Thea Dorn: "Die Unglückseligen"

Wo sich 250 Jahre Philosophie und Naturwissenschaften  entfalten

Die Humangenetikerin  Johanna Mawet, Protagonistin in Thea Dorns Roman "Die Unglückseligen", verfolgt das Ziel, das menschliche Leben zu verlängern oder gar das Altern abzuschaffen. In einem Interview  berichtet die Autorin, dass sie bei ihren Recherchen erfahren habe, wie ernsthaft diese Forschung betrieben werde. Zum Beispiel sei die Molekularbiologin und Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn überzeugt, dass die Menschen in naher Zukunft 500 Jahre werden könnten. Thea Dorns Roman ist eine Art Gedankenexperiment, ein fiktiver Schlagabtausch zwischen zwei Naturwissenschaftlern, welche grundverschiedene Haltungen im Umgang mit der Natur verkörpern. Für den Roman hat Thea Dorn nach eigenem Bekunden "gewaltige Rechercheschlachten" geschlagen. Sodass das Dargebotene durchweg stimmig, authentisch ist.

Descartes nennt den Menschen noch "Herr und Meister" der Natur. Die Neuzeit rationalisiert die Natur, erobert die ganze Erde und beutet die Natur gnadenlos aus. Nach der klassischen Mechanik ist die Welt wie ein großes Uhrwerk, für Gott scheint kein Platz mehr. Die Umweltkrise der Gegenwart lässt allerdings neu über die Stellung des Menschen nachdenken. Die Folgen von technischem Handeln  sind nicht eindeutig vorhersehbar, häufig unumkehrbar. Der Glaube an einen stetigen Fortschritt ist fragwürdig geworden. Darin liegt der besondere Reiz von Dorns Roman, dass ein Wissenschaftler aus der Vergangenheit 200 Jahre später sein Urteil über die Gegenwart fällt. 

Antagonisten, die sich gegenseitig spiegeln:

Johanna, ein Kind der Gegenwart, ungläubig, säkular.

Johann, geprägt durch die Wissenschaftsmoral des 18. und 19. Jahrhunderts.

Dorns Protagonistin Johanna  betrachtet den Tod als sinnlose Demütigung des selbstbestimmten Individuums. "Sie war überzeugt, dass die Natur nichts dagegen hatte, wenn der Mensch ihr bei der Perfektionierung half. Jeder Fortschritt, den die Menschheit seit ihren Anfängen erzielt hatte, kam daher, dass sie ihre gesellschaftlichen Gesetze immer wieder neu überprüft und korrigiert hatte. Warum sollte sie just dort, wo es um die natürlichen Gesetze ging, diese Korrekturarbeit der Evolution allein überlasse?", so ihr Credo als Wissenschaftlerin. Religiöse oder ethische Grenzen existieren nicht. Die Schöpfung ist lediglich ein Zufallsprodukt. Will Goethes Faust, als Wissenschaftler befangen in der Endlichkeit, noch wissen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, das heißt das Absolute erkennen, so will die Wissenschaftlerin Johanna ganz pragmatisch die Schöpfung optimieren.

In einem abgelegenen, weltberühmten Institut an der Ostküste der Vereinigten Staaten, wo sie forscht, weil dort die Wissenschaft  weniger begrenzt ist,  trifft sie auf einen höchst merkwürdigen Mann. Verwahrlost, im schmuddeligen Hawaii-Hemd, mit Pferdeschwanz - ein in die Jahre gekommener Hippie.  Thea Dorns zweiter Protagonist: John Knight, eigentlich Johann Ritter.

"Ich war berühmt! Herder, Humboldt, Schlegel, Arnim, Brentano, der Herzog von Gotha – allesamt haben sie mich bewundert! Selbst Goethe suchte meinen Rat!"  Mit der Crème de la Crème, mit den wichtigsten Geistesgrößen seiner Zeit sei er bekannt gewesen. Er sei der Physiker Johann Wilhelm Ritter, geboren 1776. Des Lebens sei er müde, leide an seiner Unsterblichkeit. Anfangs glaubt Johanna, sie habe es mit einem  Geisteskranken zu tun, kommt aber nach einer DNA-Analyse, auf die sich Ritter einlässt, da er auf Erlösung hofft,  ins Nachdenken. 

Der wahre Wissenshimmel auf Erden

250 Jahre Philosophie und Naturwissenschaften  entfalten sich in Dorns fulminanten Wissenschaftsroman. Johann Wilhelm Ritter, einst der Star der romantischen Naturwissenschaften, bewundert vom Freund Novalis, von Brentano als "genialischster Mensch seiner Zeit", als  "wundersüßes Gefäß heiliger Gesänge", der vom "Branntweinsaufen und von der Zeitteufelei vernichtet worden...", gefeiert, von Goethe als "wahrer Wissenshimmel auf Erden".  Am 16. Dezember 1776 in Schlesien als Sohn eines  protestantischen Pfarrers geboren, wird er zunächst Apotheker, was ihn rasch langweilt. Geistige Unruhe als bleibendes Wesensmerkmal. 1795 beginnt er in Jena das Studium der Chemie und der Physik, veröffentlicht im selben Jahr seine erste Arbeit, eine chemische Analyse. Der berühmte Naturforscher Alexander von Humboldt wird auf den begabten Studenten aufmerksam, fordert diesen 1797 zu einer Kritik seines neu erschienenen Galvanismus-Buches auf.  Ritters Eintrittskarte in die wissenschaftliche Welt.

Ritter entdeckt das ultraviolette Licht,  experimentiert mit Elektrizität an Fröschen, am eigenen Körper, konsumiert Unmengen an Alkohol und Opium. Die Versuche lassen Achim von Arnim feststellen, dem Physiker Ritter "fehle die Ehrfurcht vor dem eigenen Körper". Körperlicher Zerfall, finanzieller Ruin. Unfähig zu einem bürgerlichen Leben. Ritter stirbt 1810 mit erst 33 Jahren an den Spätfolgen seines in jeder Hinsicht exzessiven Lebens.

Dorn lehnt sich eng an Johann Ritters tatsächliche Biographie an, lässt ihn  im Roman allerdings den eigenen Tod überleben,  heimatlos durch die Welt irren. Napoleon, die Weltkriege, 1940 flieht er vor den deutschen Faschisten in die USA.

 

Inspiriert  zu dem Roman  „Die Unglückseligen“  hat die Autorin Goethes "Faust". Der „Faust“ sei ein "Wahnsinnswerk" (3sat). 12 000 Verse. 50 Jahre habe Johann Wolfgang von Goethe daran gearbeitet. Das Stück sprenge alle Dimensionen von Raum und Zeit und fasziniere die Menschen bis heute. Thea Dorn hält Faust für den Prototyp des modernen, ewig unzufriedenen Menschen, ein Grenzüberschreiter, unersättlich, über Leichen gehend  in seiner Gier nach Selbstverwirklichung. Dorn liefert keinen Faust-Abklatsch, sondern ihre eigene Version, stellt den aufklärerischen Rettungs- und Erlösungsoptimismus in Frage.

Die Gretchenfrage: "Glaubst du an Gott?" stellt in dem Roman Johann, der romantische Naturphilosoph, einer Wissenschaftlerin der Gegenwart. Naturforschung sei für ihn  Gottesdienst gewesen. Die Natur sei inzwischen entzaubert. Verloren gegangen die Ehrfurcht vor ihr, von deren Wiederverzauberung bereits der romantische Dichter Novalis, Ritters Freund, träumt.  

Magie bleibt faul, ganz gleich, in welches Mäntelchen sie schlüpft

Im zweiten Teil des Romans explodiert die Handlung. Phänomene des Okkultismus, Aberglaube und Magie, bestimmen das Geschehen, vertreiben die Rationalität. Da Johanna erkennt, dass ihre wissenschaftlichen Methoden Ritters Geheimnis nicht ergründen können, vermutet sie in dem sanften, gläubigen Menschen gar einen Teufelsbündner, bedrängt ihn, bis dieser bereit ist, die Versuche an ihr zu wiederholen. Beschwörungsrituale, Entgrenzungsversuche ähnlich Goethes Faust. Auch das scheitert. Der Erzähler und Ritter warnen, dass Dämonisierungen nur vernebeln, den Kampf des Menschen mit sich selbst verschleiern. Johanna verzweifelt an ihrem Unvermögen zu begreifen: "Meine Niederlage ist fundamental." Gerade als sie zu begreifen beginnt, wie leicht das Leben sein  kann, wird sie mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert.

Erzähltechnisch ist der Roman ein  grandioses Experiment. Als auktorialer Erzähler fungiert Satan höchst persönlich, wie bei Goethe kein mittelalterlicher Teufel. Mephisto verkörpert das Prinzip der Negation. Seine Aufgabe: "stets zu verneinen". Als Teil der göttlichen Schöpfung ist er von Gott selbst gelenkt,  das Salz in der Suppe des Herrn. In Thea Dorns Roman erklärt er Johanna: "In aller Ewigkeit, so schwöre ich, stand nie ein Mensch mit mir im Bunde." Und an anderer Stelle: "Magie bleibt faul, ganz gleich, in welches Mäntelchen sie schlüpft." Der Mensch möge "der Blindheit Bande " abstreifen. Mephisto als Anwalt der Vernunft!

Das Romangeschehen wird fortwährend unterbrochen; Volkslieder, Gebete, Exkurse unterschiedlichster Art, seitenweise DNA-Code-Reihen brechen die Handlung, heben sie auf eine andere Ebene. Unwillkürlich kommen Brechts Verfremdungseffekte in Erinnerung. Mühelos wie sprachmächtig wechselt Thea Dorn die Stilebenen: mal Umgangssprache, mal die  Sprache der Wissenschaft, mal blumig-barock. Zudem schmücken die Kapitelanfänge  kunstvolle Vignetten, welche an die Buchkunst des 18.Jahrhunderts erinnern.

Mit Fug und Recht nennt Denis Scheck in seinem Literaturmagazin Thea Dorns Roman "Die Unglückseligen" ein "Meisterwerk", "ein Glücksfall für die deutsche Literatur". 

Eine Anspielung auf Theodor W. Adorno

Die Schriftstellerin und Moderatorin  Thea Dorn, mit bürgerlichem Namen Christine Scherer,  wurde am 23. Juli 1970 in Offenbach geboren. Ihr  Künstlername  ist eine Anspielung auf Theodor W. Adorno. Sie arbeitete als Dozentin für Philosophie an der Freien Universität Berlin und hielt Seminare zu Fragen der modernen Ethik und Ästhetik. Thea Dorn veröffentlichte Romane, Theaterstücke, Essays, schrieb Drehbücher und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2016 erhielt sie den Stahl-Literaturpreis. Die Stahlstiftung Eisenhüttenstadt vergibt den mit 10.000 Euro dotierten Preis seit 2004 für ein "literarisches Gesamtwerk, das Toleranz und Humanität befördert". Vor allem die Humanität ist eines der Leitmotive ihres aktuellen Romans "Die Unglückseligen", so die Begründung.

Thea Dorn gehört ab März 2017 neben Volker Weidermann und Christine Westermann zum festen Stamm der sechsmal im Jahr ausgestrahlten Sendung "Das Literarische Quartett".

 

Thea Dorn: Die Unglückseligen. Roman. Albrecht Knaus Verlag, München 2016, 555 Seiten, 24, 99 Euro

 

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Aalener Kulturjournal