"! Um zu erklären: "1914 wie 1918 haben wir mit angesehen, wie die welthistorischen Entscheidungen des Krieges und des Friedens nicht von Vernunft und der Verantwortlichkeit aus getroffen wurden, sondern von rückwärts verborgenen Menschen anzweifelbarsten Charakters und unzulänglichen Verstandes."

Joseph Fouché stammt aus kleinsten Verhältnissen, ist 1790 Priesterlehrer, schließt sich der Revolution an, plündert 1792 Kirchen, ist 1793 Kommunist, fünf Jahre später mehrfacher Millionär, wieder zehn Jahre später Herzog von Otranto. Der "politische Emporkömmling" verfügt dann über ein Vermögen von 20 Millionen Franken, ist zweitreichster Mann Frankreichs, größter Grundbesitzer im Land.

Der Henker von Lyon

Ohne Skrupel wechselt er die Position, wenn der Wind sich wendet. "Über Nacht wird der "Gemäßigte" zum  "Erzradikalen und Ultraterroristen". Macht verschmilzt mit Prinzipienlosigkeit. Für Zweig ist Fouché der "vollkommenste Machiavellist" der Neuzeit. Einer " jener sonderbaren Menschen, wie sie jeder Weltwandel plötzlich nach  oben schwenkt, einer jener durchaus  reinen, idealistisch gläubigen Menschen, die aber immer  mehr Unheil anrichten mit ihrem  Glauben und mehr Blutvergießen mit ihrem Idealismus als die brutalsten Realpolitiker und wildesten Schreckensmänner. Immer wird es gerade der reingläubige, der religiöse, der ekstatische Mensch, der Weltveränderer und Weltverbesserer sein, der in edelster Absicht Anstoß gibt zu Mord und Unheil, das er selber verabscheut."

1793 wird Joseph Fouché berühmt als Henker von Lyon. Anfangs sind Robespierre und er Weggefährten. Der "Unbestechliche" duldet  "keinen Widerspruch, keine andere Meinung in geistigen Dingen, kein Nebenihm und noch weniger ein Gegenihn." Fouché gewinnt den Machtkampf, während Robespierre unter der Guillotine endet.

Fouché agiert hinter den Kulissen, sucht nie die offene Konfrontation, sondern kämpft "aus dem Schatten heraus", mit einem "Spinnennetz von Misstrauen und Verdacht". Ein Intrigant par excellence. So gelingt es ihm immer wieder, selbst gefährlichste Gegner auszuschalten. Den Wankelmut des Volkes kennt er bestens: "Die Ankläger von gestern werden die Angeklagten von morgen sein".

Als Polizeiminister des Direktoriums wie auch des Kaisers Napoleon baut er einen raffinierten "Universalkontrollapparat" auf, dessen Schalthebel  nur er bedienen  kann.

Die Mächtigen brauchen solch einen Mann

Napoleons Gattin, verschwendungssüchtig wie von äußerst lockerem Lebenswandel, dient Fouché als Informantin. Wiederholt stürzt Fouché, muss ins politische Exil, wird wieder zurückgeholt, weil die Macht ihn braucht. Klüger und weitsichtiger" sei er als die anderen, überschaue mit seinem "überlegenen Politikerverstand profunder den Sachverhalt", erklärt Zweig. Wenn es darauf ankommt, auch der "Mann für schmutzige Geschäfte". Fouché verhilft Napoleon zur Macht, dient ihm zehn Jahre, führt  am Ende aber auch dessen  Sturz herbei. Mit dem gewohnten Zynismus kommentiert er: "Nicht ich habe Napoleon verraten, sondern Waterloo." Fouchés eigenes Waterloo bleibt allerdings nicht aus. Gegen das "Entgelt eines königlichen Ministerpostens" hilft er dem Bourbonen Ludwig XVIII. auf den Thron. Wer Fouchés Vergangenheit jedoch nicht vergessen kann, ist die Herzogin von Angouleme, die Tochter Ludwigs XVI. und Marie Antoinettes, die als Einzige der Familie das große Massaker überlebt. Sie erreicht Fouchés endgültigen Sturz. Auf Lebenszeit wird er aus Frankreich verbannt, stirbt 1820 vereinsamt und verbittert in  Triest. Jedoch nicht verarmt.

Mit psychoanalytisch geschultem Blick durchleuchtet Zweig Fouchés Charakter. Das Material: historische Fakten.  Heraus kommt das zeitlose  und brillante Porträt eines skrupellosen Machtmenschen. Spannend wie ein Krimi, denn man blickt mit Zweig hinter die Kulissen der Macht.  Und stellt fest, der Autor hat recht, wenn er von einem bestimmten Politikertypus spricht:  Ein "Amoralist", der  nur auf den eignen Vorteil bedacht ist. Und der besonders in undurchsichtigen Zeiten seine Chance hat. Robert Payne berichtete in seiner Stalin-Biographie, dass der russische Diktator nach der Lektüre von Zweigs Charakterstudie zu Fouché seinen Geheimdienstchef Jagoda entlassen habe, da die Ähnlichkeit mit dem Franzosen zu groß gewesen sei.

 

Auch noch lesenswert!

Stefan Zweig hat Biographien über "Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters" (1933), "Maria Stuart" und "Erasmus von Rotterdam" (1934) verfasst, die um ein zivilisiertes Europa kreisen. Die Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.


"Kein Mittel, keine Verleumdung gegen Marie Antoinette wurde gespart, um sie auf die Guillotine zu bringen, jedes Laster, jede moralische Verworfenheit, jede Art der Perversität in Zeitungen, Broschüren und Büchern der »louve autrichienne« unbedenklich zugeschrieben; selbst im eigenen Haus der Gerechtigkeit, im Gerichtssaal, verglich der öffentliche Ankläger die »Witwe Capet« pathetisch mit den berühmtesten Lasterfrauen der Geschichte, mit Messalina, Agrippina und Fredegundis. Um so entschiedener erfolgte dann der Umschwung, als 1815 abermals ein Bourbone den französischen Thron bestieg; um der Dynastie zu schmeicheln, wird das dämonisierte Bild mit den öligsten Farben übermalt: keine Darstellung Marie Antoinettes aus dieser Zeit ohne Weihrauchwolke und Heiligenschein. (…) Die  seelische Wahrheit liegt hier wie meist in der Nähe der Mitte. Marie Antoinette war weder die große Heilige des Royalismus noch die Dirne, die »grue« der Revolution, sondern ein mittlerer Charakter, eine eigentlich gewöhnliche Frau, nicht sonderlich klug, nicht sonderlich töricht, nicht Feuer und nicht Eis, ohne besondere Kraft zum Guten und ohne den geringsten Willen zum Bösen, die Durchschnittsfrau von gestern, heute und morgen, ohne Neigung zum Dämonischen, ohne Willen zum Heroischen und scheinbar darum kaum Gegenstand einer Tragödie", so der Autor im Vorwort.

 

Seine "Maria Stuart"  entsteht 1935 in England.

"Kaum eine andere Frau der Weltgeschichte hat so viel Literatur gezeitigt, Dramen, Romane, Biographien und Diskussionen. Durch mehr als drei Jahrhunderte hat sie immer wieder die Dichter verlockt, die Gelehrten beschäftigt, und noch immer erzwingt sich mit unverminderter Kraft ihre Gestalt neue Gestaltung. Denn es ist der Sinn alles Verworrenen, nach der Klarheit sich zu sehnen, und alles Dunklen, nach dem Licht.

Aber auch ebenso gegensätzlich wie häufig ist das Lebensgeheimnis Maria Stuarts gestaltet und gedeutet worden: es gibt vielleicht keine Frau, die in so abweichender Form gezeichnet worden wäre, bald als Mörderin, bald als Märtyrerin, bald als törichte Intrigantin, bald als himmlische Heilige. Allein diese Verschiedenheit ihres Bildes ist merkwürdigerweise nicht verschuldet durch Mangel an überliefertem Material, sondern durch seine verwirrende Überfülle. In die Tausende und Abertausende gehen die aufbewahrten Dokumente, Protokolle, Akten, Briefe und Berichte: immer von andern und immer mit neuem Eifer ist seit drei Jahrhunderten von Jahr zu Jahr der Prozeß um ihre Schuld oder Unschuld erneuert worden", ist in der Einleitung zu lesen.  

 

"Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam" (1934)

 

Erasmus von Rotterdam, der berühmteste Gelehrte seiner Zeit, sei "der erste bewußte Europäer, der erste streitbare Friedensfreund, der beredteste Anwalt des humanistischen, des weit- und geistesfreundlichen Ideals", Wegbereiter der Reformation durch seine Kritik an der Theologie und der Kirche. Ein  freier, unabhängige Geist, der sich keinem Dogma unterwerfe und für keine Partei entscheiden wolle. Nirgends habe er eine Heimstatt auf Erden, so Zweig.

 

"Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers" (1942)

Eine große Trauer lastet über dem Erinnerungsbuch, welches von einer untergegangen Welt erzählt. Wien und Österreich vor dem Ersten Weltkrieg, bis zu Hitlers Machtübernahme, bis Europa "sich zum zweiten Mal selbstmörderisch zerfleischte im Bruderkriege".  Nach dem Erscheinen nimmt Zweig sich aus Verzweiflung über die moderne Barbarei das Leben.

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Aalener Kulturjournal