Stina Lund:  Die Frauen von Skagen

Eine Künstlerkolonie, ein Geheimnis und eine große Liebe

Ende des 19. Jahrhunderts ist Skagen,  ein kleiner abgelegener Fischerort an der Nordspitze von Dänemark, „wo der Himmel heller  leuchtet als an jedem anderen Ort der Welt“. Berühmt wird das pittoreske  Dorf als Künstlerkolonie, macht es doch eine  legendäre Gruppe skandinavischer Künstler Ende des 19. Jahrhunderts zu ihrem Refugium.  Auch die Künstlerehepaare Anna und Michael Ancher,  Peder Severin und  Marie Krøyer.

Hintergrund und Schauplatz des Geschehens von Stina Lunds neuem Roman „Die Frauen von Skagen“ ist dieses Fischerdorf. Zwei Handlungsstränge,  der erste spielt vor allem Ende bzw. Anfang des 19.Jahrhunderts, der zweite  2018,  berühren sich. Zwei Frauen stehen im Mittelpunkt, deren Geschichte erzählt wird: Marie Krøyer und Vibeke Weber.  Obgleich sie mehr als ein Jahrhundert trennt, vereint sie der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben.

Marie Triepke, eine talentierte junge Frau aus großbürgerlichem Haus, darf nach anfänglichem Widerstand der Eltern, in den frühen 1880er Jahren Malerei studieren. An einem privaten Institut, da zu dieser Zeit Frauen  dies an der Akademie noch verwehrt wird. An ihrer Seite ist die gleichaltrige Gesellschafterin Asta, welche Marie voller Missgunst betrachtet, sie manipuliert. Am Ende sind sie Feindinnen. Marie  steht dem  wesentlich älteren, bereits berühmten Maler Peder Severin Krøyer Modell, ist von ihm fasziniert. Während  einer Studienreise nach Paris, damals Kulturhauptstadt der Welt und Sehnsuchtsort aller Künstler, begegnen sie sich  wieder.  Die  Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf. Seit dem Sommer 1882 hält sich Peder Severin Krøyer regelmäßig in  Skagen auf, ist Teil der Künstlergruppierung, der Skagenmaler, ab 1891 begleitet von Marie, die inzwischen seine Ehefrau ist. Eine pathologische Dreierbeziehung entsteht, denn Asta wird   Krøyers Geliebte.                                            

Die „skandinavischen Impressionisten“ malen "plein air", im Freien, studieren die Natur, das Spiel  der Wellen,  des Lichts auf dem Wasser, Menschen bei der Arbeit oder spielende Kinder. Immer wieder porträtiert Krøyer seine Frau zeigen. “Marie beim Lesen. Marie am Strand.“ Während der selbstverliebte Krøyer Maries Malerei nicht ernst nimmt, sie sogar darin behindert, unterstützen Anna und Michael Ancher einander. Eng lehnt sich hier die Autorin an die historischen Fakten an. Als Peder Severin Krøyer psychisch erkrankt, Marie sich in den nicht weniger egozentrischen Komponisten Hugo Alfvén verliebt,  werden die Weichen neu gestellt.

Vibeke  Weber, die Protagonistin  des zweiten Erzählstrangs, welchem die Komplexität des ersten allerdings fehlt, geht gegen den Willen ihres Vaters,  eines Frankfurter Farbenfabrikanten,  nach Skagen, um Malerei zu studieren.  Dort  glaubt sie  in  dem Café, in dem sie kellnert, ein unbekanntes Werk der Malerin Marie Krøyer entdeckt zu haben. In der Tat wurden Arbeiten der Künstlerin  erst im Jahr 2002 wiederentdeckt. Auch Vibeke nimmt ihr Leben selbst in die Hand, Beziehungsgeschichten fehlen dabei nicht, hat es freilich wesentlich leichter ihre Träume zu leben als ihr Vorbild Marie. Am Ende des Romans steht sie am Anfang ihrer künstlerischen Entwicklung, auf die sie sich ausschließlich konzentrieren kann, ist sie doch finanziell abgesichert als reiche Erbin und kann im Unterschied zu den Frauen des 19. Jahrhunderts über ihr Vermögen selbst verfügen,  während Marie als Ehefrau und Mutter zusätzlichen Zwängen ausgesetzt gewesen ist. Aspekte, welche in Stina Lunds Roman zu kurz kommen.

Rund hundert Jahre liegen zwischen den Protagonistinnen. Die Geschlechterrollen haben sich zwar in unserem Kulturkreis seit jenen Tagen gewandelt, sodass  Frauen eher ein selbstbestimmtes Leben führen können. Heute dürfen sie Kunstakademien besuchen, niemand spricht ihnen künstlerische Begabung ab. Dennoch finden Malerinnen nach wie vor nicht selten  weniger Anerkennung  oder erzielen für ihre Werke niedrigere Preise. Während Marie einsam und verbittert zurückblickt, ist für Vibeke alles offen.

 

Stina Lund

Die Frauen von Skagen

333 Seiten

Rowohlt Tb

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal