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17. VR-Bank-Kunstpreis geht an Wolfgang Neumann

Groteske Tumulte, Szenen und Tableaus

Im Ökonomiegebäude des Schlosses zwei Stockwerke voller Kunst. Malerei, wie aus dem Bilderbuch des Expressionismus, bei dem einen oder anderen scheinen Gisela Andersch, Willy Jaeckel oder Ernst Ludwig Kirchner Pate gestanden zu haben. Auch Hieronymus Bosch und der Höllen-Breughel lassen grüßen. Doch nicht die alten Meister der anamorphotischen Deformation stellen im Fachsenfelder Schloss aus, sondern der Waiblinger Künstler Wolfgang Neumann, der sich gestern Abend über den Kunstpreis der VR-Bank Ostalb freuen durfte. Gewürdigt wurde sein Gesamtwerk, aber insbesondere auch jene Arbeiten, die in zweijähriger Pandemieisolation entstanden sind. Zugegebenermaßen höchst beeindruckende.

Der Stiftungsvorsitzende von Schloss Fachsenfeld, Aalens Oberbürgermeister Thilo Rentschler, wertet es als untrügliches Zeichen, dass das Schloss auch nach der Pandemie idealer Hort von Kunst und Kultur bleibe. Der VR-Bank bescheinigt er vorbildliches Engagement und hofft auf weitere Nachahmer, da die Kunst in schwierigen Zeiten viele Unterstützer benötige.

VR-Bank-Vorstand Kurt Abele konnte bei der Ausstellungseröffnung zum 17. Male den VR-Bank-Kunstpreis verleihen. Eine Würdigung für Künstler aus dem deutschen Südwesten, die immerhin 4000 Euro Preisgeld mit sich bringt. Abele sieht im Engagement seines Institutes gelebte Verantwortung eines Wirtschaftsbetriebes für die Gesellschaft. Kunst sei die Bühne der Freiheit. Symbol dafür sei der gusseiserne Pleuer-Rabe. Der schwäbische Impressionist Hermann Pleuer verewigte ihn einstmals in seiner Malerei und die Freiherren von Koenig-Fachsenfeld holten ihn sich als Wandzierrat ins Schlossgemäuer.

 

"Es war, als ob das Meer sich selbst verschlänge" (Plinius)  

Den modernen Raben als Kleinplastik schuf Alfred Neukamm als künstlerisch gestalteten SHW-Eisenguss. Mit dieser Plastik sollen über den VR-Bank Kunstpreis bedeutende Leistungen im Bereich der bildenden Kunst gewürdigt werden. Zu den bekanntesten Preisträgern gehören übrigens unter anderem  Romane Holderried Kaesdorf (2006), Johannes Hüppi (2008), Heinrich Weid (2009) und Dorothea Schulz (2011).

Wortreich und unterhaltsam brachte der Stuttgarter Kunstexperte Gerhard van der Grinten dem interessierten Publikum die Kunst des Preisträgers näher: "Das ist Malerei von Wucht, prall, oft wüst, burlesk im Ton und nicht selten von finsterer Komik." Solcherart von Darstellung sei ein Muss in heutigen Zeiten, wo blinder Zorn und bodenlose Borniertheit jedweden Anstand bis zur Obszönität deformierten.

Neumanns Kunst eigen sei eine eigensinnige Eulenspiegelei, "die ja auch immer Ausdruck von Humanismus gewesen ist, der Schalk, der Witz, auch dessen bodenlose Variante." Van der Grinten erinnert an Sebastian Brandts "Narrenschiff" und an Erasmus von Rotterdams "Lob der Torheit". "Wer sehen kann, dem ist nun einmal aufgegeben, an der Vernageltheit der Welt zu leiden. Komik ist dagegen eine Waffe. Und sie ist scharf." Dass sich der VR-Bank-Kunstpreisträger auch hätte vor einer eindeutigen Stellungnahme drücken können, macht van der Grinten klar. Wer jedoch deutlich werde, müsse auch Position beziehen. "Um so mehr als diese Bilder die Gegenständlichkeit nicht verleugnen, manches gerät gar bis über die Schmerzgrenzen hinaus." Lediglich im Ungefähren zu bleiben hätte stets die Neigung, "der Welt und ihren unangenehmen Seiten aus dem Weg zu gehen." Voll des Lobes zeigt sich der Vernissageredner. "Schiere malerische Qualität" bescheinigt er Wolfgang Neumann.

"Selbst wo der Zugriff an die rüden Gesten eines Expressionismus denken lässt, ist die formale Lösung der bildnerischen Probleme stets sicher, und sind auch die Flächen, die den Figuren und ihren Aktionen Umraum bieten, durchgestaltet, durchgearbeitet und nie leer in dem Sinne, dass da, wo nichts ist, künstlerische Verlegenheit wäre."

Wer einem dieser Bilder gegenübertritt, den erwarten "Giganten, Titanen, Chimären", die mit all dem "wüsten Wüten der Antike" in Kämpfe und Auseinandersetzungen verwickelt seien, "manche davon archaisch, manche atavistisch, unbehaust: theatralische Tumulte, Szenen und Tableaus." Neumann greift die Absurdität und Endlichkeit der Existenz als gallenbittere Farce auf: "Saftig, fleischig, lebensprall." 

Ob nun mental und/oder körperlich Deformierte, Surfer über Sperrmüll, Zwitter- und Totemwesen sowie all die aktuellen Ikonen und Unsterne - Neumanns Bilder bleiben der Eindeutigkeit zugleich aber auch enthoben. "Sie verrätseln ein Stück weit mit Symbol und Emblematik", so van der Grinten. Dem Betrachter bleibt nur das Grübeln.

Der 4. Inklusionspreis geht an die Künstlergruppe der Behinderten-Förderung-Linsenhofen

Den ebenfalls an diesem Abend vergebenen 4. Inklusionspreis (VR-Bank Ostalb und Stadt Aalen) erhielt die Künstlergruppe der Behinderten-Förderung-Linsenhofen (Kreis Esslingen) für ihr Projekt "In&Out", für Bronzegussobjekte, hergestellt von Menschen mit geistiger Behinderung.  Musikalisch umrahmt wurde die Preisverleihung von Andreas Holdenried und Helmut Siegle.

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Aalener Kulturjournal