150 Jahre katholische Kirchenmusik in Aalen

Von den große Emotionen des Lebens und den Geheimnissen des Daseins

Welch eindrucksvolles Bild! Die Salvatorkirche (fast) bis auf den letzten Platz belegt, erinnert mehr an Ostern oder Weihnacht. Doch mitten im Sommer sorgt der 150. Geburtstag der katholischen Kirchenmusik in Aalen für solch überragenden Zuspruch. Pfarrer Wolfgang Sedlmeier blickte zunächst zurück auf den Beginn der Chormusik, in eine Zeit, als die katholische Kirchengemeinde mehr einer versprengten Diaspora glich. Erst durch die Kriegsflüchtlinge Ende der 1940er Jahre und die Arbeitsmigranten der 1960er Jahren wuchs die Gemeinde zahlenmäßig. Was in all der Zeit verbunden habe, sei der christliche Glaube, so Pfarrer Sedlmeier. Seine Hoffnung, dass die Menschen auch heute wieder im Glauben zusammenfänden.

Die Geburtstagsglückwünsche der Stadt überbrachte Oberbürgermeister Thilo Rentschler. Ausdrücklich lobte er das Engagement der Chöre, da Kirchenmusik ein unentbehrlicher Bestandteil kirchlichen Lebens sei. "Das ist Musik voller Emotionen", hob Rentschler hervor, der mit Blick auf die Geschichte dem Gedanken an eine Diaspora eine Absage erteilte, da die katholische Gemeinde längst doppelt so viele Kirchenmitglieder aufweisen könne als die evangelische.  

Dessen ungeachtet sorgte das Geburtstagsständchen  für eine außergewöhnliche Ökumene, fanden doch eigens dafür die Kirchenchöre von Salvator, St. Marie, St. Bonifatius und der Stadtkirche zusammen. Gelebte Ökumene, um - wie Pfarrer Sedlmeier bereits im Vorfeld betonte - über die Musik große Emotionen des Lebens und die Geheimnisse des Daseins auszudrücken.

Da kommt zusammen, was zusammengehört

Dem gerecht zu werden, hatten sich die Chorleiter Cornelia Hirsch (Frauenchor und Kirchenchor St. Bonifatius), Hans-Peter Haas (Salvator), Ralph Häcker (Marienkirche) und Thomas Haller (Aalener Kantorei) und ihre nahezu 200 Sängerinnen und Sänger zusammengetan und sich mit dem Aalener "Ensemble Variable" verbündet, einem Orchester aus Berufs- und Hobbymusikern. Und mit drei Profi-Solisten, die allesamt über gute Erfahrungen in geistlicher Musik verfügen. Den Aalener Kirchenmusikfreunden bestens bekannt:  Sopranistin Natascha Schnur und Bass Andreas Steinhauer sowie Tenor Georg Kalmbach.

Einleitend auf dem Programm, Charles Gounods große "Cacilienmesse". Eine treffliche Wahl, schließlich ist diese "Messe solennelle en l'honneur de Sainte-Cécile" der heiligen Cäcillia, der Schutzpatronin der Kirchenmusik, gewidmet. Zur Freude der Konzertbesucher, trumpft doch Gounod nicht nur mit üppigem Orchesterklang, vielstimmigem Chorgesang und dreier Solostimmen, die immer wieder auch als Ensemble glänzen, auf. Überdies folgt die "Messe" den nach wie vor gerne gehörten romantischen Vorgaben ihrer Zeit. Besonderen Ausdruck findet dies in einer vom "Ensemble Variable" fast kammermusikalisch überhöhten "Offertoire", der instrumentalen Einstimmung auf das nachfolgend gesungene Kyrie, Gloria und Credo.  Den bestimmt indes ein gewaltiger Stimmen-, und Orchesterklang, der die Zuhörer regelrecht überwältigt.

Pianissimo und Forte

Eine großartige Leistung der Chöre, denen solch traditionelle  Kirchenmusik, vieler heikler Passagen wegen, höchste Konzentration und Können abverlangt. Gerade in der "Cäcilienmesse", aber auch im nachfolgendem "Te Deum", das zu jenen bemerkenswerten Kompositionen geistlicher Musik gehört, die besonders berühren. In Aalen erklang es erstmals, obwohl Hector Berlioz Opus 22 bereits 1855 uraufgeführt wurde. Noch ein kleiner Unterschied: Damals standen in der Pariser Kirche St. Eustache rund 900 Sänger im Chorraum, um der vom Komponisten überaus gewaltig angelegten Klangmacht gerecht zu werden. Aalen ist nicht Paris und Kirchenchöre hätten heute definitiv ein Personalproblem.  Mit einem ganz anderen hat zudem die Salvatorkirche zu kämpfen, mit besagter Akustik. Im vorderen ersten Drittel schallen Musik und Gesang übermäßig in den Ohren, der Klang verwischt und ohne Textblatt bleibt der Inhalt unverständlich. Die Besucher des Jubiläumkonzerts in den hinteren Reihen hatte diesbezüglich das bessere Los gezogen. 

Umso lobenswerter das Vorhaben der Chöre, ausgerechnet den Begründer sinfonischer Programmmusik und moderner Orchesterinstrumentation mit ins Programm zu nehmen. Trotz des Wissens um Berlioz´ durchaus schwerfälliger Komposition, die zudem eben auch noch eine  schiere  Vielzahl an Mitwirkenden erfordert. Gerade das "Te Deum" fällt für heutige Zeitgenossen in diese Kategorie überfrachteter und monumentaler Werke. Vor über 150 Jahre standen sie für eine Revolution im Musikbetrieb. Bei Berlioz eine, deren Pauken und Trompeten aufzurütteln vermögen, deren Orgeleinsprengsel göttlicher Kommentierung gleicht. Keine einfache Aufgabe für Chor und Orchester, zumal das diffizile Werk sich christlicher Musiktradition verhaftet fühlt und folglich zu einem breiten dynamischen Spektrum vom Pianissimo bis zum Forte.

 

Die Zuhörer sind restlos begeistert

Dennoch war es einst staatstragend bis zum "Salvum  fac populum tuum" am Ende der Komposition, widmete doch Berlioz sein "Te Deum" dem unheiligen Dreigestirn Kaiser, Kirche und Armee. Übrig geblieben ist heute glücklicherweise nur noch Kirche und Glaube, was nichts desto trotz nach Männer-,und Frauenchor, nach Solisten, Orgel und Orchester verlangt. Entsprechend hatten die Chorleiter alle Hände voll zu tun, sämtliche Mitwirkende unter einen Hut zu bekommen. Dramaturgisch gibt ihnen Berlioz den Wechsel von Hymnus und Gebet mit auf den Weg, beginnend mit Akkorden, die abwechselnd vom Orchester und Orgel (Thomas Haller) gespielt werden. Konzipiert als  Dialog zwischen säkularer und kirchlicher Macht, beim Konzert gleicht er dem Disput zwischen Mephistopheles und Gott im Prolog zu "Faust 1". Ein Auftakt, wie er besser nicht hätte gestaltet werden können, zugleich aber den notwendigen Kontrast zum "Te Deum laudamus" bildet, mit dem der Chor das eigentliche Hauptthema einleitet, bei welchem der Frauenchor so nachdrücklich mit hellen Stimmen "Dir rufen alle Engel" singen.

Die weltlichen Musikfreunde unter den Konzertbesuchern dürften sich dann wohl an einen weiteren Höhepunkt in Berlioz‘ "Te Deum" erfreut haben,  dem "Sanctus". Dreifach wiederholt preisen die Frauenstimmen die Engel, pastorales Orgelspiel huldigt der Herrlichkeit Gottes, während die Apostel, Propheten und Märtyrer von den Männerchören besungen werden. Dazwischen Orchestermusik, wie sie majestätischer kaum sein könnte, während hingegen Georg Kalmbachs Tenor im Vergleich zu einem fast schon stillen "Te ergo quaesumus" ruft. Zum Abschluss erfährt das bombastische Werk erwartungsgemäß dann seine glanzvolle Krönung, die Chor und Orchester nochmals fordert. Eine Musik, die jeden vereinnahmt, sei es durch die spirituelle Botschaft oder eben ganz säkular durch ihre klangliche Intensität. Die Zuhörer in der Salvatorkirche sind davon jedenfalls so begeistert, dass sie stehend minutenlang applaudieren.

 

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Aalener Kulturjournal