Fontane-Jahr 2019: "Mathilde Möhring"

Theodor Fontanes Milieustudie zum Kleinbürgertum des 19. Jahrhunderts

Theodor Fontanes Romane erzählen von Geschichte und Kultur des späten 19. Jahrhunderts -   vom Leben unterschiedlicher   Schichten. Januar 1891 begonnen, erscheint sein in Ostpreußen spielender Roman "Mathilde Möhring", der das Milieu des Berliner Kleinbürgertums realistisch darstellt, erst posthum. Der Roman -  wohl Fontanes modernster - bleibt allerdings Fragment.

Immer wieder stellt  der Autor junge Frauen in den Mittelpunkt. Die Titelfigur Mathilde Möhring, eine intelligente junge Frau, wollte Lehrerin werden, ein Plan,   vom Tod des Vaters durchkreuzt.  Sie lebt mit ihrer einfachen beschränkten Mutter, von der es heißt, sie wisse nicht über den Tag hinaus zu rechnen, in einer Mietwohnung, die sie untervermieten müssen, um  über die Runden zu kommen. Das Mietshaus gehört Rechnungsrat Schultze, über den der Leser nebenbei erfährt, dass dieser durch  Spekulationen -  Gründerzeit - zu fünf Häusern gekommen sei. Wie man auch nebenbei erfährt, dass es in Berlin an Wohnraum mangelt,  selbst Keller werden vermietet.

Ganz anders als Fontanes bezaubernde Effi Briest wirkt Mathilde: "Sie war zu hager und hatte einen grisen Teint." Dazu aschblondes Haar. Und: "Mathilde hielt auf sich, aber sie war trotzdem nicht recht zum Anbeißen, sie war sauber, gut gekleidet und von energischem Ausdruck, aber ganz ohne Reiz." Das einzig Aparte an ihr: Ein "Gemmengesicht" im Profil. Laut Hausarzt Dr. Bolle allerdings ein Mädchen mit "Herzensbildung". Findig sei sie, könne immer Rat schaffen.  Im Zusammenleben mit der Mutter, um die sie sich aufrichtig sorgt,  ist sie der zupackende und bestimmende Teil. Ihr Lebensmotto: "Aus der Situation  das Beste machen."

Hugo Grossmann, ein schöner Mann mit Vollbart, Jurist ohne  Examen, jüdischer Herkunft, wird neuer  Untermieter der Möhrings.  Als "Studierter" und "Burgemeisterssohn" ist er nicht ohne Dünkel.  Während er sich als " einen ästhetisch fühlenden und mit einer latenten Dichterkraft ausgerüsteten Menschen" sieht, ordnet ihn  Mathilde sofort nüchtern als  "bequem", als  "Schlappier"  ohne "Muck" ein. Wie sie auch  sogleich bemerkt, dass er sich wenig mit der Juristerei beschäftigt, dafür umso mehr mit der schönen Literatur und dem Theater. Als Hugo Grossmann an Masern erkrankt, pflegt Mathilde ihn so aufopferungsvoll, dass   er überzeugt ist, sie sei für ihn  die perfekte Ergänzung. "Sie hatte gerade das, was ihm fehlte", weiß der Erzähler.  Obwohl Hugo sie wenig attraktiv findet, eher eine Vorliebe für Trapezkünstlerinnen hat.

Während Hugo verlegen und sentimental sei, sei Mathilde nüchtern und berechnend, lässt der Erzähler wissen. "Fräulein Tilde" sieht in Hugo  Grossmann die Chance ihres Lebens. Sie will gesellschaftlich aufsteigen, was nur über eine Heirat gelingen kann. Allerdings sind die Heiratschancen schlecht, wenn ein Mädchen  nicht wohlhabend ist; potentielle Ehemänner legen darauf großen Wert, denn durch die Eheschließung ist das Vermögen der Frau "der Verwaltung und Nutznießung des Mannes unterworfen". Was für eine Frau schlecht ausgehen kann, erinnert sei an Tony (Antonie) Buddenbrook, geschiedene Grünlich, geschiedene Permaneder,  aus Thomas Manns Roman "Die Buddenbrooks".

Gefährlich für eine Erbin nicht nur in der Literatur! Zurecht sieht die Sozialistin Clara Zetkin,  welche ihr Leben lang, entschieden für die Rechte der Frauen eintritt, in dieser Praxis  eine völlige Enteignung der Frauen, vergeblich fordert sie die "Genossen" auf, sich ohne Wenn und Aber für deren Gleichstellung einzusetzen.

Mittellosen Mädchen aus dem Bürgertum bleibt nur der Beruf als Gouvernante, Gesellschafterin, ab  18 Jahren auch  als Lehrerin. Der gesellschaftliche Status der Frauen  ist abhängig vom Status des Mannes. "Frau Leutnant Petermann", "Rätin Schultze", heißt es im Roman zum Beispiel.  "Unschuld, Sanftmut, Bescheidenheit Artigkeit, Schamhaftigkeit, freundliches und heiteres Wesen" als die höchsten weiblichen Tugenden. Der Mann ist Ernährer und Soldat, die Frau Schmuck des Hauses ohne finanzielle oder politische Rechte.  

Wie immer bei Fontane tauschen sich seine Figuren in wunderbaren  Dialogen aus. Mit ihrer Mutter spricht  Mathilde über die anstehende Verbindung: "Hat er denn was?" "Noch nicht, Mutter. Aber wenn ich ihn bloß erst habe, das heißt richtig verlobt vor Gott und Menschen, da wird es schon werden. Er sieht ja doch aus wie auf der Kanzel, und so einer kommt immer an. Ich werd ihn schon anbringen." Thilde bereitet Hugo aufs Examen vor, plant erfolgreich seine Karriere als Bürgermeister, instruiert ihn, mit wem er was zu reden habe, schreibt sogar Artikel, welche die Funktionsträger der Stadt ins positive Licht rücken, um sie für Hugo einzunehmen. Mit Erfolg.

 „Sieh Hugo, so musst du’s anfangen, Woldenstein so weit zu bringen, dass es alle Wochen mal in der Zeitung steht, Hugo, das ist möglich, und das ist in deine Hand gegeben ...“
„Oder in deine“, lächelte Hugo. 

 Als Frau Bürgermeisterin überzeugt Thilde , gilt rasch als  "sehr klug", als eine Frau, "die immer wisse, was in der Welt los sei". "Muck, Race, Schick" stellt der Landrat bei ihr fest  und vermutet, Mathilde müsse eine – möglicherweise verheimlichte – vornehme Abstammung haben.

Hugo fühlt sich allerdings nicht recht wohl dabei. "Ach, Thilde, das ist doch Torheit. Du sagst `alles´, und ich weiß gar  nichts." "Weil du die Augen nicht aufmachst, und die Ohren erst recht nicht. Du bist immer wie im Traum, Hugo."  Um aber nach seinem frühen Tod zu erkennen, dass er dafür nicht geschaffen gewesen ist. Dass er wohl auch nicht für die Ehe geschaffen gewesen ist. 

Das gemeinsame Glück ist sehr flüchtig. Bald nach der Hochzeit wird Thilde Witwe. Bei einer Schlittenpartie holt sich der immer kränkelnde Hugo  eine Lungenentzündung, an der er nach nur einem halben Jahr als Bürgermeister stirbt. Am Tag nach Ostern 1890 wird Hugo im fiktiven Woldenstein in Westpreußen beigesetzt. Geehrt von der Bevölkerung, wie Thilde stolz feststellt. Nach seinem Tod verdient sie ihr eigenes Geld, obwohl es eine Alternative als Gesellschafterin des über siebzigjährigen polnischen Grafen Goschin, der zudem Gefallen an gefunden hat. gegeben hätte. Sie kehrt nach Berlin zurück, macht ihr Examen als Lehrerin, um für sich und die Mutter im Armenbezirk Moabit den Lebensunterhalt zu verdienen.

Fontane ist ein Meister der  Andeutungen.

Über die gesellschaftliche Ordnung während des Kaisereichs erfährt man  im  Roman häufig nur als Anspielung.

So zum Beispiel: Zum Reichsmünzgesetz und Währungsreform 1871 - Eine einheitliche deutsche Währung wird beschlossen, Mark und Pfennig eingeführt statt Gulden und Kreuzer.

Oder zum „Berliner Antisemitismusstreit“ von 1879 bis 1881. Die Auseinandersetzung  über die Gestaltung der Handels-und Wirtschaftspolitik wurde zu von nationalkonservativen und antisemitischen Kreisen zu einem "Kampf" zwischen Deutschtum beziehungsweise Germanentum und Judentum umgedeutet.

Technische Errungenschaften wie die Berliner Stadtbahn (1874-1882) nicht zu vergessen; so  Mathilde fährt mit der Bahn  zur Schule, kehrt zu Fuß zurück.

Charlotte Wolter, Theodor Döring oder Arthur Krausneck, zeitgenössischen Theater- und Opernstars, tauchen im  Roman auf.

Der Vollbart Hugo Grossmann zeichnet ihn als "Liberalen" aus.

Konfessionelle Spannungen der "drei Konfessionen" im Grenzgebiet zum katholischen Polen und preußischen Kolonialinteressen soll Hugo als Bürgermeister in der preußischen Provinzstadt versöhnen, so Mathilde.

Gabriele Radecke, die im Rahmen der Großen Brandenburger Ausgabe das wichtigste Erzählwerk aus des Dichters Nachlass neu ediert hat, betont, dass der Roman nicht aus Unvermögen unvollendet geblieben sei. Denn Fontane schreibt danach noch seinen "Stechlin", der von vielen als sein Hauptwerk gesehen werde.

Der Grund sei ein anderer. "Eine Schreibweise, die was gibt, auch wo sie nichts gibt" - das werde, so befürchtet Fontane, von den lieben Deutschen nicht geschätzt. "Stoff, Stoff, Liebe, Liebe, Tunnel und Schnellzugzusammenstoß, das ist immer noch das Ideal."

Fontane hielt die Zeit noch nicht für reif. genug für eine Frauengestalt wie Mathilde. Zu modern, zu unabhängig, nicht dem Lesergeschmack entsprechend.

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Aalener Kulturjournal