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Valerie Jakob: "Mauersegler"

Schicksale unterm Rad der Geschichte

Der Mauersegler,  ein rasanter Flugkünstler von schwalbenähnlicher Gestalt,  der sein Leben  vor allem  in der Luft verbringt, im Flug schläft, sich paart. Geheimnisumwittert. Valerie Jakobs Roman „Mauersegler“ leiht er nicht zufällig den Titel. 

In einer Lebenskrise, privat wie beruflich, flüchtet sich Juliane, in deren Familiengeschichte es nicht wenige  tabuisierte schmerzende „Leerstellen“ gibt, zu ihrem Großcousin Johann an die Ostseeküste nahe Greifswald. Seit vielen Jahren lebt dieser nahezu autark in einem alten verwunschenen Haus, seinem „glücklichen Winkel“, das einst  seiner Mutter Marianne gehörte, die als erste deutsche Pilotin mit ihrem Flugzeug „Mauersegler“ bis nach Afrika geflogen ist. In einem Wandschrank findet Juliane Mariannes Bücher, Zeitungsausschnitte, welche alle mit der Fliegerei zu tun haben. So etwa Marga von Etzdorfs „Kick in die Welt“, Elly Beinhorns „Ein Mädchen fliegt um die Welt“. Die erkämpften Freiräume der Fliegerinnen  werden  durch die NSDAP nach der „Machtübernahme“ immer weiter eingeschränkt. Mit Kriegsbeginn dürfen sie nur noch im Dienste des Regimes fliegen. Auch von Hanna Reitsch, eine der bedeutendsten deutschen Pilotinnen des 20. Jahrhunderts, Testpilotin während der NS-Zeit, eine glühende Anhängerin der braunen Ideologie, erfährt Juliane. Eine Welt, von der sie bisher keine Ahnung hat.

Die Freundinnen Marianne und Roseanne, beide entstammen großbürgerlichen Familien, lernen sich in einem Schweizer Internat kennen, erobern sich zusammen die Lüfte.  Mariannes modern denkender Vater, die Mutter ist bei der Geburt der jüngeren Tochter Ruth gestorben, sieht, wie die Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg sich rasant wandelt, wie brüchig die Lebensbedingungen sind; folglich sollen seine Töchter auf eigenen Beinen stehen. Er unterstützt auch die ältere bei ihrem ungewöhnlichen Wunsch, das Fliegen zum Beruf zu machen. Roseanne, eine Französin, unkonventionell wie Marianne, hat ihre Familie bis auf den Bruder, der sie in ihrem Streben nach Freiheit ebenfalls unterstützt, durch den Ersten Weltkrieg verloren. Marianne und Roseanne sind wie die  Freundinnen Juliane und Dani fiktive Figuren, wie die Autorin im Nachwort wissen lässt. Die historischen Geschehnisse - wie die in den Geschichten vorkommenden Pilotinnen - sind jedoch real.

Die Zeitebenen  wechseln von Kapitel zu Kapitel zwischen erzählter Gegenwart und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Einige Kapitel sind durch Jahresangaben hervorgehoben: 1933 die sogenannte „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten unter Adolf Hitler, 1939 mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen beginnt am 1. September der Zweite Weltkrieg. Am 10. Februar 1953 stürmen Volkspolizisten an der  Ostseeküste der DDR  im Rahmen der „Aktion Rose“ Hotels, Pensionen und Restaurants. Die Besitzer werden festgenommen. Jahreszahlen, die ein Wendepunkt im Leben Mariannes wie ihrer Schwester Ruth darstellen, sie zum „Spielball der politischen Verhältnisse“ machen.

In eine Ehe willigt  Marianne nur ein, weil ihr späterer Mann ihr Streben nach Unabhängigkeit vermeintlich akzeptiert, die wahre Gesinnung zeigt er allerdings rasch mit Beginn des "Dritten Reiches". Gemäß dem NS-Familienbild solle sie sich unterwerfen, eine „Defätistin“ sei sie.  Nachdem sie in Afrika verschollen ist, lässt er sie schnell für tot erklären.

Er selbst schwimmt immer obenauf, erst als NSDAP-, dann als SED-„Genosse“.  Hingegen verlieren seine Schwägerin Ruth und ihr Mann, der psychisch wie physisch zerstört aus dem Krieg zurückkehrt, die Existenz, werden inhaftiert als „Kapitalisten“, ihres Hauses, in welchem Ruth eine Pension betreibt, und ererbten Vermögens beraubt. Mit ihrer kleinen Tochter, Julianes  Mutter, fliehen sie in den Westen, während Johann zurückbleibt.

Die Handlung spielt an verschiedenen Orten,  unter anderem in Berlin, Greifswald, Göttingen, im afrikanischen Saint Louis.  Bis in den Senegal in die Lagunenstadt Saint Louis, dem „Venedig Afrikas“,  im Norden des Landes reist Juliane auf Mariannes Spuren. Mit Erfolg. Und einem höchst überraschenden Ergebnis. In der Auseinandersetzung mit dem Schicksal Mariannes erkennt sie schließlich, welch hohen Preis diese damals zahlen musste, um ein Leben in Freiheit führen zu können, wie sehr sie  sich selbst dagegen treiben ließ und dadurch in eine Sackgasse manövriert hat. Am Ende kann Juliane  eine Perspektive für die eigene Zukunft entwickeln. 

Ein unterhaltsames und spannend geschriebenes Buch.

 

INFO

Valerie Jakob,  Mauersegler

Roman

Kindler Verlag

352 Seiten

 

 

 

 

 

 

 

 

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