Atif Gülücüs Kunstinstallation im Aalener Stadtgarten

50 weiße Rosen für Frieden und Zukunft

Irritiert schaut manch Sonntagsspaziergänger auf dieses kreisrund angeordnete Meer an Baumstämmen. "Ja, Meer!", erklärt Atif Gülücü auf Nachfrage.  Mit dem Finger zeigt er auf das Blau des Wassers, auf das Weiß der Schaumkronen. Fast wie es Charles Trenets in einem seiner Chansons besingt: "La mer / au ciel d'été confond / ses blancs moutons / avec les anges si purs, / la mer bergère d'azur infinie. - Das Meer / vermischt am Sommerhimmel / seine weißen Schaumkronen / mit den so reinen Engeln / Das Meer, Hüter eines unendlichen Blaus." Die Verse beschreiben schwebend leicht die Spiegelung des Sonnenlichts auf dem Mittelmeer, ein wenig versonnen, ein wenig rührselig.

An all das erinnert der aus Antakya stammende und heute in Preetz (bei Kiel) lebende Künstler Atif Gülücü. Dennoch hat er keine schöne Meeres-Impression im Sinn, als er sich an die Konzeption seines Kunstwerks macht, einer Installation, die den Titel "50 weiße Rosen für Freiheit und Zukunft" trägt. Zugegebenermaßen etwas lyrisch klingend, aber im Wesen tief politisch, denn Atif Gülücü greift das anhaltende Flüchtlingsdrama im Mittelmeer unmittelbar auf. Er urteilt nicht, beschuldigt niemand, appelliert aber dennoch an die Menschlichkeit all derjenigen, die helfen könnten.

Auf seine Art, mit seinen Ausdrucksmöglichkeiten als Künstler, die er gerne mit dem Gedicht "Herzensfluss" umschreibt: "Ich sehe die Musik. Ich höre die Farben. Ich male die Töne, die aus der Tiefe meines Herzens fließen." Lyrik, die er zu Kunst werden lassen kann, die sich wie ein roter Faden durch seine Arbeiten zieht und für ihn Voraussetzung für seine Kunst ist. Unerlässlich hierbei ist ihm Freiheit und Offenheit, denn nur so lassen sich auch strittige Themen aufgreifen, nur so kann er bei der künstlerischen Umsetzung einer Idee ungezwungen Fragen stellen, nur so kann er sich auf etwas bereits Bestehendes einlassen. Das Überschreiten medialer Grenzen und eine spielerische Experimentierfreudigkeit verbinde er mit der Geduld und Ruhe einer „Schildkröte“, urteilt er über sich selbst, ist aber dennoch allzeit bereit während eines künstlerischen Arbeitsprozesses spontan neue Ideen und Bedeutungsmuster aufzunehmen.  So auch im Stadtgarten, wo er nicht nur die Birkengruppe mit einbezieht, sondern noch unmittelbarerer eine Schar (bronzener) Straußenvögel. Vorhandenes in die Kunst holen, um die Aussagekraft zu erhöhen.

Kunst voller Andeutungen

Zwei lange Wochen Baumstämme weiß und blau einfärben (Drittklässler der Aalener Schillerschule griffen ihm tatkräftig unter die Arme). Allein mit sich und den Gedanken an diejenigen, denen er diese Kunst widmet. Atif Gülücü findet hierüber zu immer neuen Einsichten, verändert entsprechend  sein Konzept. Im Gespräch deutet er viel an, verrät aber wenig. Noch am Tag vor der Präsentation gestaltet er um, positioniert einzelne Element der Installation neu. Sorgfältig geht er die konzentrischen Kreise aus blauen, weißen und naturbelassenen Hölzern durch, verrückt hier ein wenig, schichtet dort gleich mehrmals um.

Am Sonntag dann eine Art Vernissage. Kunstfreunde treffen nach und nach ein, umringen Gülücüs Arbeit. Die einen blicken skeptisch, anderen sieht man die Fragezeichen an. Manche  nicken zustimmend. Laut André Gide kann der Mensch nicht zu neuen Ufern aufbrechen, wenn er nicht den Mut aufbringt, die alten zu verlassen. Gerade in der Kunst keine leichte Aufgabe, dennoch möchte Atif Gülücü die Phantasie an die Macht rufen, sie zugleich aber mit seiner Arbeit ein klein wenig lenken. Drei Schülerinnen helfen ihm bei einer in die Installation verlegten Performance. Ein auf die Leinwand gemaltes Sonnensymbol wird in die Mitte getragen.

Mit pathetischem Unterton gibt er Sätze vor, die die Kunstfreunde wie eine Beschwörungsformel nachsprechen sollen: "Diese Sonne gehört niemandem, aber sie scheint für jeden Menschen!" Verständlich wie einleuchtend, doch Atif Gülücüs Installation nutzt die Sonnensymbolik zugleich als Identifikation des Lichts mit dem Guten, setzt sie so mit dem Ansinnen der  Aufklärer des 18. Jahrhunderts gleich, die damit die Befreiung aus geistigen Fesseln symbolisierten. Die Brücke zu Gülücüs  eigentlichemn Objekt seiner Kunst, den Flüchtlingen, und zugleich zum Subjekt, den Betrachtern, denen er das Schicksal dieser Flüchtlinge in Obhut gibt.

Zwei Farben ergeben einen neuen Farbton

Für Aalens Oberbürgermeister Thilo Rentschler die entscheidende Aussage. Und Einsicht, hierüber selbst  zum Objekt Gülücüscher Kunst geworden zu sein. Eine außergewöhnliche Kunstinstallation mit einer besonderen Botschaft, erkennt Rentschler. Die Installation sei ein Mahnung, all jene nicht zu vergessen, die aus ihrer Heimat geflüchtet seien. Ihnen zu helfen, sei Aufgabe einer Bürgergesellschaft. Wie sich allerdings die gegenwärtige humanitäre Hilfe der EU-Staaten geriere, sei eine Schande. Obwohl er schon nahezu vier Jahrzehnte in der Bundesrepublik lebt, sieht sich der Künstler dennoch immer wieder von seinen "orientalischen" Wurzeln beeinflusst. Vielleicht liebt er deshalb die Symbolik so sehr. In seiner Installation greift er

immer wieder danach, beispielsweise auch in den 50 mit Fotos präparierten Flaschen (hierbei waren die Schillerschule-Schüler ebenfalls als künstlerischer Assistenten gefordert), die "am Strand rund um das Meer" positioniert sind. Sie sollen für die Schicksale der Flüchtlinge stehen, sollen deren Anonymität brechen, sie zu menschlichen Individuen machen. Die weiße Rose, die die Zuschauer in die Flaschen stecken,  symbolisieren die unerlässliche Anteilnahme.

Atif Gülücüs Arbeit wirkt visuell ästhetisch, inhaltlich jedoch sperrig. Dass es sich gut darüber streiten lässt, dessen ist sich der Künstler bewusst. Vielleicht greift er deshalb bei der "Vernissage"  nochmals auf die Mithilfe des Publikums zurück.

Wer möchte, kann seine Gedanken zu dem Kunstwerk notieren und das Blatt in einer Flasche deponieren. Daraus wird 21mal (im Alten Testament Symbol für die Vollendung der Weisheit) Flaschenpost, die gleichermaßen symbolisch Gülücüs Meer der Hoffnung übergeben wird.

Entgegen möglicher Vermutung wirkt dies alles keineswegs überfrachtet, aber wie bereits erwähnt durchaus sperrig. Sperriger jedenfalls als die Küche der Kulturen beim Internationalen Fest. Statt nur zu feiern, fordert Atif Gülücü zum Nachdenken und Hinterfragen auf. Nicht nur, was das Schicksal der Flüchtlinge und das eigene Handeln betrifft, sondern auch bezüglich der Integration der Menschen, die derzeit hierher kommen. "Die Menschheit ist wie eine Palette verschiedener Farben. Zwei zusammen ergeben immer einen neuen Farbton. Das ist wahre Integration", meint er hoffnungsvoll und aus eigener Erfahrung: "Auch mir hat die Integration einen neuen Farbton ermöglicht."

 

INFO

Atif Gülücüs Installation ist noch bis Ende des Monats im Aalener Stadtgarten zu sehen.

 

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Aalener Kulturjournal