ENTDECKT 20 Jubiläumsausstellung SüdWestGalerie NiederaIfingen

Dr. Sabine Heilig: Rede zur Ausstellungseröffnung

(…) als nach Gründung der SüdWestGalerie 1998 im darauffolgenden Jahr die erste Ausstellung mit Werken von Georg Karl Pfahler hier in Niederalfingen eröffnet wurde, war noch nicht abzusehen, dass der Kunstfreund und -sammler Cyprian Brenner zusammen mit seiner Frau Dorothea 20 Jahre später nicht nur auf eine 35jährige Sammlertätigkeit, sondern auch auf erfolgreiche zwei Jahrzehnte Arbeit als Galerist zurückblicken kann. "Sammeln", so Lothar-Günther Buchheim, "ist sicher eine Verrücktheit und zugleich das Natürlichste auf der Welt" (aus: Peter Sager: Die Besessenen - Begegnungen mit Kunstsammlern zwischen Aachen und Tokio, Köln 1992, S. 7).

Bei Cyprian Brenner begann diese "Verrücktheit" mit 23 Jahren, als er erste Bilder bei Ernst Wanner in Aalen kaufte, woraus sich über die Jahre eine Sammlung aufbaute, die bald über das anfängliche Interesse an der Kunst Ostwürttembergs und des deutschen Südwestens hinausreichte. Dass Kunst "eine verrückte Suche nach Individualität" sei, soll Paul
Gaugin gesagt haben. Folgerichtig könnte man sagen, dass es auch völlig normal ist, sich wie ein Wahnsinniger mit Kunst zu umgeben. Dass die ersten Räumlichkeiten der Galerie schon wenige Jahre nach der Gründung zu klein wurden, nahm die Familie Brenner zum Anlass, den gesamten ursprünglichen Baubestand, also Galerie und Wohnhaus komplett umzugestalten.

So erweiterten Dorothea und Cyprian Brenner 2002 die knapp vier Meter hohen Galerieräume im Niederalfinger Auweg, dort wo Cyprian Brenner Senior sein Baugeschäft hatte, durch einen 21 Meter langen Neubau des Architekten Prof. Thomas Ott (1946-2003), der 2005 mit dem renommierten Hugo-Häring-Preis des Bundes Deutscher Architekten ausgezeichnet wurde. Die SüdWestGalerie hat seither ein überaus repräsentatives Zuhause, das in seiner architektonischen Konzeption auch nach mehr als 15 Jahren immer noch hochaktuell ist.

Das künstlerische Programm der Galerie, von Beginn an auf die deutsche Kunst nach 1945 ausgerichtet, legte zunächst den Fokus auf die Kunstszene Südwestdeutschlands. Die Titelgebung SüdWestGalerie erwies sich im Nachhinein zwar als Glücksfall, suggerierte man damit vielfach sogar einen musealen Kontext, sie erwies sich aber im Hinblick auf die geografische Ausrichtung als zu eng gefasst. Die Eröffnung einer zweiten Galerie unter dem Namen "Galerie Cyprian Brenner" im Jahre 2014 mit Sitz in der Lange Straße in Schwäbisch-Hall und gleich um die Ecke der Kunsthalle Würth, war ein folgerichtiger Schritt, die Galerietätigkeit aus der regionalen Begrenzung zu lösen, einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen sowie den dortigen Schwerpunkt auf nationale und internationale Kunst zu legen.

Doch Kunst zu sammeln ist das Eine, Kunst zu verkaufen, ist eine Kunst für sich. Professionalität war schon immer das Credo der Brenners. Im Kunsthandel gilt es, sich einen Ruf zu erarbeiten, mit vielversprechenden KünstlerInnen zusammen zu arbeiten, einen stabilen Kundenstamm aufzubauen, Kunstsammler zu gewinnen und ein großes Netzwerk an Kontakten und Verbindungen zu generieren, Doch nicht nur das. Daneben wird ein Wissen über die Kunst und Künstler erwartet sowie ein Gespür für Trends. Auch betriebswirtschaftliches Handeln ist gefordert, Organisationstalent, Mobilität und nicht zu vergessen ausgeprägte kommunikative Fähigkeiten.

Was sich hier anhört wie eine Stellenbeschreibung ist für Cyprian Brenner selbstverständlich, wenngleich er sich das ein oder andere durchaus auch erst erarbeiten musste. Doch nicht nur die Kunden, sondern auch sein Künstlerstamm schätzen Brenners künstlerisches Wissen, seine Begeisterungsfähigkeit und Überzeugungskraft.

Verändert haben sich seit damals die Vertriebsstrategien im Vergleich zur Gründerzeit der Galerie, wo es vor jeder Ausstellungseröffnung galt, tausende von Adressetiketten auf die vorbereiteten Einladungskarten zu kleben. Vor allem durch die medialen Dienste können nun nicht nur viel mehr Kunstinteressierte, sondern auch ein Generationen übergreifendes Publikum angesprochen werden. Eines ist jedoch in den 20 Jahren gleich geblieben, das Vergnügen und die Leidenschaft, sich mit zeitgenössischer Kunst zu umgeben und der unbedingte Glaube an das originale Kunstwerk.

Was einem selbst gefällt, kann man auch gut verkaufen. Eine Maxime, die für Cyprian Brenner ebenso gilt wie sein immer wieder gern zitierter Leitsatz "Wo NuteIla drauf steht, muss auch NuteIla drin sein."

 

Was so viel heißen mag, dass es dem Galeristen Cyprian Brenner wichtig ist, Kunst zu vermitteln und zu verkaufen, die authentisch, original, qualitätvoll und werthaltig ist. Den Schwerpunkt hat er dabei auf die traditionsreichen Gattungen Malerei,
Bildhauerei sowie Zeichnung/Grafik gerichtet. Auf Werke also, die sich entsprechend ihrer Form, Größe und Wirkung auch im privaten Bereich installieren lassen. Und damit dem Kunstfreund und -sammler die Möglichkeit gegeben; nicht nur gute Kunst in idealen Räumen zu konsumieren, sondern diese auch in den eigenen vier Wänden ansprechend präsentieren zu können.

 

Bleiben wir bei den Wänden - beim Raum:

"Raumerlebnis'' und Raumveränderung" sind Begriffe, die der zu Beginn genannte konkret-konstruktive Künstler Georg Karl Pfahler für sein Ansinnen immer wieder genannt hat. Pfahler sprach damals auch vom "öffentlichen Raum" - mit Recht, denn was wäre das Kunstwerk ohne den Anteil des Betrachters. Kunst ohne Öffentlichkeit macht keinen Sinn. Doch bevor es zur Rezeption von Kunst überhaupt kommen kann, bedarf es eines Künstlers, der ein Werk schafft. Wobei es wiederum so ist, dass ein Kunstwerk für einen Künstler etwas ganz anderes ist, als das, was es für uns, für den Betrachter ist. Insofern hat die Unmittelbarkeit der Wirkung eines Kunstwerks eine eminent wichtige Funktion bei der Wahrnehmung von Kunst.

Im Gespräch mit Menschen, die Kunst betrachten, fällt häufig die Bemerkung, ein bestimmtes Werk habe sie direkt und unvermittelt angesprochen. Dieser spontane Impuls setzt Glücksgefühle in Gang. Und solche beim Galeristen, wenn dieses Werk dann auch seinen Besitzer wechselt!

Von der Lust auf das Bild/Skulptur erzählt uns auch diese JubiläumsaussteIlung. "ENTDECKT 20", so ihr Titel. Versammelt sind rund 60 Arbeiten von 28 Künstlerinnen und Künstler, die allermeisten gute Bekannte im Hause Brenner. Aber es gibt auch immer wieder neue Entdeckungen zu machen, so wie auch dieses Mal.

Zum Beispiel die Bildhauer Stefanie Ehrenfried, Herbert Mehler und Jan Thomas, die mit Filz, Stahl und Holz arbeiten, und den Maler Aliresa Varzandeh. In regelmäßigen Abständen zeigt Cyprian Brenner "seine" Künstler, von denen er nicht ohne Stolz sagt, dass sich viele von ihnen über die Jahre hinweg sehr gut entwickelt hätten und mittlerweile, auch in Kooperationen mit der Galerie, in Museen und Ausstellungsorten in ganz Deutschland und im Ausland gezeigt werden. Hier in der SüdWestGalerie werden sie häufig in Einzelausstellungen im Ott'schen Galerieanbau präsentiert, ab und an in thematischen Gruppenausstellungen und auch bereits zwei Mal in großen Überblicksschauen im Zusammenhang mit besonderen Ereignissen. So 2004 zur Ausstellung "Signal Südwest" anlässlich der Einweihung des Neubaus und des angrenzenden Skulpturenhofes mit 22 Ausstellenden und 2008 nach 10jähriger Galerietätigkeit unter dem Titel "ZEHN" mit 18 vertretenen Künstlerinnen und Künstlern.

Nehmen wir die heutige Präsentation, die sich der Erinnerung an 20 Jahre Galerietätigkeit widmet, zum Anlass, uns mit dem Thema Zeit und Kunst zu beschäftigen. Zeit als Aspekt in Malerei und Bildhauerei - Zeit als Motiv gebende Komponente, als subjektiv erfahrbarer künstlerischer Moment, Zeit als Strecke, als Abschnitt, als räumliches Phänomen.

Wir wissen, die Zeit wird nur durch ablaufende Ereignisse wahrnehmbar, die in Bewegungsmomenten begriffen werden. Also möchte ich gerne die Künstler dieser Ausstellung ganz kurz unter dem Aspekt betrachten, inwieweit in ihrem Schaffen die fortlaufende Zeit sichtbar ist oder thematisiert wird.

(Dabei habe ich festgestellt, dass es zufälligerweise in dieser Ausstellung ein paritätisches Gleichgewicht zwischen Bildhauern und Malern gibt.)

KünstlerInnen dieser Ausstellung

 

Franz Baumgartner: Landschaft: Einfrieren eines Momentes, Überzeitlichkeit

Franz Bernhard: Versehrtheit des Menschen, Zeitlosigkeit im Sinnbild

Emil Cimiotti: abstrahierte Figur: Anhalten von Zeit, Unvergänglichkeit,

Isa Dahl: Farbwelten : dargestellte Zeit, zeitlicher Ablauf, Energie,

Roland Dörfler: Mensch und Raum: Vanitas, Verhaltenheit im Ausdruck,

Stefanie Ehrenfried: Menschliches: Verdichtung, der Zeit entrückt,

Hermann Försterling: Natur: Unendlichkeit im Schönen, Vergänglichkeit,

Armin Göhringer: Holzstamm: Verletzbarkeit, Schnelligkeit, ,

Moritz Götze: Der Mensch: Vergangenheit und Heute, Tiefsinn,
Klaus Hack: Figur im Holz: Zwischenwelten, Idealität,

Rudolf Haegele: zwischen Abstraktion und Figuration, Vergänglichkeit, Erneuerung,   

                             Palimpseste,

Thomas Kitzinger: Dingwelt: Ewigkeit, Schönheit, Zeitlosigkeit,
Peter König: Mensch und Sein: Leidenschaft im Leben, Kausalität von Ereignissen

Bruno Kurz: Landschaft: Empfindung, Bewegung, LichtErscheinungen, Flüchtigkeit

Vera Leutloff: geometrische Abstraktion: kontrollierte Bewegung, räumliche Ausdehnung,

Herbert Mehler: Naturform : Rhythmus, Wachstum, Entfaltung
Werner Pokorny: Gegenstand und Raum: Archetypisches, Beständigkeit,

Thomas Rissler: Abstraktion: Bewegung, Kommen und Gehen,
Robert Schad: In den Raum zeichnen: Entwicklung, Durchdringung, Raum und Zeit 

                          verbindend,

Mirko Schallenberg: magische Dingwelt: Ruhe, Zeitlosigkeit, Symbolhaftigkeit,

Sylvia Siemes: weibliche Figur: Innehalten, Konzentration, Weltentrücktheit,

Jan Thomas: Phantastik: zwischen Vergangenheit und Gegenwart, physische Präsenz,

Christoph Traub: Torso: Idealität von Stein und Form, Überdauern der Zeit,

Aliresa Varzandeh: Welt im Licht: Schnelligkeit, Auflösung, Empfindung,

Daniel Wagenblast: Mensch und Gegenstand: Balancehalten, Beziehung aufbauen,

Rudi Weiss: Landschaft: Verschwinden von Form, Auflösunq in Licht und Raum,

Andreas Weizenbach: Welterereignisse, Dramaturgie, ereignisreich, Kausalität,

Andrea Zaumseil: Naturformen : Erfindung, Wachstum, Vielgestaltigkeit,

Sie merken schon, in der Vielfalt und Einzigartigkeit all dieser künstlerischen Positionen lässt sich in jedem Fall Zeitlichkeit feststellen, weniger als motivisch dargestellte Zeit, denn als abstraktes Phänomen. Auf jeden Fall aber findet Bewegung bei den Betrachtenden statt: im Denken, im Sehen, im Empfinden. Ohne uns, ohne das Publikum, sind die Kunstwerke nicht vollständig.

"Ich bin der Meinung, dass Kunst Sinn stiften muss", sagt Cyprian
Brenner. Kunst bereichert das Leben, sie vermittelt Botschaften. Und so sieht er es auch als Privileg an, mit einer Galerie auf dem Land für die Kunst tätig zu sein. Einen Ort anzubieten, in dem Öffentlichkeit stattfindet, in der Kulturarbeit hochprofessionell geleistet wird.

Vor 10 Jahren sprachen Dorothea und Cyprian Brenner noch von einem "Zwischenschritt". Jetzt, nach weiteren 10 Jahren ist die SüdWestGalerie fest in der Region verankert. Sie repräsentiert mit ihrem Programm das künstlerische Leben des südwestdeutschen Raumes und hat sich zu einem wichtigen Bestandteil der Kulturszene in Baden-Württemberg entwickelt.

Und in der Zukunft - wie geht es weiter? Natürlich geht es um den Erfolg - das Ziel, die Galerie umsatzstark weiterzuführen. Doch Erfolg besteht aus mehr als dem Erreichen eigener Ziele. Erfolg zu haben, heißt auch, Anerkennung zu finden. Und diese Anerkennung lässt sich nicht nur monetär messen, sondern auch anhand des öffentlichen Interesses. Und daran haben auch Sie mit Ihrem Interesse maßgeblichen Anteil.

Happy Birthday SüdWestGalerie und Glückwunsch an die ganze
Familie Brenner - auf weitere erfolgreiche Jahre!

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Dr. Sabine Heilig

 

 

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