Volker Weidermann: "Träumer"

Als die Dichter die Macht übernahmen

(AK) Im November 1918 nach dem Ende des Ersten Weltkrieges hat die Monarchie ihren Rückhalt verloren. Die Bevölkerung ist kriegsmüde. Von Russland her weht der Geist der Revolution. Am 7. November 1918  erreicht die Revolution München.

In seinem neuen Buch "Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen“ erzählt der Literaturkritiker Volker Weidermann über die Münchener Räterepublik, über diese "Weltsekunde der Literatur an der Macht". Ein Geschehen, das zu den wenig bekannten, historischen Ereignissen gehört.

Protagonisten  sind Karl  Eisner, Ernst Toller, Gustav Landauer, Oskar Maria Graf, Klabund, Thomas und Heinrich Mann.  Hermann Hesse, Erich Mühsam und Viktor Klemperer. Auch Ret Marut, bekannter unter B. Traven. Namen, welche man aus der Literaturgeschichte kennt. Sie alle erleben diese Tage und schreiben darüber. 

In der Nacht zum 8. November ruft der bekannte Journalist  und Publizist Kurt Eisner, Führer der Unabhängigen Sozialisten, den "Freien Volksstaat Bayern" aus und sich als den ersten Ministerpräsidenten.  "Die Dynastie der Wittelsbacher ist abgesetzt", verkündet er.  Die Macht, so Weidermann, falle Eisner und seinen Leuten einfach zu. Alle politisch unerfahren, grenzenlos naiv und heillos überfordert. Aber berauscht von ihren Ideen und Worten. Die Wittelsbacher, welche seit 900 Jahren ununterbrochen den König stellen, räumen kampflos das Feld, fliehen nach Österreich. 

Ein Traumreich der Freundschaft

Jedes Künstlerlokal in München wird zum Revolutionslokal. Der "bärtige Guru" Kurt Eisner, umstritten als "Schwärmer", "Fantast" und "schöngeistiger Literat", ist ein mitreißender Redner. Als Kriegsgegner liegt er mit der SPD, der "Kriegspartei", über Kreuz. "Die ersten Tage waren Karnevalstage der Demokratie", ist bei Weidermann zu lesen. Thomas Mann, den Weidermann ausführlich zu Wort kommen lässt, fürchtet angesichts der revolutionären Turbulenzen zu verarmen. Gleichzeitig entlarvt er sich in seinen Tagebucheinträgen als wahrer Opportunist. Der sensible Rainer Maria Rilke leidet "leise" an "zu viel Weltgeschehen", wird in den Wochen nach der Revolution noch deprimierter, denn er sieht überall nur "Dilettantismus und Eigensinn." Ernst Toller, hochemotional, psychisch labil, wütet, schimpft, für die große Idee. 

 Im Regierungsprogramm Kurt Eisners steht an oberster Stelle die Forderung nach "permanenter Mitbestimmung aller an allem". Richtungskämpfe sind so vorprogrammiert: "Die Mehrheitssozialisten wollen nur ein ordentliches Parlament, die Kommunisten und Anarchisten, aber auch Teile seiner eigenen Partei, der USPD, wollten nur die Räte." Mit viel Sympathie beschreibt Volker Weidermann Kurt Eisner. "Ein Ministerpräsident aus dem Traumreich der Freundschaft." Dessen Vision: Ein  "Künstlerstaat", in welchem die Massen mithilfe der Kunst erzogen werden sollen. Tatsächlich glaubt er, die Arbeiter würden sich nach Gedichten und Theater sehnen. Unter seiner Führung solle sich die Linke vereinigen, um eine neue Welt zu schaffen, ein beständiges, kontroverses, gutwilliges Miteinander  unter Gleichen. Ein ungeheuer idealistisches Menschenbild. Die Desillusionierung folgt aber rasch. Die Wirklichkeit: Gruppierungen von ganz links bis ganz rechts bekriegen sich hasserfüllt, gegeneinander wie untereinander mit unterschiedlichen Allianzen. 

Von Glückssuchern, Heilssuchern und Utopisten

Dann im Januar für Eisner ein  vernichtendes Wahlergebnis: nur zweieinhalb Prozent. Fortan wird  der "Berliner Jude Eisner"  voller Hass verhöhnt, mit dem Tod bedroht.  Auch von ehemaligen Weggefährten. Gehasst auch, weil er an der deutschen Kriegsschuld nie einen Zweifel lässt.   Ein "Politdrama", die Spötter sprechen von einer "Komödie". Eisner scheitert.

Zudem will das  Volk nicht umerzogen werden, sondern ein besseres Leben, ganz profan Nahrung, Wohnungen und Arbeit. 4000 Arbeitslose demonstrieren zum Beispiel am 7. Januar für eine Erhöhung der Arbeitslosenunterstützung. Volk und Regierung leben in verschiedenen Welten. Am 21. Februar wird Eisner, durch zwei Schüsse in den Hinterkopf ermordet.

Unverhohlen die Reaktion des  Münchner Bürgertums. "Die Schulkameraden unserer Jungen haben bei der Nachricht applaudiert und getanzt", notiert Thomas Mann.   Beim Staatsbegräbnis am 26. Februar geben Hunderttausende Eisner, der nach seiner Ermordung zum Heiligen stilisiert wird,  das letzte Geleit. Auch der kleine Gefreite Adolf Hitler nimmt teil, obwohl er später anderes behauptet. Damals trägt er noch die "rote Armbinde".

Das Attentat ist der Auftakt zur zweiten, wesentlich radikaleren Phase der bayrischen Revolution. Schüsse auf Auer, der Landtag wird aufgelöst, die Räterepublik ausgerufen. Ohne großen Rückhalt in der Bevölkerung, München wird zum Mekka von "Glückssuchern, Heilssuchern und Utopisten". Sogar Spielfeld russischer Berufsrevolutionäre, die als "dreiste neue Herrscher" auftreten. Eine höchst explosive Mischung.

 

Die Räterepublik eine politische Groteske?

Neuer Vorsitzender des Zentralrats ist nun der Schriftsteller Ernst Toller. Ministerposten, sogenannte "Volksbeauftragte", werden vergeben. Auch an zwielichtige  Charaktere:  das Verkehrswesen an einen Landstreicher, das "Heerwesen" an einen ehemaligen "verschlagenen" Kellner, an einen "fanatischen Bauernbündler"  die Landwirtschaft.

Panik bricht unter  den Vermögenden aus, da die "systemlose Papiergeldwirtschaft" abgeschafft, Vermögenssteuer eingeführt, größere Vermögen enteignet werden sollen. Dazu noch Grundrenten für Mütter, Abschaffung der Hausaufgaben, Öffnung des Bildungssystems, Beschlagnahme freier Wohnungen für Bedürftige. Vieles mutet recht modern an.

"Träumer“ ist kein historisches Sachbuch, betont Volker  Weidermann. 

Drei Jahre lang durchforstet er eine enorme Materialfülle: Dokumente, Zeitzeugenberichte, Tagebucheinträge. Ohne diese zu deuten. Historikern habe er allerdings den Roman zum  Probelesen vorgelegt, sodass die Fakten stimmen. Subjektive Wahrheiten spiegeln  sich in  schnell aufeinanderfolgenden Episoden aus unterschiedlichen Perspektiven, ein Kunstgriff, welche das ganze Chaos jener Tage erzählerisch umsetzt. So ist für Ernst Niekisch die Räterepublik eine ""politische Groteske", für Toller aber ein "tollkühner Handstreich verzweifelter Arbeitermassen". Die wiederum einen Ernst Mühsam schon mal von der Bühne jagen, weil er überall und ständig seine Revolutionshymnen deklamiert. Wie auch Arbeitersöhne die Revolutionäre  verhaften, totschlagen,  erschießen,  als die gegnerischen "Weißen" einmarschieren.

Das Höllentor geöffnet

Schließlich endet das sozialistische Experiment mit einem Blutbad, Nährboden für den Nationalsozialismus. "Das Höllentor ist auf", schreibt der Autor treffend.

Mehr als 2000 tatsächliche  oder auch nur vermutete Anhänger der Räterepublik werden ermordet, von Standgerichten zum Tode oder zu langen Haftstrafen verurteilt. Darunter Landauer, Strasser. Toller hat mehr Glück. Für sein Leben bürgen Thomas Mann und Max Weber.

Volker Weidermann romantisiert in dem äußerst lesenswerten Buch  seine Protagonisten zu sehr. Das letzte Wort soll deshalb Stephan Zweig haben, der in seiner Studie  zu Joseph Fouché, dem Revolutionär und Royalisten, Kommunist und Millionär, vor politischen Heilsbringern warnt. "Immer wird es gerade der reingläubige, der religiöse, der ekstatische Mensch, der Weltveränderer und Weltverbesserer sein, der in edelster Absicht Anstoß gibt zu Mord und Unheil, was er selber verabscheut."

 

Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen.

Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2017. 288 Seiten. 22,00 Euro.

 
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Aalener Kulturjournal