Volker Weidermann: "Brennendes Licht - Anna Seghers in Mexiko"

Schicksalsjahre im Land der Sonne und des Todes  

In seinem neuen Buch "Brennendes Licht"  erzählt der Literaturkritiker Volker Weidermann auf gut 180 Seiten von Anna Seghers’ Exiljahren in Mexiko (1941 bis 1946).

Vor 120 Jahren  am 19. November 1900 wird  Netty Reiling, so Anna Seghers bürgerlicher Name, in einer jüdischen Familie  in Mainz geboren und wächst dort als Tochter eines Kunsthändlers auf.  In   Köln und Heidelberg studiert sie Kunstgeschichte, Geschichte, Sinologie und Philologie und beendet ihr Studium mit einer Promotion über Rembrandt. 1925 heiratet sie den ungarischen Gesellschaftswissenschaftler László Radványi. Aus der Ehe gehen die Tochter Ruth und der Sohn Peter hervor. Anna Seghers Vater Isidor verstirbt 1940, ihre Mutter Hedwig geht in einem Konzentrationslager zugrunde.

Die Schriftstellerin und ihr Mann sind überzeugte Kommunisten. Als Anna Seghers 1933 vor den Nationalsozialisten fliehen muss, ist sie bereits eine renommierte Autorin,  ausgezeichnet mit dem "Kleist-Preis".  Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrt sie von ihrem Exil nach Ost-Berlin zurück, um bis zu  ihrem Tod  1983 als  Grande Dame der DDR-Literatur zu fungieren.

Im Jahr 1941 kommt Anna Seghers mit Mann, Tochter  und Sohn in Mexiko an, lebt bis 1947 in Mexiko Stadt. Wider Willen, denn die Familie darf in die Vereinigten Staaten aus politischen Gründen nicht einreisen. Die Sowjetunion ist jedoch kein Wunschziel. Während der Zeit in Mexiko wird die Autorin international berühmt. Ihr Roman „ Das Siebte Kreuz“,  für Marcel Reich-Ranicki der beste Roman einer Frau in deutscher Sprache, den sie bereits  1938 im Exil in Südfrankreich beginnt und der die Wirklichkeit  des sogenannten Dritten Reichs  abbildet, zum Weltseller. Und sie selbst erlangt damit Weltruhm. In der Sowjetunion wird allerdings 1939 der Vorabdruck des  Romans eingestellt, denn solche Geschichten passen nicht zum Hitler-Stalin-Pakt. 1942 erscheint der Roman in den USA. Die US-Soldaten, welche Europa vom Faschismus befreien, haben den Roman im Gepäck. Und Hollywood wird diesen sogar verfilmen.

1940 lässt Stalin Leo Trotzki, seinen Erzrivalen im Machtkampf nach Lenins Tod, im mexikanischen Exil in dessen festungsartig ausgebautem Haus ermorden. Unter der kleinen Gruppe der glaubensstarken Kommunisten, die sich in dem von Anna Seghers gegründeten Heinrich-Heine-Club treffen,  sich brutale Machtkämpfe liefern, sich bereits in Position bringen für die „große Zeit danach“, geht die Furcht um. Und Anna Seghers? Geübt sei sie darin, eigene Zweifel zu unterdrücken, der offiziellen Parteilinie zu folgen, sich selbst vor den Augen der Genossinnen  und Genossen in diese Linie zu verwandeln.  Ihr ganzes Leben lang.

Nach einem schweren Verkehrsunfall,  Anna Seghers wird 1943 an einem verregneten Abend im Juni  Juniabend  angefahren, liegt sie im Koma, kämpft sich zurück ins Leben. Noch auf dem Krankenbett, beginnt sie mit ihrer berührenden autobiografischen  Novelle "Der Ausflug der toten Mädchen", laut  Weidermann ihr kunstvollstes und traurigstes Werk. Rückblickend aus der mexikanischen Gegenwart erinnert sich die Erzählerin an einen Klassenausflug an den Rhein vor dem Ersten Weltkrieg mit Lehrerinnen und Freundinnen, von welchen niemand mehr außer der Erzählerin am Leben ist. Vernichtet durch die nationalsozialistische Terrorherrschaft und den Krieg.

In dem meisterlichen Roman  "Transit", vornehmlich 1940 in Marseille geschrieben und handelnd, verarbeitet Anna Seghers  ihre eigene  gefährliche Fluchterfahrung Anfang der 1940er-Jahre.

In seinem Buch verwebt Weidermann Fakten und Imagination,  schlüpft förmlich in seine Protagonistin.  Er zitiert aufschlussreiche Tagebucheinträge, Briefe und Passagen aus Seghers´ literarischem Werk, umkreist diese mit `Erlebter Rede´, um Gedanken und Gefühle nachzuempfinden. Auffallend sind hierbei der elliptische Satzbau und die zahlreichen rhetorischen Fragen, welche wohl die fragile innere Befindlichkeit spiegeln sollen. Viel Interpretation kommt  hierbei ins Spiel, die Distanz zwischen Erzähler und Figur wird  aufgehoben, sodass  Weidermanns „Brennendes Licht“  nicht als kühle wissenschaftliche Biografie  zu lesen ist, sondern als  biografischer Roman.

Das Licht, das Blau, die Schönheit des Landes verzaubern Anna Seghers. Im Exil in Mexiko weit weg von Moskau, weit weg von Berlin, von all den Zerstörungen, den Toten, den Erinnerungen an die Menschen, die nicht mehr lebten, habe sie eine neue innere Freiheit gewonnen, welche man in  einigen der Bücher heute noch spüren könne, so Weidermann. In Mexiko begegnet sie unter anderem Egon Erwin Kisch, Pablo Neruda, Lenka Reinerová, dem Maler Diego Rivera, dem Ehemann Frida Kahlos, dessen monumentalen politisch-revolutionären Gemälde sie begeistern.

 „Nur die Partei  blieb als Gemeinschaft und Zwangsgemeinschaft und als ideologisches  Zentrum, in dem über Leben und Schicksal und Zukunft der Mitglieder entschieden wurde“, charakterisiert Weidermann die Situation nach Kriegsende. Die Emigrantenwelt sei gefesselt von den Parteimännern, das Klima vergiftet. Angst als beherrschendes Gefühl, Angst vor einem falschen Wort, vor einem falschen Freund, vor irgendeiner Abweichung. Auch Annas neunzehnjähriger Sohn Peter, der „tief verstört von der ideologischen Härte und Unversöhnlichkeit“ ist, muss vor ein Parteitribunal. Die Mutter rät ihm sich anzupassen. Weidermann schildert übrigens im Nachwort eine Begegnung  mit Anna Seghers´ hochbetagtem in Paris lebenden Sohn.

1947 kehrt Anna Seghers nach Deutschland zurück, lässt sich in Ostberlin nieder, um ein antifaschistisches Deutschland mitaufzubauen, wird zur rundum privilegierten Staatsikone.     Die Partei bleibt auf Dauer ihr wichtigster Bezugspunkt. Während die Familie auseinanderfällt. „Vereist“ sei sie mit den Jahren, so Weidermann, der in  seinem Nachwort das weitere Leben Anna Seghers´ skizziert, auf ihre Rolle als Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbandes eingeht, auf ihr Verhalten in der Affäre Walter Janka, dem alten Weggefährten und Leiter des Aufbau-Verlages, der in einem Schauprozess wegen konterrevolutionärer Umtriebe zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt wird. Zusammen mit anderen Kulturschaffenden  ist Anna Seghers im Gericht anwesend.  Die „Genossin“  Anna Seghers schweigt wider besseren Wissens. Sie bleibt auch auf Parteilinie beim Aufstand in der DDR 1953,  1956 in Ungarn,  rechtfertigt den Berliner Mauerbau 1961,  schweigt 1976 zur Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann.

Was nicht verwunderlich ist, so Marcel Reich-Ranicki. Ängstlich habe sie sich gehütet, von der Parteilinie abzuweichen oder das Unrecht in der DDR zu beanstanden, habe es hingenommen, dass gar in den 50er-Jahren ihre in Mexiko geschriebene Erzählung  „Post ins gelobte Land“ wegen  „zionistischer Tendenzen“  nicht veröffentlicht worden ist. Niemals habe sie gegen die Verbrechen Stalins protestiert, ihn in ihrem 1969 erschienenem Roman „Das Vertrauen“ als gütigen Vater der Nationen und Weisesten aller Weisen gefeiert, die brutale Reaktion Moskaus auf den Aufstand vom  17. Juni 1953 verharmlost.  

Allerdings existiert auch eine 500-seitige Stasi-Akte, welche beweist, dass auch die überzeugte Kommunistin Anna Seghers beobachtet wurde. In welcher eine "empörte Haltung der Seghers zugunsten des Janka" festgestellt wird. So soll sie sich für den Nobelpreisträger  und Dissidenten Alexander Solschenizyn, Verfasser des „Archipel Gulag“, eingesetzt haben, hinter den Kulissen für Schriftsteller und Schriftstellerinnen in Schwierigkeiten.  Nie widerspricht sie öffentlich.

 Ihre geistige Heimat, ihr Kompass, ihr Glaube sei der Kommunismus gewesen, schreibt Weidermann.  Alles in allem richtet sie sich in der für sie angenehmen DDR- Realität ein. Ihre Mutter sei "keine Heldin" gewesen, so die Tochter Ruth.  Ähnlich äußert sich Brecht, den sie auf der Reise von Mexiko nach Ost-Berlin trifft:  Sie sei „verängstigt durch die Intrigen, Verdächte, Bespitzelungen“. „Warum hatte sie, gerade sie so viel Angst vor Ulbricht und seinen Vollstreckern?“, fragt  Reich-Ranicki.

Vielleicht war es auch anders? Schlichtweg die Weigerung anzuerkennen, dass die Hoffnung auf einen besseren sozialistischen Staat eine Illusion war, die zum Selbstbetrug wurde? Vor allem auch angesichts dessen, was sie während des sogenannten Dritten Reiches durchleiden musste. Über Anna Seghers´ Gründe lässt sich mutmaßen, jedoch keine eindeutige Antwort finden. Wissen wir doch nicht, was tatsächlich in ihr vorging. 

Das letzte Wort soll darum Marcel Reich-Ranicki haben:  „Was wir in Zukunft über Anna Seghers noch erfahren sollten, unsere Dankbarkeit für ihre besten Bücher hat davon unberührt zu bleiben.“

 

Volker Weidermann

Brennendes Licht. Anna Seghers in Mexiko

Gebunden mit Schutzumschlag, 186 Seiten

Aufbau Verlag

 

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Aalener Kulturjournal