Uwe Timm: "Ikarien" 

Deutschland im April 1945

"Ikarien" ist der Titel des neuen Romans von Uwe Timm.  Der Frühsozialist Étienne Cabet schreibt 1848 die Erzählung "Reise nach Ikarien", eine Utopie, welche mit den Lebensthemen Nationalsozialismus und eigene Vergangenheit des Schriftstellers eine überraschende Verbindung eingeht. Angesiedelt ist die Handlung des  jetziger Romans kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, im April 1945.

Timms Protagonist, eine fiktive Figur, ist der 25-jährige Michael Hansen, ein  amerikanischer Offizier in Deutschland geboren.  Der sich freiwillig zur US-Army meldet, um gegen die deutschen Faschisten zu kämpfen, nach Kriegsende als Angehöriger der Nachrichtentruppe der US-Armee in München stationiert ist.  "Sein Auftrag: Verhör und Feindaufklärung."  Hansen erfährt, dass der Geheimdienst herausgefunden habe, dass der inzwischen verstorbene Mediziner Alfred Ploetz - eine historische Figur (1860-1940) - mit seinem Famulus namens Wagner, eine Anspielung auf Fausts Begleiter, einst in den Vereinigten Staaten Geheimbünde gegründet habe. Hansen solle herauszufinden, ob es noch Mitglieder gebe, welche Ziele verfolgt worden seien. Zudem im Auftrag der "Psychological Warfare Division", wie sich die Theorie der Rassenhygiene herausgebildet habe.  

Wenn sich Täter zu Opfern machen

Fiktion und historische Wirklichkeit mischen sich. Hansens Weg führt über Frankfurt nach München durch zerbombte Städte. Auf den Straßen Flüchtlinge, Kriegsgefangene, ehemalige Zwangsarbeiter. Tage der Anarchie. Gespräche mit überlebenden KZ-Häftlingen. Kaum noch ein überzeugter Nazi ist zu finden. Sondern: "Ein Volk von Opfern". Anschaulich erzählt Uwe Timm vom Alltag in jenen Tagen, von amourösen Abenteuern mit deutschen "Fräuleins", die höchst angetan sind von den "Siegern", von deren  Geschenken wie Sonnenbrillen, Seidenstrümpfen und Kaffee.

Im Fokus von Hansens Ermittlungen steht Doktor Ploetz, "Fachmann für Eugenik und Begründer der Rassenhygiene", 1936 gar im Gespräch für den Friedensnobelpreis. Alfred Ploetz,  der 1905 die "Deutsche Gesellschaft für Rassenhygiene" gründet, beeinflusst entscheidend die NS- Rassenlehre. Die Geschehnisse um den Protagonisten Hansen sind Fiktion sind, nicht aber das Leben des Wissenschaftlers Ploetz. Seit 1978 beschäftigt sich der Autor  mit der ihn existenziell berührenden Thematik, was jeder Satz im Roman spüren lässt. Am Romanende findet sich sogar ein Anhang mit  einer Auswahl von Werken, welche für Timms Recherche bedeutend sind.  Gleichsam als Beleg für die historische Richtigkeit des Ungeheuerlichen, von dem der fesselnde Roman erzählt. 

Auch die Mörder in Schwarz lasen Kleist und Hölderlin

Wagner,  ein sympathischer Freigeist, inzwischen achtzigjährig, der wie Alfred Ploetz in seiner Jugend Sozialist ist, bleibt im Unterschied zu diesem seiner Überzeugung treu. Immer abwägend, nie dogmatisch. Belesen und gebildet. Das ganze Leben lang ein Suchender. Inhaftierung in Dachau, Überwachung durch die Gestapo, um dann das "Tausendjährige Reich" im Keller eines Antiquariats zu überleben. In Gesellschaft von Bloch, Kafka, Thomas und Heinrich Mann, Mühsam, Brecht, um nur einige der Unliebsamen zu nennen.

"Die Mörder in Schwarz lasen auch Kleist und Hölderlin", weiß Wagner. Kein Garant gegen die Barbarei.  Mehrere Wochen lang stellt Hansen ihm Fragen, erfährt von den eugenischen Bewegungen  in Skandinavien und Amerika, die in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts gesetzliche Zwangssterilisationen einführen. Ploetz wird weltweit gefeiert als  "Spiritus Rector" dieser "Ausjätung des minderwertigen und kranken Erbguts". Zu  seinem Freundeskreis während des Studiums gehören die Brüder Carl und Gerhart Hauptmann, Ferdinand Simon, der spätere Schwiegersohn August Bebels. Ploetz habe als  junger Mann Cabets "Ikarien" gelesen,  erzählt im Roman Wagner. Namensgeber ist der Ikarus-Mythos. Davon angeregt reift der Plan  eine kommunistische Kommune zu gründen. Ploetz und Wagner reisen nach Iowa, um den Alltag einer Ikarier-Kolonie zu studieren, die sich an christlichen und urkommunistischen Werten orientiert, von Wagner detailliert in langen spannenden Gesprächen mit dem amerikanischen Offizier Hansen geschildert, der als interessierter Stichwortgeber fungiert. Der Gleichheitsgedanke der Ikarier geht aber nicht so weit, dass den Frauen das Stimmrecht zugestanden wird. 

Ein Mensch ohne Skrupel und Selbstzweifel

Das Experiment scheitert. "Dort die große Utopie, hier die schäbige Wirklichkeit", kommentiert Wagner. Auch die  ganze Lebensgeschichte des kämpferischen Atheisten und begnadeten Agitators Ploetz wird erzählt, ein Mensch ohne Selbstzweifel, der bereits in jungen Jahren den Drang zu forschen und  die Welt zu verändern hat. Ploetz geht ein Pakt mit  dem Nationalsozialismus ein, verabschiedet sich von seinen alten Idealen, vertritt die Ansicht, dass eine  Gesellschaft nach darwinistischen Prinzipien  geregelt sein müsse. "Das Alte muss fallen." Eine neue Zeit beginne.  Notwendig sei deshalb die "Zucht und Züchtung" des neuen Menschen, ein Anspruch, den jedes totalitäre Wahnsystem kennt, sei es durch Gedankenwäsche oder durch medizinische Eingriffe. Wobei Ploetz anfangs kein Antisemit ist.    

Ein Habenichts ursprünglich, der sich mit dem Vermögen seiner zweiten Frau Anita Schloss und Gut am Ammersee anschafft,  um dort in Ruhe seinen Studien nachzugehen. Seine kruden Ideen werden Wirklichkeit. Mit seinen Schriften wird  er die NS-Rassenlehre maßgeblich beeinflussen, liefert das pseudowissenschaftliche Fundament für die Euthanasie, ist aber nicht an Tötungen beteiligt.

Übrigens ist Ploetz der Großvater von Uwe Timms Frau Dagmar Ploetz. Wagners Erzählungen holen weit aus: vom Ende des 19. Jahrhunderts bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, ein gewaltiger historischer Stoff, für den Leser ein Erkenntnisgewinn, dennoch nicht langatmig daherkommend, sondern  wiedergegeben in Form von ausführlichen Protokollen, Tagebuchnotizen Hansens, Passagen mit Schilderungen von unberührten Landschaften oder seltenen Vögeln wie Äußerungen des  Erzählers.  Ein durch und durch fesselnder Roman!

 

Uwe Timm: "Ikarien". Roman.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017. 512 S., geb., 24,- [Euro].

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal