Takis Würger: „Stella“

Vom Unerzählbaren erzählen

Jüdische „Greifer“  wurden in Berlin während der nationalsozialistischen Diktatur im Auftrag der Gestapo auf untergetauchte Juden, sogenannte „U-Boote“,  angesetzt. Eine solche „Greiferin“  war Stella Goldschlag, Tochter des Komponisten  Gerhard Goldschlag. Das  „blonde Gift'' oder „das blonde Gespenst“, wie die blonde und blauäugige junge Frau genannt wurde. Der 1985 geborene Journalist und Schriftsteller Takis Würger macht sie zur zentralen Figur in seinem vor kurzem erschienenen zweiten Roman „Stella“.

1943 wird die historische Stella mit ihren Eltern verhaftet. Um diese vor der Deportation zu schützen,  willigt sie nach einer Folterung ein, für die Gestapo zu arbeiten. Dennoch kann sie die Eltern nicht vor der Vernichtung retten. Im Auftrag des SS-Hauptscharführers Walter Dobberke jagt sie bis kurz vor dem Ende der NS-Diktatur untergetauchte Juden.  Zwischen 600 und 3000 - die genaue Zahl ist ungewiss -  soll sie den NS-Schergen ausgeliefert haben. Nach dem Krieg wird sie von einem sowjetischen Militärtribunal zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Jahrzehnte später nimmt sie sich das Leben.

In einem Interview berichtet Takis Würger,  zufällig von Stellas Lebensgeschichte  erfahren zu haben; er sei davon so gefesselt gewesen, dass er aus der historischen  Vorlage  eine fiktive Liebesgeschichte gemacht habe. Kein einfaches Unterfangen, sondern ein Wagnis, vorab gesagt.

Welches automatisch zu der Frage führt, auf welche Art und Weise ein Autor heute mit dem NS-Historie umgeht. Würgers Roman spielt 1942, vom Januar bis Dezember. Das Jahr, in welchem in großem Umfang die Deportationen der Berliner Juden in die Vernichtungslager beginnen. Insgesamt zwölf Kapitel, jeweils einem Monat gewidmet: Jedes Kapitel beginnt mit der Aufzählung von Ereignissen weltweit, die in dem jeweiligen Monat stattfinden.  Bestialisches vermischt sich mit Banalem.

Die Welt steht Kopf. Einmontiert in den Roman sind Auszüge aus den Prozessakten des sowjetischen Militärtribunals, welche in sachlichem Ton über die Opfer von Stella Goldschlag  berichten, wohl Authentizität verleihen sollen. Wobei die fiktive Liebesgeschichte und die historischen Texte ohne Berührungspunkte nebeneinander stehen.

Würgers Ich-Erzähler Friedrich, eine fiktive Figur, stammt aus Schweizer gutbürgerlichem

Milieu, wächst einsam auf als „tumber Tor“  in einer Villa nahe Genf. Die Mutter eine Deutsche, verhinderte Künstlerin,  Alkoholikerin. Und stramme Nationalsozialistin. Der Vater  kultiviert,  belesen, mit Hang zum Sufismus und russischer Literatur.

Friedrich, ein junger Mann, der wenig mit sich anzufangen weiß, geht 1942 nach Berlin.  Einerseits aus  Neugierde, denn sogar in der abgelegenen Villa ist das Gerücht angekommen,  dass durch die Berliner Straßen Möbelwagen  fahren, um Juden zur Deportation abzuholen. Andererseits verkörpern für Friedrich deutsche Männer  „Stärke“.   Vielleicht würde ein Teil der Stärke auf ihn überspringen, hofft er.

 

In Berlin besucht er eine „Zeichenschule“, lebt im Grand Hotel, begegnet „Kristin“, die sich später als Stella entpuppt, verliebt sich rettungslos in sie,  berichtet rückblickend über die gemeinsame Zeit. „Diese Frau trug so viele Rollen in sich, das Aktmodell, die Sängerin, die Schönheit in meiner Badewanne, die Büßerin, die Lügnerin, das Opfer, die Täterin“, wird Friedrich im Nachhinein urteilen.

Würgers Protagonistin ist geheimnisvoll, verschwindet immer wieder, ohne dass Friedrich die Gründe kennt. Dazu bildschön wie die historische Stella, die auf dem Buchcover vor schwarzem Hintergrund  geheimnisvoll lächelt.

 

Die Wirklichkeit ignorieren

Zusammen mit dem  dekadenten SS-Mann Tristan von Appen, „unser Freund“, angedeutet wird eine ménage à trois, ein überzeugter aktiver Antisemit, auf dessen Bademantel SS-Runen appliziert sind, stürzen die Beiden sich in das Berliner Nachtleben. „Wir lachten dieses  Volk und diesen Krieg aus. Möbelwagen waren nicht zu sehen.“

Dann erfährt Friedrich doch die Wahrheit über seine Geliebte, als sie von der Gestapo schwerst gefoltert auftaucht. Am Ende sagt sie bei einer Party, bei der niemand weiß, wer sie in Wirklichkeit ist, bei der jedoch fast alle „Hakenkreuzbinden“ tragen: „Danke, dass ich leben darf.“  An diesem  Ort in dieser Gesellschaft diese Äußerung? Eine Hymne auf das  Leben? Oder ein Dank an die NS-Schergen?

Nach der Lektüre bleibt ein gefühltes wie intellektuelles Unbehagen zurück. Blutrünstige judenfeindliche Lieder auf einem Fest gesungen kommentiert der Erzähler Friedrich mit „Die Menschen sangen laut und schön“.  Eine mehr als merkwürdige Formulierung.  Grund sind

aber auch Sätze wie „Wir machten uns schuldig, jeder auf seine Weise“, welche in dem historischen Kontext wie eine gedankenlose Relativierung wirken. Oder:  „Das Leben formt uns zu Lügnern“, resümiert Friedrich.  Nicht das „Leben“, was auch damit gemeint sein mag,  sondern ganz konkret stellt die NS-Diktatur die Spielregeln auf, Stella ist nur eine Marionette in einem grausamen Spiel.

Zwei Menschen begegnen sich in Würgers Roman zufällig vor dem Hintergrundrauschen des Regimes.  Friedrich kann Deutschland wieder verlassen, Stella  nicht. Obwohl die Geschichte als Rückblick erzählt, der Protagonist Friedrich demzufolge Bescheid wissen müsste, macht Friedrich keine Entwicklung durch. wirkt merkwürdig unberührt. Seine Perspektive bleibt naiv. Wie der Autor auch letztlich die Motive der Stella Goldschlag auf eine ungezügelte Lebensgier reduziert, sie zu sehr als verführerischen Vamp konzipiert.  Und  das Klischee der intriganten Jüdin bedient.

 

Perfide Strategie: Opfer zum Täter machen

Was geht in einer Frau vor, die Leidensgenossen denunziert, um diese der Vernichtung preiszugeben?  Die Akten selbst würden  keine befriedigende Antwort über Stella Goldschlags Motive geben, erklärt  Takis Würger. Sich mit dieser Frage literarisch  auseinanderzusetzen, sich in die gebrochene Stella einzufühlen, ihr und damit allen NS-Opfern eine Stimme zu geben, ihre  Wahrheit hervorzulocken, wäre die eigentliche Meisterleistung des Autors gewesen. Zu oberflächlich wirkt stattdessen die literarische Verarbeitung eines entsetzlichen Schicksals in einer entsetzlichen Zeit. Zu schwülstig viele Dialoge. Es geht nicht darum, dass der Autor Realität und Fiktion vermischt, sondern um  einen Menschen in einer heute kaum nachvollziehbaren Notsituation. Geschaffen als Teil der perfiden NS-Strategie, welche  Juden   bewusst zu Mittätern macht, um der Welt zu zeigen, wie  amoralisch diese wären.

Selbstverständlich gab es Alternativen, nicht jeder handelte so wie Stella. Verständlicherweise  hassten sie die Überlebenden. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die „jüdische Polizei“ in den Ghettos, die  den NS-Besatzern zuarbeiten musste. Konfrontiert mit den entsetzlichsten Todesarten, den abwegigsten Foltermethoden ließen sich die einen lieber liquidieren, die anderen  befolgten bis zum bitteren Ende die Befehle der Deutschen,  taten alles, um vielleicht zu überleben.

Wenig bekannt ist, dass die Schriftstellerin  Elisabeth Langgässer, die als „Halbjüdin“ Schreibverbot hatte, von der Gestapo erpresst,  ihre uneheliche Tochter Cordelia, welche  laut NS- Klassifizierung  als  „Dreivierteljüdin“ galt, 1944 nach Theresienstadt und Auschwitz verschleppen ließ. Um einem Hochverratsprozess zu entgehen. Die Tochter überlebte traumatisiert, ein Miteinander war nie mehr möglich.

Sich in diesem Kontext mit der Klärung von Schuldfragen zu befassen, ist und bleibt eine heikle Angelegenheit. Opfer und Täter, Schuld und Verantwortung werden von den Nationalsozialisten willentlich vermischt. Kann man  hier noch von Ethik sprechen? Von Schuld?  Wenn, dann von der der Täter, die nach dem Krieg  nicht selten rasch  wieder in Amt und Würde waren,  als Täter sogar über die Opfer zu Gericht saßen. Während das Opfer immer Opfer blieb.

Stella sei  keine Hexe gewesen, erklärt Günther Rogoff Peter Wyden, dem Autor des Sachbuchs "Stella" (1992). Rogoff besucht mit ihr die Kunstschule,  auf ihn wird  sie  als Greiferin angesetzt  In psychologischer Hinsicht sei sie ein Leichnam gewesen. „Die Leute haben doch heute keine Ahnung mehr, was es damals hieß, der Gestapo in die Hände zu fallen.“ 

 

 

Takis Würger: Stella. Hanser, München 2019, 220 S.

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Aalener Kulturjournal