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Uwe Wittstock "Februar 33 - Der Winter der Literatur"

Eindringlich und beängstigend: Von der Weimarer Republik zur Diktatur

 „Zwischen dem Regierungsantritt Hitlers und der `Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat´, die alle wesentlichen Bürgerrechte außer Kraft setzte, vergingen vier Wochen und zwei Tage.“  Ein Monat genügte also, um einen Rechtsstaat in  eine Diktatur zu verwandeln.

Auf der Grundlage von teils unveröffentlichtem Archivmaterial  schildert Uwe Wittstock  in seinem Buch „Februar 33. Der Winter der Literatur“, wie rasant das kulturelle Leben der Weimarer Zeit vernichtet wird. Unmöglich sei es, nachzuzeichnen, was Schriftstellern und Künstlern damals widerfahren sei.

„Thomas Mann, Else Lasker-Schüler, Bertolt  Brecht, Alfred Döblin, Ricarda Huch, George Grosz, Heinrich Mann, Mascha Kaléko, Gabriele Tergit, Gottfried Benn, Klaus und Erika Mann, Harry Graf Kessler, Carl von Ossietzky, Carl Zuckmayer oder die Akademie der Künste in Berlin – sie alle die hier auftreten , sind nur Beispiele:“  Ihre Schicksale stünden   stellvertretend für alle Verfemten, so der Autor in dem Vorwort. Ein Gesamtpanorama wäre zu groß für jedes Buch. Am Ende des Buches skizziert der Autor den weiteren Lebensverlauf der vorkommenden Personen.

Chronologisch  geordnet, klar und sachlich stellt er die Geschehnisse dar,  zeigt, wie von Tag zu  Tag die Situation auswegloser wird.  „Für alles, was hier erzählt wird, gibt es Belege.“ Das politische und gesellschaftliche  Geschehen rauscht  im Hintergrund. Geschildert wird, wie aufgeheizt das Klima  in Deutschland ist. Auf den Straßen liefern sich Rechte und Linke blutige Kämpfe. Überfälle auf Veranstaltungen Andersdenkender sind an der Tagesordnung. Nicht selten werden dabei Unbeteiligte getötet. Aufgehetzte Bürgerinnen und Bürger mutieren zum „Lynchmob“.

Der „Tatsachenbericht“ beginnt mit dem Presseball, ein Tag vor Adolf Hitlers Ernennung zum  Reichskanzler. Auch die beim Ball anwesenden Herren legen wieder Wert auf ihre militärische Vergangenheit, sichtbar an den an ihrer Brust prangenden Orden. Dreh- und Angelpunkt während des Balls ist der renommierte Ullstein Verlag, Europas größtes liberal ausgerichtetes Verlagshaus, das für den Geist der Weimarer Republik steht. Die angesehensten Autorinnen und Autoren, wichtige Werke sind im Text erwähnt, veröffentlichen bei Ullstein. Nach der Reichstagswahl wird der Verlag von den neuen  Machthabern „arisiert“.

Zielgerichtet agiert der „österreichische Gefreite“, avanciert zum „Führer“ der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), der stärksten Fraktion im Reichstag. Unterstützt von Strippenziehern aus Politik und Wirtschaft. Erzählt wird, wie Hitler sofort Neuwahlen anstrebt, verspricht er sich doch die absolute Mehrheit. Die Rechnung wird aufgehen. Das Volk feiert den „frisch ernannten Kanzler mit der stramm erhobenen Rechten und ekstatischem Geschrei.“  Braunhemden  marschieren durch das Brandenburger Tor, illuminiert von Fackeln. 

Ein Hexenkessel. Das NS-Regime zerschlägt unverzüglich die politischen und kulturellen Institutionen. Während die Ereignisse eine Dynamik entwickeln, reagieren die Kulturschaffenden  unterschiedlich auf den nationalsozialistischen Herrschaftsanspruch. „Völkisch“ gesinnte  kooperieren   aus  Überzeugung, andere aus Opportunismus, wieder andere gehen in die  Innere Emigration oder ins Exil. Viele der Verfemten verelenden, sterben auf der Flucht, begehen Selbstmord, werden gemartert, ermordet. Einige kehren nach dem Ende des sogenannten Dritten Reichs" nach Deutschland zurück, jedoch gelingt es den meisten nicht, an die einstigen Erfolge anzuknüpfen.

Aus der umfangreichen Monatschronik seien hier einige Beispiele genannt .Bereits zu Beginn der NS-Regimes verlässt Erich Maria  Remarque Deutschland, „das ihm immer fremder wird“.  Vicki Baum kehrt aus den Vereinigten Staaten nicht zurück. Der hellsichtige Joseph Roth schreibt am 30. Januar an Stefan Zweig: “Die Hölle regiert.“ Roth wird sich im französischen Exil zu Tode trinken, während Zweig in Brasilien den Freitod wählt. Beide verzweifeln an der barbarischen Realität. Klaus Mann, der Hitlers Machtübernahme nie für möglich gehalten hätte, sorgt sich um seinen Vater Thomas. Dieser bleibt anfangs „ruhig und souverän“, wird dann zunehmend panisch. Der renommierte Theaterkritiker  und Feuilletonist  Alfred Kerr, am 14. Februar von einem Polizisten gewarnt, flieht.  Als Heinrich Mann, Präsident der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste, am 15. Februar von den Nationalsozialisten zum Austritt gezwungen wird, tritt die mutige und unbestechliche Ricarda Huch aus Protest aus. Am 28. Februar wird Carl von Ossietzky verhaftet. Marieluise Fleißers Bücher stehen auf der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“. Bertolt Brecht und Helene Weigel fliehen über die Sowjetunion in die Vereinigten Staaten.

Am 10. Mai 1933 brennen schließlich in ganz Deutschland die Scheiterhaufen mit den Werken unliebsamer Autorinnen und Autoren, auf Schwarzen Listen  stehen die   „verbrennungswürdigen“ Bücher.

Eine Gemengelage verschiedener Faktoren hat zum Ende der Weimarer Republik geführt, wie  Uwe Wittstock im Vorwort umreißt. Parallelen zur unserer krisengeschüttelten Gegenwart sehe er durchaus, zum Beispiel  die wachsende Spaltung der Gesellschaft, die Dauerempörung, das Erstarken extremistischer Kräfte. Und die Schwäche der bürgerlichen Mitte. Sein Buch „Februar 33. Der Winter der Literatur“  zeige auch, was nach einer politischen Fehlentscheidung mit einer Demokratie geschehen könne. Ein brillantes Buch liefert Uwe Wittstock, spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Für die, die sich noch eingehender mit der Thematik beschäftigen wollen, findet sich im Anhang eine Auswahl der Werke, die der Autor verwendet hat.

 

INFO

 

Uwe Wittstock 

Februar 33. Der Winter der Literatur

Verlag C. H. Beck

28 Abbildungen

 

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Aalener Kulturjournal