Atif Gülücü: Kunstinstallation und Performance

50 weiße Rosen für Frieden und Zukunft

"Es gibt Maler, die die Sonne in einen gelben Fleck verwandeln. Es gibt aber andere, die dank ihrer Kunst und Intelligenz einen gelben Fleck in die Sonne verwandeln können". Ein Zitat von Pablo Picasso. Eines, das ganz gut auf die gegenwärtige Kunstaktion des Preetzer Künstlers Atif Gülücü passt. Im Aalener Stadtgarten arbeitet er seit knapp 14 Tagen  an einer Installation, die sich "50 weiße Rosen für Frieden und Zukunft" nennt.  Entstehen soll hier kein Wischiwaschi-Kunstwerk, kein inhaltsleeres Gepinsel, keine Sandaufschüttung, nicht einmal ein Scherbenhaufen.

Frieden und Zukunft seien zu wichtig, um sie lapidar abzuhandeln, meint Gülücü. Gehe es doch um Themen, die eine vielfältige Interpretation erlauben und bei den Zu- und Widerspruch ganz nah beieinander lägen. Das ist freilich nicht neu, auch Künstlerkollege Pablo Picasso stellte schon "Frieden und Freiheit" in den Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens und seine Friedenstaube - Symbol der Friedensbewegung -  rief immer auch Kritiker mit auf den Plan.

 

Keine weiße Taube, weiße Rosen sollen es sein, die am Sonntag bei der "Ausstellungseröffnung" eine tragende Rolle spielen. Seit Jahrhunderten symbolisiert Weiß in unserem Kulturkreis Unschuld und Reinheit, aber Verzicht und Abschied. Der in Antakya geborenen Künstler will die weißen Rosen bewusst in diesem Kontext sehen, geht es ihm doch - unabhängig von den momentanen Flüchtlingsdramen im Mittelmeer  - um alle Menschen, die gezwungen werden, ihre Heimat zu verlassen. Deren unstillbare Sehnsucht nach einem Leben in Frieden und Freiheit will Atif Gülücü in der weißen Rose erkennen.

Ein durchaus idealistisches Bild.

Vor zwei Jahren installierte er im Rathausfoyer seine "Blumenwiese", eine Materialcollage, die dem bevorzugten gestalterischen Prinzip des Künstlers folgt, alltägliche, einfache, auch gebrauchte Materialien neu zu sehen und in andere Zusammenhänge zu bringen. Die damaligen "Blumen" aus Kaffeefilter, Kaffeesatz und filigranen Drahtstängeln werden nun durch dünne Baumstämme ersetzt. Im Stadtgarten liegen sie noch roh in Reih und Glied gestapelt. Zwei Drittel sollen Weiß und Blau angestrichen werden. Unübersehbar eine Heidenarbeit, aber nicht nur mit Blick auf diese Malaktion, es müssen schließlich noch 50 Flaschen vorbereitet werden, die sowohl Teil der Installation wie auch einer Performance am Sonntagmorgen werden sollen. Glücklicherweise gibt es in Aalen engagierte Lehrkräfte und kunstbegeisterte Schüler! Beides fand Atif Gülücü an der Schillerschule. Überraschend ruhig geht es im Zimmer der Klasse 3b zu. Ein kurzer Blick offenbart, die Kinder sind hochkonzentriert bei der Arbeit. Aus Zeitschriften schneiden sie Fotos aus , kleben diese auf die Flaschen. Jede einzelne stehe symbolisch für ein Leben, erklärt Klassenlehrerin Sabine

Hahn. "Jede kann somit eine Lebensgeschichte erzählen", ergänzt der Künstler, ohne allzu viel verraten zu wollen.

Den Schülern ist derweil ihre kleines Kunstwerk wichtig. Sorgfältig arbeiten sie daran, schließlich sollen diese Teil eines großen werden.

Gibt es Fragen, rufen sie mit "Hey Künstler!" Atif herbei. Keine Frechheit, sondern ein Angebot von Atif Gülücü, da sein Nachname schwierig auszusprechen sei. Und da er die der Kinder nicht alle im Kopf hat, spricht er sie mit "Prinzessin" beziehungsweise "Prinz" an. Das gefällt beiden Seiten, schafft Atmosphäre. So einträchtig, motiviert und engagiert kümmern sich Neunjährige sonst eigentlich nicht um moderne Kunst.  Durch Atifs sympathische Art   seien die Schüler richtig begeistert bei der Sache, bestätigt Sabine Hahn. Gülücüs Intention von Friede, Freiheit und Integration spiegle sich überdies auch in ihrer Klasse wider. Die viele Herkunftsländer und Sprachen der Kinder sprechen Bände.

Die Kunstaktion im Klassenzimmer ist freilich nicht der einzige Beitrag. Auch im Stadtgarten dürfen die Schüler ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Baumstämme müssen Blau eingefärbt werden. Die Vielfalt wird hier auf humorige Weise unübersehbar, denn manch ein junger Künstler greift zum Pinselchen, andere tragen die Farbe mit dem Farbroller auf und die "jungen Wilden" greifen gleich mit bloßen Händen in den Farbeimer.

Eine Rose ist bekanntlich eine Rose, doch Blau muss nicht immer Blau sein. Manchmal schimmert´s eher violett. "Gefällt mir eben besser", erklärt ein Schüler.

Atif Gülücü nimmt´s gelassen, er schreibt schließlich auch  die künstlerische Freiheit groß. Was mit all den blauen, weißen und braunen Baumstämmen nun geschehen soll und was es mit dem gelben Leintuch auf sich hat, damit will er allerdings nicht so recht herausrücken.

Strand, Meer, Flucht - sagt er knapp und zieht mit einer Schnur einen weiten Kreis in die Wiese. Baumstamm um Baumstamm legt er sorgfältig bedenkend rund um die gelbe Leinwand, dem Symbol für die Sonne. Am Sonntag will er aber alles genau erklären und in einer Performance Friede, Freiheit, Integration und eine positive Zukunft künstlerisch näher beleuchten. Und die 50 weißen Rosen mit ins Spiel bringen. Eine Kunstaktion, auf die man gespannt sein darf.

 

INFO

Atif Gülücü

"50 Rosen für Frieden und Zukunft"

Sonntag, 14. Juli (11 Uhr)

Stadtgarten Aalen

 

"50 weiße Rosen für Frieden und Zukunft" findet im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Ost-West" statt. Das Projekt behandelt das Thema Flucht nach Deutschland über Luft- und Wasserwege. Organisiert wird es vom Kulturamt und dem Integrationsteam der Stadt Aalen.

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Aalener Kulturjournal