1.Aalener Boogie Nacht im Ostertag

Boogie und kein Ende

Achtung Legende! 1938 fand in New Yorker Carnegie Hall eine großes Boogie Woogie Konzert statt. Die beteiligten Musiker sollen ihr Publikum derart in Ekstase  versetzt haben, dass einige an den Kronleuchter hängend im Rhythmus der Musik schaukelten. Wie gesagt , so erzählt man sich. Keine Legende hingegen die Begeisterung der Zuhörer bei der "1. Aalener Boogie Nacht". 

Dazu vielleicht noch eine Anmerkung:  Wer in und rund um Aalen "Boogie" sagt, meint in der Regel Claus Wengenmayr, ist doch der Pianist der ausgesuchte Kenner dieses Klavierstils. "Ich habe vor langer Zeit diese Musik eher zufällig gehört und bin seitdem davon begeistert." Erlernen wollte er die Spieltechnik, die fast ganz aufs Pedal verzichtet, aber nach viel rhythmischem Feingefühl verlangt und nach noch mehr Highspeed-Potential in allen zehn Fingern. Seinen Meister fand er im Freisinger "Vintage-Blues und Boogie Piano"-Spezialisten Christian Christl. Genau der war am Samstagabend zusammen mit Mundharmonika-Spieler Christian Noll im Clubraum des Ostertag-Komplexes. Mit dabei Schlagzeuger Günter Käszmann.

Eine Boogie-Night sollte es werden. Eine, wie sie in vielen anderen Städten von Hamburg bis München längst etabliert ist. Für Aalen sollte es die erste sein, verbunden mit dem Versprechen weitere folgen zu lassen. Das passt zum gegenwärtigen Kulturaufschwung in der Stadt, dennoch hatte Initiator Claus Wengenmayr ein gewisses Bauchgrimmen, da er eine eher bescheidene Resonanz befürchtete. Er sollte sich irren. Obwohl der Vorverkauf sich tatsächlich  als schleppend erwies, waren am Abend überraschenderweise fast alle Eintrittskarten verkauft. Junge und etwas in die Jahre Gekommene, Frauen und Männer wollten eine halbe Nacht miterleben, ob der Rhythmus, bei dem man mit muss, auch auf den Boogie zutrifft.

Flink wie ein Eichhörnchen

Die Antwort folgte auf den Fuß und zwar zu 150 Prozent! Als Quartett gaben die Boogieisten einen kleinen Vorgeschmack, auf das, was kommen sollte. Danach setzte sich Claus Wengenmayr an eines der Klaviere und zelebrierte einen Boogie. Einen besonderen, nämlich den "Maple Leaf Rag". Mehr an Ragtime erinnernd, an Westernsalonmusik schließlich ist das Stück Anno 1899 geschrieben.

In Wengenmayrs Version klingt es erstaunlich modern. Dann ein Muss: der "Schwabenboogie"! Erst danach gibt es einen richtigen, der den entsprechenden Namen trägt, den "Swanee River Boogie" aus den 1920er Jahren. Dazu wurde übrigens flott getanzt.  Nachzulesen in Brigitte Riebes empfehlenswerter Trilogie "Die Schwestern vom Ku´damm" (siehe Literatur im Aalener Kulturjournal). Wie der Eingangsrag, so stammt auch das Finale der Boogie-Night-Aufwärmphase vom amerikanischen Ragtime-Komponisten Scott Joplin.

Claus Wengenmayr spielt dabei ganz nah am Original, betont die darin verborgenen Elemente romantischer Klaviertradition und bringt sie in Einklang mit afroamerikanischer Folklore, Ein Boogie, so flink wie ein Eichhörnchen, eine dichte Musik voller Miniaturen.

Den Boogie in Reinform präsentierten im zweiten Teil Christian Christl und Christian Noll. Vintage  Boogie, der immer wieder auch an die Filmmusik "Die kleinen Strolche" erinnert. Die 1920er Jahre eben. Besonders ansprechend aber die Harmonien des Blues, die rollenden Bässe, das Trillern und die Tremoli. Solcherart Musik begeistert das Publikum im Handumdrehen, motiviert zu Zwischenapplaus. Nicht zuletzt, da das Tempo im Vergleich zum Blues hörbar gesteigert wird und dem Pianisten einiges an  technischen Fähigkeiten abverlangt. Wobei zugegebenermaßen Christian Noll mit seiner virtuos gespielten Harp die unerlässliche Prise Bluesfeeling beisteuert.

Honi soit qui mal y pense

Christian Christel hingegen ist der Boogieman, der mit Schiebermütze und passender Kleidung die "Goldenen 20er Jahre" verkörpert.  Dazu gehört selbstredend die Frontwand des Pianos zu entfernen, um den Blick auf Saiten und Hammermechanik zu ermöglichen. Die Namen der Lieder sind so fantasievoll, wie sie auch heute noch in Rock und Pop sind: "Boogie für Louis", "Pinetops Boogie Woogie" und "Boogie Woogie Dream". 

Das ist freilich Schall und Rauch, und dass sich die Lieder mit  zwischenmenschlichem Beziehungsgeflecht beschäftigen, überraschte wenig: "When something ist Wrong with my Baby". Da muss Christian Christl erklären: "Boogie Woogie ist die Beschreibung einer Technik zur Erhaltung der menschlichen Rasse." Honi soit qui mal y pense, kann man dazu nur sagen.

Glücklicherweise passt dann wieder Christls eigene Widerrede zum großen Thema: "Eigentlich gibt es beim Boogie Woogie ja gar keine Titel." Na also. Wie denn auch sei, die Premierenbesucher der 1.Aalener Boogie Nacht waren von der Musik regelrecht euphorisiert. Nicht ganz so wie in der Carnegie Hall, vielleicht auch nur, weil es im Clubraum keine Kronleuchter gibt, aber es wurde fleißig mit den Fingern geschnippt, rhythmisch geklatscht und mit den Füßen gewippt. Ausschließlich gut gelaunte Gesichter blickten am Ende denn auch ins Rund, in dessen Mitte - alter Tradition gemäß - die Musiker saßen. Keine Bühne sorgte für Abstand. Nur der kleine Leerraum zwischen den Stuhlreihen und dem Piano blieb ungenutzt. Eigentlich hätte man ihn für Boogie-Woogie-Tanzschritte entern können, doch das traute sich an diesem ersten Boogie-Abend niemand.  Dennoch gab sich Claus Wengenmayr mit seinem Publikum zufrieden: "Das sind die richtigen Zuhörer für richtig handgemachte Musik."

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Aalener Kulturjournal