Yael Inokai: "Mahlstrom"

Die Geschichte sechs junger Menschen aus einer Dorfgemeinschaft 

"Ungeheuer ist vieles, aber nichts ist ungeheurer als der Mensch" , verkündet der Chor in Sophokles´ antiker Tragödie "Antigone". "Mahlstrom", Yael Inokais zweiter Roman, vorab schon gesagt  ein kleines Meisterwerk von großer poetischer Eindringlichkeit, lässt sich als Illustration dieser überzeitlichen Aussage verstehen. Ein "Mahlstrom" ist eigentlich ein Gezeitenstrom mit gefährlichen Wasserwirbeln in Norwegen. Nicht ohne Grund trägt das Buch diesen Titel. Verhalten und gleichzeitig distanziert erzählt die Autorin von  einer ungeheuerlichen Begebenheit.

Barbara, zweiundzwanzig Jahre alt, hat sich im Fluss ertränkt. Ihr Bruder  Adam, ihre Freundin Nora, und Yann, der Außenseiter,  einstige Schulkameraden, umkreisen rückblickend ihren Tod, versuchen eine Antwort auf das Warum zu finden. Yael Inokais Roman entkräftet den  Mythos von der Unschuld der Kindheit. Eine Gruppe von sechs Jugendlichen, Jungen  wie Mädchen, wächst auf in der Enge eines abgeschiedenen Dorfes, weitgehend sich selbst überlassen, unbeobachtet durch die Erwachsenen.  Atmosphärisch dichte Landschaftsbeschreibungen verbunden mit der Gewaltthematik gestalten den Grundton.

Eine Gemeinschaft mit fester Hackordnung

Die Kinder jagen, hetzen lustvoll über die Felder. Kinderstreiche, Mutproben, Sticheleien und Gemeinheiten. Für sie die absolute Freiheit. Sie bauen Machtstrukturen auf, den Gesetzen des Dschungels ähnelnd, in denen Starke die Schwachen drangsalieren. Niemand setzt ihnen Grenzen. Die Gruppe im Dorf mit ihrer Hackordnung, ein  geschlossenes System, für das Opfer unmöglich aus dessen Machtkreislauf zu entkommen. Feindselig begegnen die Kinder Yann, dem Eindringling aus der Stadt. Klein, zart, feminin wirkend, ein Makel in Augen der Dorfbuben, wird er zur Zielscheibe. Dazu die erwachende Sexualität. Homoerotische Neigungen kommen hinzu; abgewehrt durch eine barbarische Gewalttat. Objekt der Begierde ist der mädchenhafte Yann. Yann wird ausgegrenzt, gedemütigt, von der Gruppe zum Opfer gemacht, schließlich halb totgeschlagen. Lapidar heißt es, leider tue er ihnen nicht den "Gefallen" zu sterben. Die  Gewalttat überlebt er nur knapp, körperlich und seelisch  für immer gezeichnet. Das Verbrechen wird vertuscht und totgeschwiegen. Ins Rollen kommt die Vergangenheit erst nach dem Suizid Barbaras.

"An den Waden gepackt und kopfüber  wie ein Sack Kartoffeln ausgeschüttet zu werden, gehört zur Kindheit wie das Verlieren der Milchzähne."  

Das Geschehen wird aus den Perspektiven von drei Personen erzählt: von Adam, dem Bruder Barbaras, von  Nora, der Freundin und Yann, dem Opfer.  Abwechselnd, teils sich überschneidend.  Die Sprache ist schlicht, unaufgeregt, aber umso eindringlicher. Barbara sei kein einfacher Mensch gewesen, anderen Menschen habe sie keinen Platz gelassen, meint ihr Bruder, welche ihn in ihrem Abschiedsbrief, wissen lässt: "Ich denke, es wäre mehr möglich gewesen." Was schreibt sie nicht. So gibt der Roman auch keine Antwort auf Barbaras Freitod.

Unweigerlich fällt einem William Goldings berühmter Romans „Herr der Fliegen“ ein, der schildert, wie Kinder und Jugendliche sowohl grausame sadistische Taten verüben. Der „Herr der Fliegen“ ist der Teufel höchstpersönlich, Sinnbild des Bösen.  So fallen auch die kleinen Teufel über ein wehrloses Geschöpf her. Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, sieht die Kultur und Zivilisation nur als dünne Schicht, die jeden Augenblick von destruktiven Kräften zerrissen werden kann. Sobald Ordnung, Recht und Gesetz sich zurücknehmen, entsteht ein Vakuum. Dann heißt es: Bühne frei für das Gemetzel! Zuerst dran sind die Schwachen oder die als minderwertig Deklarierten.  

Gewaltvermeidung durch Erziehung

Eine Gesellschaft, die zivilisiert zu sein glaubt, tut sich mit dieser Tatsache schwer. Kinder sind weder die reine Unschuld noch ausschließlich Opfer falscher Erziehung. Aggression ist nicht per se böse, sondern der Mensch hat sie in sich als Verhaltensmuster. „In uns allen steckt der Wunsch, uns selbst zu behaupten. Wenn uns jemand zu nahe kommt, reagieren wir. Menschen wollen leben, überleben und ihre Interessen sichern. Das heißt aber noch nicht, grausam oder sadistisch zu agieren“, erklärt treffend der Soziologe und Pädagoge Lothar Krappmann.

Aufgabe der Erziehung ist es  aber, ein zurückhaltendes Verhältnis zur Gewalt zu vermitteln. Mit allem, was der Mensch tut, steht er im Spannungsfeld von "Gut" und "Böse". Kontrovers debattiert, seit Kain seinen Bruder Abel ermordet hat. Die Antike macht die Götter verantwortlich für das "Böse", das Mittelalter Satan, seit Rousseau ist es die Gesellschaft. 

Heute ist die Humangenetik der Ansicht, dass ein vielschichtiges Zusammenwirken von Veranlagung, Umwelteinflüssen, Erziehung und Lebensweise das menschliche Verhalten prägen. Und damit das Verhältnis zur Gewalt. Ein höchst brisantes Thema!

Yael Inokai, 1989 geboren in Basel, studierte in Basel und Wien Philosophie. Seit 2014 Studiengang Drehbuch an der Deutschen Film- und Fernsehakademie, Berlin. Publikationen in diversen Literaturzeitschriften.

 

Inokai, Yael:

"Mahlstrom"

Edition Blau (Belletristik im Rotpunktverlag)

 
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Aalener Kulturjournal