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Vicki Baum: „Vor Rehen wird gewarnt“

Ein quirliger, unterhaltsamer und dennoch tiefsinniger Roman

Endlich  wurde Vicki Baums lange vergessener Roman „Vor Rehen wird gewarnt“ wiederentdeckt. Die in Wien geborene Schriftstellerin (1888-1960), welche 1929 ihren  Durchbruch mit dem Bestseller "Menschen im Hotel“ hat, ist in der Weimarer Zeit die erfolgreichste Autorin. Ihre Bücher werden 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt, 1938 wird sie ausgebürgert und emigriert in die Vereinigten Staaten. Fortan schreibt sie in englischer  Sprache. Nach Deutschland kehrt sie nie mehr zurück.

Der 1951 erschienene über 400 Seiten starke Roman „Vor Rehen wird gewarnt“

handelt in San Francisco und in  Wien. Im Mittelpunkt steht Ann Ambros, eine äußerlich liebenswürdige ältere Dame, mit 65 Jahren noch zart und zerbrechlich wie ein „Meißner Porzellanpüppchen“. Dezent wie perfekt setzt sie Mimik und Gestik ein, um hilflos zu erscheinen, um wie eine  Marionettenspielerin ihr Umfeld rücksichtslos zu instrumentalisieren, zu manipulieren, um so das eigene Wohlergehen mit allen Mitteln durchzusetzen. „Ich kriege immer, was ich will“, lautet ihr Lebensmotto. Höchst erfolgreich bei Männern, welche gern die Rolle des ritterlichen Retters übernehmen. Stets habe sie getan, was sie wollte, sich genommen, wonach sie verlangte, erklärt die Erzählerin. Gefühle und Bedürfnisse anderer ignoriert, um vor Selbstmitleid zu zerfließen, wenn etwas nicht nach ihrem Willen gehen sollte. Mit stählerner Sanftmut räumt Ann alle, die hinderlich sind, aus dem Weg. „Tyrannei der Schwäche“, wird das Florian Ambros seiner Tochter Joy gegenüber nennen. Für ihre Mitmenschen nicht gerade förderlich.

Nur wenige durchschauen Ann Ambros. So etwa der Jurist George Watts, ein ehemaliger Nachbarsjunge, der sich immer, wenn er ihr begegnet, an ein Warnschild in einem Park erinnert fühlt, mit  der Aufschrift: „Vor Rehen wird gewarnt! Das Publikum wird hier mit gewarnt, dass es zu allen Zeiten gefährlich ist, sich den Tieren zu nähern. Die Gefahr ist besonders groß in der Brunftzeit.“ Oder Anns Stieftochter Joy, die  nach und nach ihre Stiefmutter durchschauen und hassen lernt, jedoch nicht die notwendigen Konsequenzen zu ziehen vermag. Während der acht Jahre jüngere Bruder Charles sich dem unheilvollen mütterlichem Einfluss entzieht. George Watts charakterisiert Ann Ambros ohne Wenn und Aber als „psychopathische Lügnerin“, welche die Leute, die sie ausnutzen könne, fest an der Leine halte. Zum Beispiel Joy! Sein Urteil gründet sich auf  Erfahrungen, die er mit ihr auch als Jurist gemacht hat.

Mit exzellentem psychologischem Gespür und scharfzüngiger Ironie zeichnet Vicki Baum das Bild einer selbstverliebten Narzisstin.

Die Autorin gerät nicht ins Psychologisieren, sondern lässt die Situationen für sich sprechen. Motive, Werte und Ziele der handelnden Figuren,  deren Beziehungsgeflecht zeigen  sich in den umfangreichen spannend gestalteten Dialogen. Probiert Ann als Kind noch aus, mit welchen  Verhaltensweisen sie zum Ziel kommt, so entwickelt sie später voll „zuckersüßer Herrschsucht“ bewusste Strategien.

Meisterlich  gibt die Autorin  in einem leichten beschwingten Plauderton ein Bild der Gesellschaft ihrer Zeit. Große Veränderungen bringt das junge 20. Jahrhundert: elektrisches Licht, Automobile, Jugendstil, Ibsen, Oscar Wilde, Richard Strauß. Damen trinken Whisky und Gin wie Männer, rauchen in der Öffentlichkeit, können sich scheiden lassen. Für das Frauenstimmrecht wird gekämpft und gegen das  Korsett. Das große Erdbeben von San Francisco am 18. April 1906, eines der stärksten des 20. Jahrhunderts, nimmt  im Roman einen großen Raum ein. Und Ann mit der kleinen Joy, dem Kind ihrer Schwester, mittendrin, wird daraus eine nützliche Geschichte stricken. Der Erste Weltkrieg führt zu einer um sich greifenden „Kriegspsychose“. Mit fatalen Folgen für  Florian, der als Künstler scheitert.

Der Roman beginnt mit einer Zugfahrt. Der Zweite Weltkrieg ist gerade zu Ende. Ann und  Joy Ambros wollen den Sohn und Bruder Charles, der heimkehrt, empfangen. Joy ist völlig außer sich vor Angst um das Lebensglück des Bruders. Die Mutter, das „gemeine räuberische Luder“, wie sie diese in Gedanken nennt, wolle dessen Ehe zerstören, um den Sohn ganz für sich zu haben. So wie  diese auch Joys Liebesbeziehung zerstört hat. In einem  Handgemenge stößt Joy ihre Stiefmutter von einer Zugplattform.

Auf Grand Tour

Zwei  Handlungsebenen spiegeln sich, treiben so das Romangeschehen voran: die Handlung um die Zugfahrt und die ausführlich erzählten Rückblenden, welche die Vergangenheit aufblättern, zum Beispiel wie Ann („neé Ballard“/ geborene Ballard) im Haus der Eltern den berühmten österreichischen Geigenvirtuosen Florian Ambros kennenlernt, sich eine Zukunft mit ihm zusammenfantasiert, ihn sehr schnell als ihr „allereigenstes Eigentum“ betrachtet. Köstlich die Passagen, als die neureichen Ballards auf Ihrer Grand Tour durch Europa 1898 in Wien, dem Jahr, als  Kaiser Franz Josef sein fünfzigjähriges Jubiläum feiert, von Florian Ambros´ Mutter empfangen werden. Die „Generalin“, eine höchst unkonventionelle, leicht derangierte Grande Dame aus alter Wiener Familie, verbandelt mit dem  Hochadel, entspricht so  gar nicht den Vorstellungen Anns und ihrer Mutter von „Vornehmheit“.

Florian Ambros verliebt sich in Anns ältere „verhasste“  Schwester Maud, welche das vollkommene Gegenbild zu ihr ist. Aus  Konkurrenz heiratet Ann den reichen Zuckerrohrplantagenbesitzer Clyde Hopper, einen groben Klotz, welchen sie in Wirklichkeit verabscheut, ohne jedoch ihr Zielobjekt Florian Ambros, den „Homme à Femmes“, aufzugeben. Letztlich mit Erfolg, doch auf Kosten von Maud und Clyde Hopper.

 

Vicki Baum: Vor Rehen wird gewarnt.

Roman.

 

Büchergilde Gutenberg

Arche Verlag, Zürich 2020.

412 Seiten

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Aalener Kulturjournal